logo
Münster, 01.10.2020
Lettische Kunstausstellungen im August 2020 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 06. August 2020 um 00:00 Uhr

Vom Schaffen und Gebären, Erziehen, Eintrichtern und Biegen

Silava No debesimWas vereint Mütter mit Künstlerinnen? Hingabe? Leidenschaft? Opferbereitschaft? Eine Kunstausstellung thematisiert die Vergleichbarkeit des Werdens und des Schaffens, der Milch und des Gipses. Auch die erzieherische Aufzucht findet in Corona-Zeiten neue Entsprechungen in künstlerischen Materialien: Infusionsschläuche und biegsame Metalldrähte. Frei und ungezwungen entstanden die Werke baltischer Keramikkünstler an der lettgallischen Daugava. Hier die Zusammenfassung von PR-Texten lettischer Kunstmuseen für den Monat August.

Olga Silovas "Vom Himmel", Foto: LNMM

Riga: Stillzeit - Skulpturenausstellung von Olga Silova, Ance Vilnite und Nils Jumitis

Lettisches Nationalmuseum der Kunst, Hauptgebäude, Kuppelsaal in der 5. Etage, Jana Rozentala laukums 1, Riga, bis 20.8.2020

Die drei Künstlerinnen und Künstler, die als Dozentin, Studentin und Absolvent mit der Lettischen Kunstakademie verbunden sind, näherten sich dem Thema aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Kunstprofessorin Silova entdeckt Ähnlichkeiten zwischen der Mutter-Kind-Beziehung und dem Verhältnis vom Künstler zu seinem Werk. Mütter und Künstler verteidigen ihre Geschöpfe mit bestimmten Ideen und Vorstellungen. Werdende Mütter haben Schmerzen und Schwierigkeiten zu ertragen. Silova fragt sich, ob es Künstlern ähnlich ergeht. Der Schaffensprozess als eine mit der Schwangerschaft vergleichbare Leidenszeit. Ist in der künstlerischen Arbeit etwas wie Mutterinstinkt wirksam? Silova führt diese Frage zu einer mesmerischen Betrachtung: “Gedanken und Gefühle, die zur künstlerischen Form werden, gleichen der Muttermilch. Der Schweiß, mit dem die Oberfläche der Skulptur getränkt ist, gleicht der mütterlichen Zärtlichkeit. Die Energie, mit der der Bildhauer das Material auflädt und der Magnetismus, der sich nach langer Betrachtung des Gestalteten ergibt, ist die geistige und physische Nahrung, die der Künstler in seine Skulpturen hineingibt.” Silova gestaltete die Säuglinge aus Bildhauermaterialien, die gewöhnlich am Anfang dieser Kunst stehen: Milchweißer Gips, Polyurethane, Schaumstoffe. Sie bilden Zwischenstadien des Kunstwerks und ihre Form hat nur eine kurze Lebensdauer, Stoffe von fragiler Kurzfristigkeit.

Kunststudentin Ance Vilnite wird vom sozialpolitischen Dilemma inspiriert, in welchem sich Mütter wie Künstlerinnen gleichermaßen befinden: Auf beiden lastet der gesellschaftliche Erwartungdruck, sich voll und ganz ihrer Aufgabe zu widmen und auf anderes zu verzichten. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist oftmals aussichtslos, bedeutet zumindest eine chronische Überforderung. Kunst erfordert ähnlich viel Zeit, Energie und Aufmerksamkeit wie ein Kind. Kuratorin Ieva Kalnaca beschreibt Vilnites Installation als auf persönliche Beobachtungen gestützte Zweifel und Befürchtungen. Ihre zeitgenössische Sprache sei herb, vieldeutig und emotional. “Die Milch der Mutterbrust entsteht schon vor der Geburt. In mir entsteht auch ununterbrochen irgend etwas. Habe ich statt einen Mutter-, nun einen Künstlerinneninstinkt?” fragt sich Vilnite.

