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Münster, 17.8.2018
Lettland: Floraler Vorschein - Jugendstil in Riga PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 30. Juli 2010 um 01:00 Uhr
Haus des lettischen Vereins von 1909Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, als die Handwerker an den Fassaden der Neubauten begannen, zierliche Linien, Pflanzenornamente und symbolistische Figuren anzubringen, wetterte der österreichische Architekt Adolf Loos gegen die Verzierung der Architektur, nannte die Vermischung von Gebrauchs-Gegenständen mit Kunst “barbarisch”. Damit nahm er das funktionalistische Bauen vorweg. Ein Haus ist demnach nur schön, wenn seine Form vollständig seiner Funktion entspricht und keinen überflüssigen Schmuck aufweist. Doch der Philosoph Ernst Bloch hielt in seinem Werk Geist der Utopie von 1918 dagegen: “Eine Geburtszange muss glatt sein, eine Zuckerzange mitnichten.” Dabei dachte er wahrscheinlich an die vielen Blumenornamente, die die Zuckerzangen jener Zeit auf unebene Weise zierten. Stilisierte Pflanzen waren beliebte Motive der Künstler und Handwerker, die sich im Jugendstil übten, einem neuen Dekor, das teilweise aus dem überladenen Historismus hervorging, ihn teilweise überwand oder gar zu völlig neuen Formen gelang. Die Jugendstil-Architektur verbreitete sich schnell im noch-zaristischen Riga, das sich damals zu einer der wichtigsten Industriestädte des Imperiums entwickelte. Die Bevölkerungszahl der baltischen Metropole hatte sich innerhalb von 50 Jahren nahezu verfünffacht. Vor dem Weltkrieg zählte die Stadt fast eine halbe Million Einwohner. Die Früchte dieser Blütezeit sind noch an vielen Stellen der Innenstadt sichtbar. Riga, dessen Altstadt und Neustadt zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, lockt als eine der größten Jugendstil-Zentren Europas. Der deutschbaltisch-lettische Kulturverein Domus Rigensis widmete sich vom 2. bis 4. Juli 2010 diesem Thema.
Fassadendetail des Gebäudes des Lettischen Vereins, das von Eizens Laube und Eizens Pole in einer Art neoklassizistischen Variante des Jugendstils errichtet wurde. Foto: UB

 

Am Beginn der Tagung referierten Dr. Ulrike von Hirschhausen, Prof. Dr. Janis Krastiņš und Dr. Agrita Tipane. Sie lieferten Informationen für eine differenziertere Sicht auf das Riga der vorletzten Jahrhundertwende, erklärten, wie die ethnische und soziale Vielschichtigkeit die Art des Bauens beeinflussten. Von Hirschhausen erläuterte, wie die repräsentativen Gebäude im 19. Jahrhundert zunächst vom russischen und deutschbaltischen Geschmack geprägt wurden. Die großen orthodoxen Kirchen hatten nicht zuletzt den Zweck, die Größe des zaristischen Imperiums darzustellen. Der Herrschaftsanspruch der deutschbaltischen Patrizier zeigte sich dagegen in ihren überwiegend neugotisch gestalteten Gebäuden. Zwar war inzwischen bekannt, dass die gotische Bauform in Frankreich entstanden war, doch galt sie immer noch als typisch deutsche Baukunst. Aber die Verhältnisse blieben nicht so. Die rasche Industrialisierung entfachte auch eine heftige soziale Umwälzung. In Riga entstand nun ein eigenständiges lettisches Bürgertum, das seinen Wohlstand in einer spezifischen Architektur zur Geltung bringen wollte. Dabei half eine neue internationale Kunstströmung, der Jugendstil.

