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Münster, 03.8.2020
Von der Poesie zur Psychiatrie: Der lettische Schriftsteller Janis Poruks, Teil 1: "Der Perlenfischer" - die erste romantische Erzählung in der lettischen Literatur PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 16. Juli 2020 um 00:00 Uhr

Die Sehnsucht des Empfindsamen und sein glücklicher Tod

Blaue BlumeDer jugendliche Ansis hat eine verrückte Idee: Um sich einen Abschluss am fernen Gymnasium in Riga leisten zu können, will er Perlen im lettischen Fluss Gauja fangen, also dort, wo nur Schnecken, aber keine Austern zu finden sind. Gutsherr Talheims, der diesem merkwürdigen Treiben zuschaut, findet Gefallen an diesem eigenartigen und unpraktischen Charakter. Er erinnert ihn an einen Studienfreund, den er an der Königlich-Sächsischen Forstakademie Tharandt bei Dresden kennengelernt hatte. Dieser besaß eine künstlerische Ader, träumte zuviel und hatte sich schließlich umgebracht. Talheims liebt die poetisch Gesinnten und fördert Ansis` Bildung, warnt ihn vor dem Träumen und vor zu früher Liebeshingabe. Doch Ansis` Lebensweg führt nicht zu einer bürgerlichen Karriere. Der Träumer wird von Liebesbegegnungen ergriffen, deren unbedingter Anspruch im Diesseits unerfüllbar bleibt. Ansis Vairogs, Hauptfigur der Erzählung “Perlenfischer” von 18951, die Rezensenten für das erste romantische Werk der lettischen Literatur halten, ist ein Ebenbild des Autors Poruks, der in Dresden seine glücklichste Zeit erlebt haben soll. Mit dem Perlenfischer gestaltete er den lettischen Taugenichts, der sich nicht in die Begrenztheit des bürgerlichen Alltags einfügen mag. Im Unterschied zu Eichendorffs Taugenichts findet Ansis die Erfüllung nicht in irdischer Liebe, sondern im Tod.

Die blaue Blume als romantisches Motiv der Sehnsucht und der Liebe, Foto: Guido Gerding - URL: Ex: Natura - Freies Portal für Umweltbildung (Environmental Education), CC BY-SA 3.0, Link

In romantischer Literatur erwarten Leserinnen und Leser keine realistische Beschreibung des sozialen Milieus. Dennoch findet man im “Perlenfischer” (Perlu Zvejnieks) zeitlich Bedingtes: Der Lette Ansis, ein Jugendlicher aus armen dörflichen Verhältnissen, benötigt seinen Gutsherrn Talheims als Mäzen, um seine Bildungsreise anzutreten, die ihn bis nach Dresden führen wird. Der lettische Junge ist mit der deutschen Sprache und Kultur vertraut. Ansis kennt die Poeten Goethe, Schiller und Heine, den Philosophen Schopenhauer, den Komponisten Wagner. Doch Ende des 19. Jahrhunderts besteht für ihn keine Aussicht mehr, sich in die deutschbaltische Oberschicht zu integrieren. In der Zeit der Russifizierung der baltischen Behörden und Ausbildungsstätten muss Ansis erst einmal Russisch lernen, um als Nachzügler das Rigaer Gymnasium zu absolvieren, auf dem in frühreren Zeiten auf Deutsch unterrichtet wurde. Poruks schildert keine ethnischen Konflikte zwischen Letten und Deutschbalten; dass ein alter (wahscheinlich deutschbaltischer) Gutsherr einen jungen Letten fördert, der bestrebt ist, sich deutsche Bildung anzueignen, erscheint in dieser Erzählung nicht als erwähnenswerte Besonderheit.

