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Münster, 01.10.2020
Eröffnung der Dauerausstellung zu Janis Apals im Araisu-Park PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 17. September 2020 um 00:00 Uhr

Von Mythen, die sich archäologisch bewahrheiteten

Inselsiedlung AirasiVor fünf Jahren berichtete die Lettische Presseschau von den Plänen der Gemeinde Amata bei Cesis (Wenden), die Rekonstruktion der mittelalterlichen Inselsiedlung im Airasi-See zu sanieren und das Gelände attraktiver zu gestalten (LP: hier). Die Bemühungen hatten Erfolg: Inzwischen hat sich die Fläche im Gauja-Nationalpark zu einem archäologischen Park entwickelt, in dem sowohl Reste der livländischen Ordensburg Arrasch als auch rekonstruierte Siedlungen zu sehen sind, die zum Teil noch aus der Steinzeit stammen. Im Mittelpunkt des Parks steht aber die Inselsiedlung, die der lettische Archäologe Janis Apals in den 60er und 70er Jahren mit seinem Team aufwändig erforschte und rekonstruierte. Ihm ist die Daueraustellung gewidmet, die seit Juli im neu errichteten Besucherzentrum zu sehen ist.

Inselsiedlung mit Plattform, Foto: CC BY-SA 4.0, Link

LSM-Journalistin Baiba Kuske besuchte Ende Juni die Gegend um den See, traf dort im Besucherzentrum die Museumspädagogin Sandra Salmina (lsm.lv). Kuske beschreibt die Halle als Ort, in dem in moderner Form Archäologie zugänglich wird, mit Tönen, Videos; der Besucher wird in die Situation eines Forschers versetzt, der buchstäblich in die Inselsiedlung eintauchen muss. Die meisten Fundstücke befanden sich unter dem Wasserspiegel.

Apals benötigte in den 50er Jahren eine Taucherausrüstung, um das Terrain erst einmal unter Wasser zu erkunden. Zwischen 1964 und 1979 unternahm er mit seinem Team auf der etwa 2500 m² großen Fläche zehn Grabungsprojekte. Er ließ den Wasserstand des Sees um einen Meter senken; um die Grabungsplätze wurden Dämme errichtet, Motorpumpen hielten das Wasser fern. An diesen und anderen Orten hatte sich der Archäologe wie einst Troja-Entdecker Heinrich Schliemann an Mythologischem orientiert: Lettische Sagen, die von untergegangenen Burgen oder von fliegenden Seen künden, lieferten ihm Hinweise.

Grabungsfoto

Grabungsfoto von 1967, Foto (Ausschnitt): CC BY-SA 4.0, Link

So fand er durch das Wasser gut konservierte Artefakte: Stämme und Pfähle, die Teile der Fundamente bildeten; Speisereste, Schmuck, Waffen und Werkzeuge, die die einstigen Inselbewohner, Lettgaller aus der Wikingerzeit, vor über 1000 Jahren benutzt hatten. Der Archäologe entdeckte fünf Bauphasen in der Zeit von 830 bis etwa 1000 n. Chr. mit zunächst 16, später etwa 30 Häusern, die 16 bis 30 Quadratmeter groß waren. Apals schätzt in einem auf Deutsch veröffentlichten Aufsatz, dass sie 3 bis 8 Menschen Platz boten und die kleine Insel bis 90 Bewohner beherbergte, die von Landwirtschaft und Viehzucht lebten, Jagd und Imkerei betrieben, sich auf Handwerk und Handel verstanden (pfahlbauten.de). Er vermutet sozial differenzierte Gemeinschaften mit einem Stammesältesten an der Spitze. Brände bedingten Zerstörungen und Neugestaltungen der Insel, zuletzt, so vermutet Apals, seien die Bewohner durch einen äußeren Angriff vertrieben worden.

Er war nicht der erste gewesen, der sich mit dem Spaten aufmachte, die lettgallische Hinterlassenschaft am Airasi-See zu erforschen. Im Aufsatz widmet er sich ausführlich der Vorarbeit seines deutschbaltischen Vorgängers Carl Georg Graf Sievers. Der Gutsbesitzer war in seiner Jugendzeit in militärischen Diensten gewesen, lebte dann vom Ertrag ererbter Güter, die er 1865 verkaufte, um sich in Cesis niederzulassen, wo er sich in seiner Villa eine Bibliothek einrichtete und ganz der Bildung widmete. Er las die Heinrich-Chronik auf Lateinisch, beschäftigte sich mit Homer; mit nordischen Sagen und Naturwissenschaft; sein Steckenpferd wurde die Archäologie. Er hatte davon gehört, dass man in der Schweiz und Deutschland gerade Pfahlbauten-Siedlungen in Gewässern entdeckt hatte und er vermutete, dass sich im Airasi-See ebensolche befanden, worauf Erzählungen der örtlichen Bewohner hindeuteten.

