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Münster, 19.9.2020
Die vergessenen Deutschbalten: Der “landische Mittelstand” der Ostseeprovinzen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 21. Mai 2020 um 00:00 Uhr

Vom adelsgleichen Gutspächter bis zur Ausspeiserin

Brotze, AscheradenDie Vorstellungen über Deutschbalten sind mit Herrenhäusern und Adelstiteln verbunden; der Kundige erinnert sich zudem noch an das Leben und Werk von “Literaten”, die in Dorpat (heute Tartu) studiert hatten und die in der gesellschaftlichen Hierarchie gleich hinter dem Adel rangierten. Diese privilegierte Doppel-Oberschicht schrieb die Geschichte aus ihrer Perspektive. Aber nur eine kleine Minderheit unter den Deutschbalten waren Barone, Baronessen oder Akademiker. Die meisten Deutschbalten, die auf dem Land lebten und arbeiteten, gehörten zur breit gefächerten Mittelschicht, die von adelsgleichem Wohlstand bis zu ärmlichen Verhältnissen reichte. Arthur Hoheisel veröffentlichte 1998 einen Aufsatz zum “landischen Mittelstand”.1 Er bezog sich auf überlieferte Statistiken und beschrieb die Berufe, die Deutschbalten und deutsche Zuwanderer ausübten. Für Kurland, wo die Zarenregierung 1797 eine Volkszählung durchgeführt hatte, um die Kopfsteuer einzuführen, liegen genauere Angaben vor. Demnach waren in dieser Ostseeprovinz 9 Prozent der Deutschen adelig, 5 Prozent Literaten, 3 Prozent Beamte und 83 Prozent “freie teutsche Leute”- also die Mittelschicht, die im Gegensatz zu den Letten sich nicht als Erbuntertänige deutscher Gutsherren verdingen musste, 17.109 Personen. “Es ist erstaunlich, daß eine zahlenmäßig so starke Bevölkerungsgruppe von den beiden im Land führenden deutschen Schichten - Adel und den Literaten - unbeachtet geblieben ist,” meint Hoheisel.

Zeichnung Johann Christoph Brotzes von 1809: Oben: die Burgruine von Ascheraden, unten Krug und Kirche von Ascheraden, Foto: Neaizsargāts darbs, Saite

 

Der vielschichtige “landische” Mittelstand

Hoheisel zitiert aus einer Untersuchung Gerhard von Pantzers, der die soziale Schichtung des kurländischen Kirchspiels Ascheraden (lettisch: Aizkraukle) zwischen 1814 und 1833 analysiert hatte. Sie zeigt, dass auf dem Land nicht nur Gutsherren und Bauern lebten. Ascheraden hatte eine Schule, ein Doktorat, eine Post, sieben Krüge (Kneipen) und zwei Mühlen. Pantzer zählte die verschiedenen Arbeitsstellen, die meistens mit Deutschbalten besetzt wurden: 2 Lehrer, 1 Chirurg (ein Wundarzt ohne Studium, der aber über eine lange Ausbildung verfügte), 2 Postkommissare, 1 Förster, 1 Arrendator, 7 Amtmänner, 1 Ökonom, 5 Müller, 13 Krüger, die auch Handwerker waren, 13 Schmiede, 1 Schlosser, 1 Böttcher, 1 Schuhmacher, 10 Tischler. Im Gutsbetrieb selbst waren tätig: 2 Viehpächter, 1 Hofmutter, 5 Haushälterinnen, 2 Köche, 15 sonstige Bedienstete.3

 

Die gehobene Mittelschicht

Das soziale Ansehen und der materielle Wohlstand waren entsprechend ungleich verteilt. Sehr erstrebenswert war eine nahezu adelsgleiche Stellung als Arrendator - so wurden die Pächter des Kronsbesitzes bezeichnet; das waren landwirtschaftliche Flächen, die sich in russischem Staatsbesitz befanden.4 Darunter rangierten Förster und Gutsverwalter, die umfangreiche Kenntnisse benötigten. Sie waren die Vorgesetzten von Buschwärtern bzw. lettischen Leibeigenen des Gutsherrn. Eine Zeit lang hatten Förster den Offiziersrang inne. So erwarben sie nach einer gewissen Dienstzeit den russischen Adelstitel, der aber weniger galt als der deutschbaltische Indignatsadel. Wer als Gutsverwalter sein Einkommen aufsparte, um später selbst als Arrendator Großgrundbesitz zu bewirtschaften und sein Vermögen zu vermehren, konnte seinen Söhnen das Studium in Dorpat bezahlen. So vermochte eine Familie ins Literatentum aufzusteigen. Die Standesgrenzen waren also durchaus durchlässig.