Für den Literaturkritiker Guntis Berelis befindet sich Ansis auf einer doppelten Reise, einer äußeren, die ihn bis in die sächsische Hauptstadt führen wird und auf einer inneren auf der Suche nach sich selbst.2 Die entscheidenden Stationen des Lebenswegs sind Kunstgenüsse wie der Besuch von Wagner-Opern, aber vor allem Liebesbegegnungen. Berelis erkennt in Ansis eine literarische Figur neuer Art. Bis dahin agierten homogene Charaktere in der lettischen Prosa nach dem Motto: So bin ich und kann nicht anders. Die Darstellung von Ansis` Psyche ist moderner: Innerlich labil, zerrissen zwischen poetischen Träumen und praktischem Handeln, von unbestimmter Sehnsucht erfüllt, sich von seinem sozialen Umfeld bis zum Ausschluss und bis zum Untergang isolierend.

Die Welt, in der ein poetisches Gemüt scheitern muss, wird kritisch dargestellt; es ist die Welt der industrialisierten Moderne, die auf einem Gutshof in Ansis` Heimat noch einmal rückabgewickelt wird: “Anstelle der bleichen Gesichter der Städter lächeln die so gesunden der Bauern. Sie arbeiten friedlich und ihnen kommt nicht mit Faust ausrufend in den Sinn: `Fluch vor allem der Geduld!` Früher, als die Dampfmaschine in feuriger Geschwindigkeit Faden um Faden webte, als ob die ganze Welt eingekleidet sein wollte, fehlte hier die Geduld, bekanntlich damit auch das Glück. Nun spürt man den Hauch des himmlichen Gastes, der vor Lärm und Unfrieden flieht, sich für die Liebhaber der Ruhe zum Leben herablassend. In den Räumen der verlassenen Fabrik rosteten noch einige unverkaufte Maschinen und manch anderes, für die jetzige Wirtschaft des Gutshofs nicht notwendige Dinge.”3

Rigas erstes Staatsgymnasium

Rigas Erstes Staatsgymnasium, Foto: Papuass - Paša darbs, CC BY-SA 3.0, Saite

Es ist zu wohlfeil, romantischer Kritik reaktionäre Gesinnung vorzuwerfen; gewiss erscheint das Leben der Bauern, die sich vor wenigen Jahrzehnten noch als Leibeigene verdingen mussten, zu poetisch und idyllisch geschildert. Doch der kritische Blick auf das moderne Getriebe hat viel Unabgegoltenes. Lärm und Hektik konkurrierender Geschäftigkeit, die sich endlos beschleunigt, die das flüchtig Errichtete, das zuwenig Profit abwirft, gleich wieder einreißt, ist schon dem Erzähler des Perlenfischers ein absurdes Unterfangen. Die romantische Sprache vergleicht die verlassene Fabrik mit der Leblosigkeit eines ausgebrannten Vulkans, der nur eine mechanische und unliebsame Kraft verkörpert. Der Erzähler setzt dagegen das Organische, ein inzwischen politisch vergifteter Begriff, der Menschengemachtes mit Naturgegebenem gleichsetzt. “Am Anfang ist all das so großartig, wie mechanisch das eine Rad das andere antreibt, wie das Geld zusammenfließt und die Ware verströmt. Aber all das verschwindet mit der Zeit, nur das, was für die Ewigkeit bleibt, sollten wir bewundern. Das ist das Organische aus den erwachten Seelen um ihre allmählich wachsende Kraft.”4 In einem emanzipatorischen politischen Programm ließen sich der Begriff des Leblosen mit Entfremdung, der Begriff des Organischen als Identifikation mit dem Produzierten übersetzen. Davon ist eine marktkonforme Gesellschaft weit entfernt, die neben manch Sinnvollem in wachsenden Mengen Unnützes, gar Schädliches herstellt und konsumiert.

