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Münster, 01.10.2020
Archäologische Arbeiten am Jungfernhof bei Riga PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 13. August 2020 um 12:54 Uhr

Mit dem Spaten durch die livländische Geschichte

Ruine des JungfernhofsDamit dieser Artikel gut endet, wird das Schlimmste vorweg genannt: Das historische Gelände in der Nähe des Rigaer Viertels Kengarags am Daugava-Ufer ist vor allem als NS-Außenlager Jungfernhof bekannt. Hierhin ließ das deutsche Nazi-Regime ab 1941 mehrere tausend jüdische Bürger aus “Großdeutschland” deportieren, um in schlimmsten Verhältnissen zu verhungern, zu erfrieren oder tödlich zu erkranken. Jene geschätzt 1.800 Gefangene, die das Schreckensregime des Lagerleiters Rudolf Seck überlebt hatten, aber nicht mehr als arbeitsfähig galten, fielen dann in der “Aktion Dünamünde” im Frühjahr 1942 Massenerschießungen zum Opfer, die vom SS-Obersturmführer Gerhard Maywald organisiert und vom Kommando des SS-Kollaborateurs Viktors Arajs verübt wurden. Ein Bericht mit Erinnerungen des Jungfernhof-Überlebenden Herbert Mai erschien 2010 in der Mainpost (mainpost.de). Doch der Jungfernhof ist nicht nur ein behelfsmäßiges NS-Lager gewesen, er hat eine lange Vorgeschichte bis ins 13. Jahrhundert, die Aufschluss über das Leben der lettischen und deutschbaltischen Vorfahren gewährt. Archäologen erkunden das Gelände seit März des Jahres; Ziel ist es, historische Gebäude zu rekonstruieren.

Ruine auf dem Gelände des Jungfernhofs, Foto: Neaizsargāts darbs, Saite

Im Jahr 1259 erlaubte Bischof Albert Nonnen des Zisterzienser-Ordens, am Daugava-Ufer ein Kloster zu errichten, an einer Stelle, die damals noch viele Kilometer von der entstehenden Stadt Riga entfernt lag. Bis dahin war das Gelände nur von wenigen Bauernfamilien besiedelt worden. Das Anwesen war als Blumental bekannt; doch wegen der besonderen Beschaffenheit der Bewohnerinnen bürgerte sich der Name “Jungfernhof” ein und um es von einem anderen Nonnenkloster in Lielvarde zu unterscheiden, hieß es fortan Kleiner Jungfernhof (Mazjumpravas muiza).

Im 16. Jahrhundert verbreitete sich Luthers Lehre in Riga frühzeitig und rasch. Aber noch lebten Katholiken in livländischen Gefilden. Jesuiten der Jakobskirche erwarben das Gelände. Die Gegner der Reformation bevorzugten die autarke Lebensweise. So entstand ein dörfliches Areal mit eigenem Vieh, Äckern, Wirtschaftsgebäuden, in denen Lebensmittel hergestellt und Bier gebraut wurde. Auch eine Mühle durfte nicht fehlen.

Ruine des Jungfernhofs

Ruine des Jungfernhofs, Foto: Neaizsargāts darbs, Saite

Dann eroberten die protestantischen Schweden die baltische Region, sie vertrieben die Jesuiten. Im Jahr 1627 gestattete Gustav Adolf II. dem Münzpräger und Zunftmeister Martin Wulff, den Jungfernhof zu bewirtschaften. Er verkaufte ihn wenig später der Stadt Riga. Im Jahr 1700 wehrten die Schweden hier einen Angriff alliierter Truppen aus Sachsen, Kurländern und Russen ab. Zur Strafe mussten die Verlierer die Schweden in den Räumen des ehemaligen Klosters bewirten.

Dann erwarb Rigas Landvogt Paul Brockhusen das Gut. Als Riga 1709 abermals von Russen belagert wurde, verwehrte er ihnen die Unterkunft. Dafür wurde er nach Sibirien verbannt. Nach lettischer Lesart war sein jüngster Sohn Georg für Grausamkeit und Hartherzigkeit berüchtigt. Den geerbten Jungfernhof behandelte er wenig pfleglich: Er ließ aus dem Herrensitz Türen und Fenster abmontieren, auch Kamine und Schornsteine, um alles nach seinem neuen Gut in Dunte befördern zu lassen. Bauern beschwerten sich, dass er sogar die Obstbäume ausreißen ließ.