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Die Kleine Gilde der Handwerker im neugotischen Stil, Ausdruck der deutschbaltischen Dominanz, Foto: UB

 


Die Rigenser hatten den neuen Stil auf der Kunst- und Gewerbeausstellung zum 700jährigen Bestehen ihrer Stadt im Jahr 1901 kennengelernt. Architekt Max Scherwinsky ließ dafür auf dem Esplanadeplatz hölzerne Gebäude errichten. Das Rigaer Tageblatt notierte dazu am 27. Juni des Jubiläumsjahres: „Schon der äußere Eindruck der Ausstellung, die Architektur der Bauten berührt angenehm durch den leichten, festlich improvisierten Charakter. Herr Direktor Scherwinsky hat es verstanden, sich mit seinem Takt von jener Pseudoarchitektur fern zu halten, die leider auf so vielen Ausstellungen spukt, und deren Tendenz darauf gerichtet ist, unter Zuhilfenahme von allerlei Gipskitsch den vergänglichen Holzbauten das Aussehen einer für die Ewigkeit bestimmten Steinarchitektur zu verleihen. Besonders wohltuend wirken in Riga die leichte Konstruktion der Hauptkuppel, die lustigen seitlichen Aufbauten. Die Ausstellung zeigt überhaupt ein siegreiches Vordringen des sogenannten modernen Stiles auf der ganzen Linie. Gänzlich wird er nur noch von wenigen Kunstgewerbetreibenden ignoriert.”
Bekannte Gesichter: Fassadendetail Elizabetes iela 10b
Der Tourist bemerkt vor allem die fantastisch-symbolistische Fassadenkunst des deutschjüdischen Architekten Michail Eizenstein. Hier das wahrscheinlich bekannteste Jugendstil-Gesicht Rigas. Foto: UB


Alberta iela 4
Eizenstein gestaltete auch Rigas bekannteste Jugendstilstraße, die Alberta iela, maßgeblich mit. Als Dekor benutzte er stilisierte Schlüssellöcher, ein Kennzeichen des Rigaer Jugendstils. Der Sohn des Architekten fand diesen Stil bürgerlich und dekadent: Dieser war der Filmregisseur und Sowjetpropagandist Sergei Eizenstein. Foto: UB


Die Zeit der historistisch gestalteten Häuserfronten war vorüber. Bislang garnierten die vermögenden Bürger ihre Häuser mit Versatzstücken aus dem Katalog. Mit Gipssäulen und -pilastern, Kassettenrahmen oder antiken Götterfigürchen ließen sie die Frontseite ihrer Häuser repräsentativ aufhübschen. Diese zusammengewürfelte Stucktorte verbarg nicht selten das Elend in den Hinterhöfen, wo die Mieter der Bauherren in engen und düsteren Wohnungen hausten. Die Verfechter des neuen Stils hatten nicht die Absicht, Armut zu kaschieren. Die Stukkateure begnügten sich nicht mehr damit, industriell vorgefertigten Kitsch auf die Fassaden zu kleben. Sie gestalteten nun individuelle Motive mit Blumen, zierlichen Linien oder fantastischen Figuren. Die Architekten bemühten sich nun, eine Einheit von Innen und Außen herzustellen. Die Fassade sollte nicht mehr beliebiger Zierrat sein, sondern der Innenarchitektur des Gebäudes entsprechen. Janis Krastiņš nannte das neue Gestaltungsprinzip: `Von Innen nach Außen`. Das hieß: Die Planung der Innenräume beeinflusste die Gestalt der Fassade. Die Fensterformen und -größen wurden den Erfordernissen der Innenarchitektur angepasst.
Brivibas iela 47
Ein Gebäude von Laube im nationalromantischen Stil von 1908, Foto: UB


Terbatas iela 15-17
Ein Schulgebäude in der Terbatas iela: Zuweilen kam der nationalromantische Stil, der an den mittelalterlichen Burgenbau erinnerte, abweisend massiv und düster daher. Dieses Gebäude planten Peksens und Laube, Foto: UB