In der Welt lebloser Geschäftigkeit findet der künstlerisch Veranlagte keinen Platz, keine Aufgabe, diese Welt benötigt ihn nicht. Er bleibt untätig und sehnt die Ruhe auf den Straßen herbei. “Miers” bedeutet im Lettischen sowohl Ruhe als auch Frieden: “Endlich verstummte auch dieser Lärm. Alles war ruhig, alles horchte dieser Stille, die nach einem von Lärm und Unruhe erfüllten Tag kam und dich liebte, himmlisch grüßte. Ruhe, wie süß du bist! Du bist endlich der Sieger. Alle Disharmonien und Lärm sind in dir verschlossen, du anmutiger, geheimnisvoller Einklang! Geräusche gibt es viele, doch die Ruhe ist einzig!”5 Ebenso von Ruhe und Frieden erfüllt ist der untätig stille, poetische Träumer. Die Ruhe isoliert ihn vom lärmenden Getriebe, von der ganzen irdischen Welt: “Bleib ruhig und du tust niemandem Böses, ruhig wie der Abend, wie die Nacht des Silbermonds und du bist heilig, vom Bösen der Welt geschieden! Sei so sehr du selbst im Schweigen, in der eigenen Seele versunken! In deiner eigenen Seele ist alles das, was du bei anderen suchst! Weshalb bedrängst du die anderen? Werde wie die Nacht, verschlossen, unverständlich für andere, werde still!...”6

Dresdener Semperoper

Dresdener Semperoper, Foto: Müscha, CC BY-SA 3.0, Link

Die Mutter, zu der Ansis ein inniges Verhältnis hat und deren Sterben ihn in große Trauer stürzt, begreift die Leiden ihres empfindsamen Sohnes und formuliert eine ungewöhnliche Entschuldigung für die Erbsünde, einen Unschuldigen auf diese Welt gebracht zu haben: “Ansis, verzeihe mir, dass ich dich als nichtiges Regenwürmchen geboren habe, als verachtetes Dasein, verzeihe, dass ich dir einen Teil meiner Weichheit mitgab, für alle ein mitfühlendes Herz; ich weiß, welche Qualen ein solches Herz dem Menschen verursacht, ich weiß, wieviel du im Leben leiden wirst, - und dein Herz ist weicher wie Wachs, jener, für den es wie aus Stein ist, wird glücklich, er ist energisch, erreicht viel, du gar nichts, denn du schmilzt, wo große Hitze herrscht.”7

Die Frage ihres Sohnes, ob sie an die treue Liebe bis zum Tod glaubt, beantwortet sie ebenso überraschend: Sie hält sie zwar für möglich, doch nicht in der Ehe, die lediglich der Befriedigung der Gelüste und den Geburten diene. Wenn sich diese wahre Liebe in einem Augenblick zeige, führe sie die Liebenden in eine andere höhere Welt; es ist ein geradezu mystisches Erlebnis: “Wo wahre Liebe ist, dort ist der Tod des Fleisches und die Trennung von allem, das den Menschen mit dem Bösen verbindet. [...] Wahre Liebe ist wie der Schlaf, der den Menschen erfasst, um nie wieder zu erwachen, wahre Liebe ist die Entfremdung und Entfernung von der Welt und die Vereinigung mit Gott.”8 Die wahre Liebe ist in dieser Vorstellung die poetische, die auf dieser Welt keinen Platz findet. In Dresden, wo Ansis ein Musikstudium beginnt, wird er diesen Moment erleben.

Das sächsische Elbflorenz erscheint dem jungen Letten wie ein Paradies, das dem Irdischen schon leicht entrückt ist: “Wie schön hier die Natur ist, dachte Ansis und schaute hinüber nach Loschwitz. Hier wandelten viele berühmte Denker, Dichter und Künstler. Er erschauerte merklich, als er daran dachte, dass nicht unweit von hier einst Schiller dichtete, dass sich hier Goethe als Leipziger Student bei seinem originellen Schuster aufhielt und Kunstausstellungen besuchte, dass hier Körner wohnte, dass hier Schopenhauer einen Teil seiner Werke schrieb und weiter: hier komponierte Carl Maria von Weber seine anmutigen Melodien; später hier Wagner einen Teil des Lohengrins! Alle diese Geistesgrößen wurden für Ansis lebendig und das Elbflorenz (Dresden) erschien ihm mit seiner Umgebung das Paradies zu sein, wo sich die Lebenden mit den Toten ungestört trafen und miteinander unterhielten.”9