Sievers kooperierte mit dem Dorpater Mineralogie-Experten Constantin Grewingk, von dem er auch Hinweise erhielt, was bei archäologischer Erkundung zu beachten ist. Der Hobby-Archäologe fand im Airasi-See 1876 eine flache bewaldete Insel vor, die von bearbeiteten Pfahlenden und Stämmen umlagert war. Er schloss daraus, dass es sich um die Überreste einer Pfahl- oder Packbauten-Siedlung handele; bei ersten Grabungen fand er weitere Pfähle, angekohlte Hölzer, Lehmschichten; Speisereste und Tongeschirr sowie Schmuckgegenstände.

Hütteninneres mit Lehmofen

Hütten-Inneres mit Lehmofen, Foto: CC BY-SA 4.0, Link

Er berichtete der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte von seinen Funden und kam so in Kontakt mit deren Gründungsmitglied Rudolf Virchow. Sievers berichtete ihm von seiner Vermutung, dass es sich bei seinem Fund um Reste von Pfahlbauten handeln könnte, die man für die baltische Region ausgeschlossen hatte. Im August 1878 kam der prominente liberale Politiker, der sich beinahe mit Bismarck duelliert hätte, Mediziner der Charité und Professor an der Berliner Universität, Pathologe und Anthropologe, der sich auch für Archäologie interessierte, nach Livland, besuchte zunächst Museen in Riga und Mitau (Jelgava) und begab sich am 21. des Monats nach Cesis, um Sievers aufzusuchen.

Nach einer 1,50 Meter tiefen Grabung am See kam Virchow zu dem Schluss, dass es sich um eine Siedlung aus der Eisenzeit handele, weil die Bearbeitung der Pfähle Eisenwerkzeug erfordert hätte. Virchow meinte, dass es keine Pfahl- sondern Packbauten seien, also um eine mit Stämmen befestigte Insel, auf der die Häuser errichtet wurden. Zudem glaubte er, dass der Name “Airasi” mit der Einwanderung von Ariern in Zusammenhang stehe. Zeitbedingt waren auch seine kraniologischen Untersuchungen: Schädelmessungen, die er an gefundenen Skeletten und den Einwohnern in der Nachbarschaft vornahm. Virchow war ein eifriger Schädelsammler, auch und gerade aus den Kolonialgebieten, was in der langen Zeit der “kolonialen Amnesie” der Deutschen in Vergessenheit geraten ist (planet-wissen.de).

Eine weitere Einladung nach Cesis schlug Virchow aus, weil ihn nun Heinrich Schliemanns Grabungen in Troja beschäftigten, die auch den des Homers kundigen Sievers faszinierten. 1879 setzte er seine Grabungen in Estland fort, starb dann aber am 19. Juli und wurde auf dem Gut seiner Eltern in Mazsalaca beigesetzt.

Steg zur Inselsiedlung

Steg zur Inselsiedlung, Foto:  CC BY-SA 4.0, Link

Apals fand heraus, dass die Inselarchitektur weder auf Pfahl- noch auf Packbauten basierte, sondern sich einst auf einer trockenen Insel befand. Allerdings sei der Wasserspiegel seitdem um zwei Meter angestiegen.

Die Ausstellung im Besucherzentrum widmet sich vor allem Apals` Forschung. Sein Büro wurde nachgestellt, sein Taucheranzug aus den 50er Jahren ist zu sehen, dazu Fotos von Ausgrabungen und Rekonstruktionsarbeiten. Sanda Salmina zeigt sich vom lettischen Landsmann angetan: “Wir alle, die hier gestalteten, waren davon begeistert, welche Persönlichkeit Janis Apals war. Dass ein Mensch, ein Wissenschaftler, der keine reichen Vorfahren hat, sondern einfach ein Leben lang mit seinem Enthusiasmus und Glauben an seine Träume das zu vollbringen vermochte.” Apals erforschte etwa hundert lettische Seen und fand in ihnen zehn Siedlungsgebiete und leitete auch Grabungen in der Burg Cesis, der größten Ordensburgruine Lettlands, er starb 2011. Der Airasu-Park gilt als eine der beliebtetesten archäologischen Sehenswürdigkeiten des Landes und ist ganzjährig geöffnet (amata.lv).

 

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