Unter russischer Herrschaft war der Jungfernhof wieder im städtischen Besitz. Die Volkszählung von 1797 ergab, dass auf seinen Ländereien 3.357 Menschen lebten, davon waren 1.132 Leibeigene. Unter der verarmten Bauernschaft verbrachte Johann Heinrich Baumann seinen Lebensabend, ein Theologe, der in Erfurt studiert hatte und als eifriger Maler von Jagdszenen in Erinnerung blieb. 1877 pachtete ein Johann Ratsfeld das Gut. Aus dem Vertrag, den er mit der Stadt schloss, geht die Eigenart der Bebauung hervor: 16 Gebäude zählte das Anwesen: Das Herrenhaus hatte ein Ziegeldach und Steinmauern, eine Doppeltür am Eingang, 13 Fenster, sieben Eichentüren, Öfen aus weißen Ziegeln; dazu kamen Pferdeställe, ein Eiskeller, eine Scheune, eine Schmiede, Unterkünfte für Arbeiter, eine Wassermühle und eine Kneipe.

Ruine des Jungfernhofs

Gesicherte Ruine des Jungfernhofs an der Promenade, Foto: Neaizsargāts darbs, Saite

Der Erste Weltkrieg bedeutete für den Jungfernhof eine Zeit des Chaos`unter rasch wechselnden Besitzern. Russische Soldaten richteten eine Versorgungsstation und eine Fliegerabteilung ein, dann kamen Deutsche, um die Gebäude für die eigene Versorgung zu nutzen. Als 1919 für kurze Zeit eine sowjetische Regierung über Lettland herrschte, wurde der Jungfernhof als landwirtschaftliche Versuchsfläche dem Polytechnikum übertragen, diese wurde wenig später von den weißgardistischen Bermondt-Truppen geplündert (rigasaustrumi.lv).

In der Sowjetzeit nach 1945 beanspruchte die Rote Armee das Gelände. Unbefugte durften es nicht betreten. Als die sowjetischen Soldaten Anfang der neunziger Jahre Lettland verließen, war es in einem ziemlich verwahrlosten Zustand. Seit dem neuen Jahrtausend plant die Stadt Riga die Sanierung. Der malerische Mühlenteich samt Mühlengebäude wurden wieder hergerichtet. Hier befindet sich seit 2017 das Kulturzentrum STROPS. Es informiert über die Lokalgeschichte und dient im Sommer kulturellen Veranstaltungen. Das Ruinenfeld des Herrensitzes liegt auf dem angrenzenden Hügel am Daugava-Ufer. Von Kengarags aus kann man das Gelände gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad über die neu angelegte Promenade erreichen.

Ruine des Jungfernhofs

Ruine des Jungfernhofs, Foto: Neaizsargāts darbs

LSM-Journalistin Sintija Ambote erkundigte sich Ende März 2020 bei Archäologen, die seit einiger Zeit den Jungfernhof erforschen (lsm.lv). Sie hatten gerade Münzen aus dem 16. Jahrhundert gefunden sowie Öfen eines ehemaligen Ausschanks und Gasthofs (krogs). Rudolfs Bruzis berichtete ihr von der archäologischen Relativität von Raum und Zeit: Einen Meter unter der Erde gelangt er ins 17. Jahrhundert, wo er nach Überresten des Krogs fahndet und seine ehemalige Beschaffenheit erkundet. Das Gebäude wurde erstmals 1695 gezeichnet. Sein Fundament ist 18 Meter lang und acht Meter breit. Der Archäologe schätzt, dass im Gutskrug zehn bis 15 Gäste bewirtet werden konnten. Vermutlich hatten sie die Möglichkeit, in beheizten Räumen zu übernachten, denn zu den Besuchern zählten wahrscheinlich reisende Bauern, deren Ziel der Rigaer Markt war. Bruzis versteht sein Tun nicht als Selbstzweck. Die Arbeit seines Teams soll genaue Rekonstruktionen ermöglichen, die in Zukunft errichtet werden sollen. Er zählt den Jungfernhof zu den wenigen Stätten in der Umgebung Rigas, an denen noch Überreste von Landsitzen wohlhabender Rigenser des 17. und 18. Jahrhunderts zu finden sind. Auf dem Lande lebte es sich komfortabler als in der Stadt.

Architekt und Bauamtsleiter Janis Lejnieks beabsichtigt die stufenweise Wiedererrichtung des Jungfernhofs. In der Zeit, als die Rote Armee ihn besetzt hielt, habe er sich im Dornröschenschlaf befunden. Zum endgültigen Wachküssen müsste allerdings noch viel Geld beschafft werden.

 

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