Der Jugendstil verbreitete sich gleichermaßen an den neuen vielstöckigen Miethäusern im Zentrum, die Letten, Deutschbalten oder Russen in Auftrag gaben. Die soziale Trennung zwischen Bürgern und Arbeitern überlagerte mehr und mehr die ethnischen Unterschiede. Deutschbaltische und lettische Architekten, die am hiesigen Polytechnikum studiert hatten, versuchten gemeinsam, aus dem Jugendstil eine nationale Variante zu entwickeln. Die Vertreter der `Nationalromantik` griffen auf scheinbar eigenständige lettische Bautraditionen zurück, zitierten Bauelemente mittelalterlicher Ordensburgen oder kombinierten große städtische Wohn- und Geschäftshäuser mit Dachumrissen und Erkern traditioneller Dorf- oder Vorstadtbebauung. Der Rückgriff auf eine eigenständige nationale Baugeschichte blieb aber eine Fiktion. Diese Architektur war nach den Erläuterungen Krastiņš` selbst eine internationale Erscheinung, mit der sich kleinere Nationen wie Finnland, Ungarn oder eben Lettland gegen die Architektur der Großmächte abgrenzen wollten. Der Deutschbalte Eižzens Laube hatte diesen Stil in Helsinki kennengelernt. Kurioserweise wurde dieser fehlgeschlagene Rückgriff auf die Vergangenheit zum Vorgriff auf das rationalistische Bauen: Der weitgehende Verzicht auf Ornamente und die Gestaltung des Parterres als durchgängige Glasfront ist bereits an manchen Geschäftshäusern jener Jahre zu beobachten.
Alberta iela 4
Der Drachen galt als Wächter des Privatbesitzes, Foto: UB


Alberta iela 13
Ein weiteres bekanntes Gebäude des Architekten Eizenstein. Hier verwendete er antike Motive. Pan spielt sein Instrument, darunter eine Ruferin. In diesem Gebäude hat u.a. die Antikorruptionsbehörde KNAB ihr Büro, Foto: UB


Laube arbeitete im Büro des ersten Letten, der das Architekturstudium in Riga absolviert hatte: Konstantīns Pēkšēns. In seinem Wohnhaus in der Alberta iela 12 bezog er das Parterre, während sich der bekannte lettische Maler Janis Rozentāls unter dem Dach des Hauses Wohnung und Atelier einrichtete. Die großflächigen Räumlichkeiten sind heutzutage öffentlich zugänglich. Pēkšēns` komfortable großbürgerliche Stadtwohnung beherbergt seit ein paar Jahren das Rigaer Jugendstil-Museum. Die Räume wurden in sowjetischer Zeit als Kommunalwohnung mit mehreren Wohnparteien genutzt. Pēkšēns` Inventar ging weitgehend verloren. Dennoch rekonstruierten Restaurateure aus erhaltenen Farbspuren die ursprüngliche Wandbemalung. Fenster mit Glasmalereien sind ebenfalls erhalten. Pēkšēns nutzte die neuesten technischen Errungenschaften. In seiner Wohnung kann man noch die Original-Heizkörper seiner Zentralheizung bewundern. Auch eine Toilette mit Wasserspülung und ein Bad mit Warm- und Kaltwasserleitung sind bereits vorhanden. Der Grundriss der Wohnung widerspiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit: Sehr viel Raum wird für die Repräsentation verwendet. Dort, wo der Architekt hohen Besuch empfing, stellte er in großen Zimmern kostbares Mobiliar, feines Geschirr und Kunsthandwerk zur Schau. Die privaten Wohn- und Arbeitsräume der Familie waren weit enger und spärlicher gestaltet. Die engste und düsterste Kammer neben der Küche war Wohn- und Schlafraum des Dienstmädchens. Die Lieferanten aus den unteren sozialen Schichten mussten den Hintereingang wählen. In der Küche kann der Museumsbesucher auch einen zeittypischen Fimmel betrachten: Die Wandfliesen sind teilweise nur aufgemalt, nicht weil Pēkšēns das Geld für Kacheln fehlte, sondern weil Nachbildungen gängige Mode waren. Dies erinnert an Jean Floressas Des Esseintes, der neurotischen Hauptfigur in Joris-Karl Huysmans` Dekadenzroman Gegen den Strich. Er füllt mit künstlichen Gegenständen, die Originale mit anderen Materialien nachahmen, seine aristokratische Villa vor den Toren Paris`. Er bildet sogar mit kostbaren Samtstoffen die Kargheit einer Mönchszelle nach. Die Vorliebe für Gekünsteltes und Täuschendes entsprach dem Fin-de-Siecle-Wunsch, durch Illusionierung der langweiligen Wirklichkeit zu entkommen. Eine Museumsmitarbeiterin mit hervorragenden Deutschkenntnissen erläuterte solche Details und führte die Domus-Rigensis-Gemeinde kompetent durch die Räumlichkeiten. Die Wohnung bietet wieder einen Eindruck von der großbürgerlichen Lebensweise vor hundert Jahren: Sie wurde wieder mit Mobiliar, Lampen, Geschirr und sonstigen Gegenständen der Epoche bestückt.
Meistaru iela 10
Auch das bekannte "Katzenhaus" in der Rigaer Altstadt ist ein Produkt des Jugendstils, das 1909 vom Architekten F. Scheffel errichtet wurde, Foto: Alma Pater auf Wikimedia Commons