Nils Jumitis betrachtet das Thema naturgemäß aus männlicher Perspektive. Er gestaltet einen Raum fragmentarischer Kindheitserinnerungen, die nicht lieblich wirken. Düstere gusseiserne Figuren rufen Gefühle und Reflexionen hervor. Sie sind zerbrechlich, deformiert und bedrohlich wie eine Warnstimme des Unterbewusstseins. „Unklare Erinnerungen, die verlorene und unfassbare Zeit - was verschweigen sie über die Eigenart der Gegenwart?“ fragen die Kuratorinnen. Jumitis` Antwort bezieht sich auf den Prozess der Veränderungen, der Vergangenheit und Gegenwart verbindet: „Auch das Kunstwerk entsteht im Prozess, der im direkten und übertragenen Sinne Nahrung benötigt, in dem sich die Schaffensidee und Form verändert und entwickelt. Das rot glühende Metall fließt in das Innere der Form, `nährt` die Form und gewinnt eine neue Gestalt. Die Form wird in ein anderes Material übertragen, um eine neue Gestalt zu gebären - so wird in der gusseisernen Form der semiotische Versuch unternommen, erlebte Erinnerungen anzurühren, die sich in der heutigen menschlichen Wahrnehmung sehr gewandelt haben.“

Silova Megene

Olga Silova, Reagenzglas, Foto: LNMM

Riga: Sonnige Kindheit - Tatjana Nezbertes zeitgenössische Textilkunst

Museum für dekorative Kunst und Design, Vestibül in der 3, Etage, Skarni iela 10, Riga, bis 30.8.2020

Tatjana Nezbertes Textilien sind wie wortlose Poesie. Aus der Fläche wächst das Räumliche, das zur Gänze die eingebürgerten Vorstellungen über die Textilkunst als ein Bereich klassischer Handwerkskunst verändert,“ meinen die Kuratorinnen Inese Baranovska, Anete Pinke und Alise Pundure in ihrer PR-Ankündigung. Tatsächlich ist das präsentierte Gewebe aus unkonventionellen Fäden gewirkt: Infusionsschläuchen aus Plastik und Metalldrähten aus dem Baubereich, Materialien also, die für Übertragung, Biegsamkeit und Anpassung stehen, also physisch verkörpern, was psychisch oftmals in der Erziehung vonstatten geht. Die Auswahl dieser Materialien ist in der Pandemiezeit erfolgt, in der Nezberte zu neuen Einsichten zum Thema Gewalt gegen Kinder gelangte. Die Künstlerin beschäftigte sich mit der Dissertation von Lauma Springe, die die häusliche Gewalt thematisiert. Nezberte war überrascht, wie alltäglich diese Gewalt ist, die nun in der Zeit der Corona-Ausgangssperren sowohl im eigenen Land als auch weltweit zunimmt. „Die Gewalt ist wie ein Schandfleck, für den wir uns schämen und schuldig fühlen, über den wir schweigen. Es ist nicht üblich, darüber offen mit der Familie, Freunden und Bekannten zu sprechen,“ sagt Nezberte zum gewählten Thema, das sie mit eigenen persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen verbindet. Das Kunstobjekt „Sonnige Kindheit“ wird mit hörbaren Erlebnisberichten ergänzt, so dass die Besucher eigene Betrachtungen anstellen können, in wiefern Metalldrähte und Plastikschläuche als Symbole erzieherischer Praxis anzusehen sind.

Nezberte, Saulaina Berniba

Tatjana Nezberte, Sonnige Kindheit, Foto: Agnese Zeltina/ LNMM

Daugavpils: Keramisches Laboratorium

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, bis 25.10.2020

Keramikkünstler aus den baltischen Ländern arbeiteten zwei Wochen lang zusammen, um gemeinsam frei und ungezwungen die vielfältigen Möglichkeiten zu erproben, die das Material bietet. Losgelöst von den täglichen Verpflichtungen ihrer gewohnten städtischen oder ländlichen Umgebung konnten sie sich von der Festung Daugavpils, dem Flusslauf der Daugava und der lettgallischen Kulturlandschaft inspirieren lassen. Es war ein Zusammensein der besonderen Art in dieser ungewöhnlichen Zeit. Die ausgestellten Werke demonstrieren die Professionalität, Sinnlichkeit und den Ideenreichtum und dokumentieren die zeitgenössische Kunstszene. Sie gestatten einen Rückblick auf das Achte Internationale Kunst Symposium “Keramisches Laboratorium”, das trotz aller Widrigkeiten stattgefunden hat. Am Symposium nahmen teil: Harald Jegodzienski (LV), Monika Gedrimaite (LI), Agne Semberaite (LI), Olga Melehina (LV), Rudis Petersons (LV), Agnese Sunepa (LV), Ieva Jurka (LV), Laura Pold (EE), Lauri Kilusk (EE), Una Gura (LV), Lilija Zeila (LV), Eleonora Pastare (LV), Ilona Abdulajeva (LV), Nellija Dzalba (LV).

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||