 

Handwerker

Für die Handwerker war das Leben auf dem Land weitaus misslicher als in der Stadt.5 Keine Gilde schützte ihre Existenz, sie waren vom Gutsherren abhängig, der nur kurzfristige Pachtverträge für seine Krüge und Mühlen anbot. In solche Gebäude zogen die Handwerker mit ihren Familien ein - und nach Ende der Pachtzeit auch wieder aus. Handwerker waren sogleich die Kneipenwirte oder Müller des Gutsherrn und führten ein Nomadenleben. Sie konkurrierten mit den lettischen Landsleuten. Lettisches Handwerk hatte eine lange Tradition, weil schon die deutschen Eroberer vor vielen Jahrhunderten die handwerklichen Kenntnisse der “Undeutschen” zu schätzen wussten.


Dienstpersonal

Hoheisel unterscheidet im kurländischen Mittelstand die Schicht der gehobenen Positionen (Gutsverwalter, Förster...) von der mittleren Handwerker-Schicht (Schmiede, Tischler, Schneider...) und der unteren Bediensteten-Schicht (Haushälterinnen, Buschwärter, Hofmütter, Gärtner, Kutscher...). Von allen drei Gruppen sind im Kurland jener Jahre jeweils mehr als 2000 Haushaltsvorsteher oder Einzelpersonen registriert - wobei die Gruppe der Bediensteten mit 2564 Familien oder Einzelpersonen die größte darstellt, über die am wenigsten bekannt ist und die Hoheisel zu “guter Letzt” noch knapp abhandelt. Die Kolleginnen und Kollegen der Bediensteten waren viele Letten und wenige Polen. Frauen dienten als Haushälterinnen, Köchinnen oder Ausspeiserinnen, die Hoheisel als Bedienstete definiert, die für erbuntertäniges Personal das Essen zubereiteten. Auf den Gutshöfen arbeiteten Hofmütter, die das lettische Dienstpersonal befehligten. Männer arbeiteten als Aufseher und Wächter über Wald und Wiesen, Fischer, Jäger, Gärtner oder Reiter im Dienste des Grundherrn.

 

Deutschbaltischer Schwund

Trotz der Ansiedlung deutschsprachiger Kolonisten aus Wolhynien war der deutschbaltische Bevölkerungschwund nicht zu stoppen. In Lettland ging der deutschbaltische Anteil in der ländlichen Bevölkerung ständig zurück:

1881:    38.450

1897:    23.379

1920:    15.2946

Hoheisel führt dafür unterschiedliche Gründe an: Russland hatte die Grenzen zu Preußen gesperrt, so dass Handwerker nicht mehr so leicht einwandern konnten. Die Zeit der Russifizierung am Ende des 19. Jahrhunderts erschwerte das deutschbaltische Leben. Nun wurde an den Schulen nicht mehr auf Deutsch, sondern auf Russisch gelehrt. Wer in Dorpat studierte oder in der Verwaltung arbeitete, musste nun Russisch beherrschen. Hinzu kamen die Konflikte mit dem sich emanzipierenden Lettentum, die zur Revolution von 1905 führten, als Aufständische die deutschbaltischen Herrensitze brandschatzten. Das Zarentum erwies sich im Ersten Weltkrieg nicht mehr als Schutzmacht des deutschbaltischen Adels. Deutschbalten wurden wegen des willkürlichen Verdachts, Verrat zu begehen, nach Sibirien deportiert. Und schließlich enteigneten die Vertreter des jungen lettischen Nationalstaats Anfang der zwanziger Jahre den adeligen Großgrundbesitz, so dass deutschbaltische Barone ihre Existenz verloren. Die Minderheitenrechte, die die liberale Verfassung von 1920 gewährte, gingen in der Ulmanis-Diktatur wieder verloren. Die Mischehen des Mittelstands bewirkten, dass Deutsche lettisiert wurden: Wenn die Mutter Lettin war, lernten die Kinder deren Sprache. Dennoch blieben Deutschbalten als Handwerker, Industrielle und Wissenschaftler bis 1939 in Lettland aktiv. Im Sinne einer “Geschichte von unten” wäre es reizvoll, die Biographien von Menschen näher zu erforschen, die den Berufen des deutschbaltischen Mittelstands nachgingen.

 

Quelle:

1 Arthur Hoheisel: Der landische deutsche Mittelstand. In: Wilfried Schlau (Hg.): Sozialgeschichte der baltischen Deutschen, Köln 1997 (Mare Balticim), S. 211-232.

2 ebd. S. 213.

3 ebd. S. 211.

4 ebd. S. 214 ff.

5 ebd. S. 222

6 ebd. S. 228

 

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