In dieser Kulisse lernt Ansis die Kommilitonin Anna Blume kennen, die damals an einem privaten Konservatorium schon studieren konnte (Der Erzähler zitiert zu ihr Heines Gedichtanfang “Du bist wie eine Blume”). Sie erleben die Oper “Tristan und Isolde”, der für Ansis zum höchsten Kunsterlebnis wird. “Ansis vernahm nun noch großartigere Klänge als einst im Rigaer Theater, wo er `Tannhäuser` gehört hatte. Während Wagner im `Tannhäuser` einige Vertreter der Menschheit gestaltete, war hier im `Tristan` das ganze Leben der Welt in Gang gesetzt. Der Auszug der gesamten Menschheit: Die Liebe widerspiegelte sich am leidenschaftlichsten und plastischsten in diesem enormen Werk.”10

Ansis und Anna verbindet eine ebensolche schicksalshafte Liebe, die nicht von dieser Welt ist. Wagner-Klänge zitierend werden beide von Todessehnsucht ergriffen: “Wäre ich doch imstande, dich glücklich zu machen!” flüsterte Anna. Ansis spürte Feuchtes auf der Hand: Sie weinte. `Ich bin doch glücklich!` sagte Ansis nun hörbar, `Ich fühle, dass ich alles, alles erreicht habe, das für mich erreichbar ist; jetzt kann ich sterben...` `Sterben!` wiederholte Anna, `sterben wäre schön, für beide zusammen, für einen allein ist es misslich zu sterben!`”11 Solche Sätze könnten mittlerweile nicht mehr formuliert werden, ohne Hohn und Spott zu ernten. In unserer abgeklärten Zeit klingt der Liebestod lächerlich pathetisch; man mag noch über erotische Beziehungen und soziale Probleme schreiben, aber nicht über Liebe und Tod.

Tharandt

Ansis und Anna treffen sich im malerischen Tal von Tharandt bei Dresden, wo sich die forstwissenschaftliche Akademie befindet, an der Ansis` Mäzen Talheims studierte, Andre Kaiser - Eigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Ansis verlangt von Anna keinen gemeinsamen Tod. Sie folgt dem Ruf ihrer Mutter, nach Böhmen zurückzukehren, um einen stattlichen und gebildeten Offizier zu heiraten. Für Ansis hingegen gibt es keinen Weg zurück in die bürgerliche Gesellschaft; seine Jugendliebe Zenta hat Arturs geheiratet, der ein konkretes Ziel verfolgt, nämlich Pfarrer zu werden, der im Baltikum ein Brotberuf ist, der die Familie nährt. Berta, die Ansis heimlich liebte, erkrankte und ist gestorben. Das wahre Glück findet Ansis nur im Tod; als Sterbender begegnet er seinen Perlen, sie erweisen sich als die Begegnungen, die er mit den Menschen hatte: Ein Fremder erklärt ihm, wie Ansis die Perlen unbewusst gefischt hat: “`Mit jeder Schnecke hast du eine Perle hervorgeholt! Du konntest diese Perlen nicht sehen, aber ich werde dir deine Augen öffnen.”12Als Perlen erweisen sich alle Menschen, die Ansis in seinem Leben begegnet war. Berelis bezeichnet diese Passage als erste symbolistische Traumszene der lettischen Literatur, sie gleicht den Erzählungen, die von Patienten mit Nahtoderfahrungen überliefert sind.

Ansis verkörpert die poetische Künstlernatur, die an der prosaischen Welt zugrundegeht. Bildung, Liebeserfahrungen und Kunsterlebnisse führten nur dazu, sich weiter von ihrem geschäftigen Treiben zu entfremden. Dem empfindsamen Gemüt gelingt es nicht, sich in der modernen, auf Konkurrenz getrimmten Gesellschaft durch Taten zu behaupten, es bleibt ihm nur die Sehnsucht nach Stillstand und Tod. Der Urheber dieser Figur kompensierte offenbar sein eigenes Leiden, davon handelt der zweite Teil.

 

Quellenangaben:

1 Janis Poruks: Perlu Zvejnieks, Riga 1929 (J. Roze)

Berelis: https://web.archive.org/web/20150214012649/http://www.kulturaskanons.lv/en/1/8/173/

3 Poruks, S. 59

4 S. 60

5 S. 38

6 S. 38

7 S. 57

8 S. 56

9 S. 99

10 S. 104

11 S. 125

12 S. 134

 
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