Typischer sind aber die Jugendstilmotive an den Wänden. Agrita Tipane wies auf die stilisierten Arabesken aus Mageritenblüten, Kastanienblättern, Walnüssen oder Rosenstöcken. Sie bringen - ebenfalls als Nachahmung - die lettische Natur zum Städter zurück. Die Fabriken und der Massenverkehr hatten die Großstädte in eine befremdliche, teils menschenfeindliche Umwelt verwandelt. Der expressionistische Dichter Georg Heym beschrieb die wachsenden Metropolen als groteske und dämonische Götterwelten. Der Mensch sehnte sich nach der verlorenen Natur zurück, bedroht von rauch- und feuerspeienden stählernen Monstern, die er selbst geschaffen hatte. Die Wandervogelbewegung der Jugendlichen entstand. Sie wollten zu den Wiesen und Wäldern ihrer Vorfahren zurückkehren. War floraler Jugendstil lediglich schwärmerische Sehnsucht nach veredelter Natur? Mit Blochs Hilfe und aus heutiger Sicht lässt sich das Jugendstil-Motiv Natur weniger abfällig deuten.
Treppenaufgang in der Alberta iela 12
Ein beliebtes Fotomotiv ist der mit floralen Motiven verzierte Treppenaufgang in der Alberta iela 12. Foto: UB


Manche behaupten, Bloch habe mit seiner Akzeptanz des künstlerischen Ornaments der Postmoderne den Weg bereitet. Diese mischt ähnlich wie der Historismus verschiedene Stilformen zu etwas mehr oder weniger Gefälligem. Der Philosoph des Prinzips Hoffnung hätte dieser Ansicht entschieden widersprochen. Wichtig ist für ihn die Wahl des Dekors. Ihm genügte es nicht, Beliebiges zu etwas effektheischend Hübschem zu kombinieren, das wäre für ihn kommerzieller Kitsch gewesen. Das künstlerische Ornament musste ein noch zu entdeckendes Potenzial bergen, die Vorwegnahme eines Zustands, der einen Fortschritt in der menschlichen Zivilisation bedeutet. Für Bloch musste echte Kunst den Vorschein auf eine konkrete Utopie gestalten. Nach dem schwülsten und heißesten Juli in Riga und der Bohrlochkatastrophe im Golf von Mexiko versteht der Betrachter die implizite Botschaft des floralen Jugendstils schon wieder mal etwas besser. Mit der rücksichtslosen Ausplünderung des Planeten schadet sich die Menschheit, insbesondere die westliche Zivilisation, letztlich selbst. Die Blütenranken des Jugendstils erinnern daran, dass der Mensch den verantwortungsbewussten Umgang mit seinen Lebensgrundlagen noch nicht erlernt, ein harmonisches Verhältnis zur Natur noch längst nicht erreicht hat. Diese Einsicht formulierte aber erst der Philosoph Hans Jonas, der 1979 mit dem Prinzip Verantwortung auf Blochs marxistischen Technikoptimismus reagierte.

 

Externe Linkhinweise:

la-belle-epoque.de: Jugendstil in Riga

Homepage von Domus Rigensis

Felsen am Gauja-Ufer

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 09. April 2017 um 07:19 Uhr
 

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