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Münster, 12.7.2020
homo@lv von Kaspars Goba: Mit orthodoxen Kreuzen gegen das westliche Laster – Ein Film über das lettische Streitthema Homosexualität PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 17. Februar 2011 um 11:52 Uhr

Kino K.Suns in RigaBerlinale-Besucher konnten sich im Februar 2011 eine lettische Dokumentation über ein Ost-Thema anschauen, das im Westen immer wieder für Schlagzeilen sorgt: Die öffentlich zur Schau gestellte Homophobie, also Schwulenfeindlichkeit, die auch in Lettland zu beobachten ist. Seit 2005 organisierten lettische Lesben, Schwule und ihre Sympathisanten alljährlich den Pride-Umzug durch die Rigaer Innenstadt. Filmemacher Kaspars Goba zeigt kommentarlos den Kampf dieser Minderheit für ihre Rechte und den Widerstand, den intolerante Teile der lettischen Gesellschaft ihm entgegen setzen. Goba ergreift zwar Partei für Toleranz und Menschenrechte, vermeidet es aber, gegen schwulenfeindliche Aktivisten und Politiker zu polemisieren. So ist ihm mit Homo@lv ein Beitrag gelungen, der zwischen den Fronten vermitteln könnte.

Das Programmkino K-Suns in Riga zeigte Gobas Streifen noch einmal parallel zu seiner Aufführung auf der Berlinale 2011, Foto: LP


Mit Kreuzen bewappnet

Auf der einen Seite präsentieren sich im sonnigen Riga bunte Paradiesvögel: Schwule und Lesben zeigen sich öffentlich, feiern, küssen sich, wollen Spaß haben, tragen Transparente der Pride-Bewegung, unter anderem die Regenbogenfahne, die im Osten zu ihrem Symbol wurde. Sie wollen ihre sexuelle Neigung nicht mehr schamhaft verbergen müssen, sie endlich öffentlich bekennen und stolz darauf sein. Sie strecken den Stinkefinger jenen entgegen, die sich auf der anderen Seite der Absperrgitter versammelt haben: Dort sind ihre Widersacher, ihre Stimmung ist deutlich aggressiver, zum Teil machomäßig. Ihre “No Pride, no pride”-Rufe klingen bedrohlich. Für sie ist Homosexualität bestenfalls eine bedauernswerte Erkrankung, die aus dem Westen eingeschleppt wurde, vielleicht nur eine Modeerscheinung ausgeflippter Päderasten oder im schlimmsten Falle: Eine schwere Sünde gegen Gott, die mit der Hölle bestraft werden wird. Und das Allerschlimmste in ihrer Denkart: Die sexuell anders Gearteten bedrohen Familien, bedrohen ihre traditionellen Wertvorstellungen überhaupt. Sie sind deshalb eine Gefahr für Lettland und gehören nicht hierher.

 

Phallokratisches Waffenspektakel auf dem Roten Platz 1980 - In der UdSSR wurde Homosexualität bestraft, Foto: Wikimedia Commons

 

Sowjetorthodoxe Prüderie

Anders als in Moskau gab es in Riga bislang keine nennenswerten Straßenschlachten und Verletzungen. Aber es kam vor, dass die Schwulenfeinde ihre Hassobjekte mit Jauche bespritzten. Eine Frau, die Kopftuch trägt, hält den Homos ihr orthodoxes goldenes Kreuz entgegen, als müsse sie Vampire vertreiben. Ein anderes Mal liegt sie theatralisch mitten in der Demo auf dem Asphalt und hält nun ein viel größeres goldenes Kreuz vor sich, das ihren ganzen Oberkörper bedeckt. Kaspars Gobas Film ist durchaus perspektivisch. Man sieht, dass er sich für mehr Toleranz in dieser nachsowjetischen Gesellschaft engagiert. Damals, zu den bigotten Zeiten der KP-Apparatschiks, galt der geflügelte Spruch: “In der Sowjetunion gibt es keinen Sex.”  Folglich war auch Schwulsein kein Thema. Perspektivisch bedeutet aber nicht polemisch. Goba führt die schwulenfeindlichen No-Pride-Gegen-Demonstranten nicht despektierlich vor. Er lässt sie ausführlich zu Wort kommen. Der Zuschauer soll auch ihre Position unverzerrt vernehmen. Er besucht die orthodoxe Kopftuchlettin in ihrem alten Landhaus. Sie erzählt von der Familie, dem offenbar guten traditionellen Leben, das von den neuen Erscheinungen immer mehr bedroht scheint. Nun hält sie ein überdimensioniertes schwarz-weißes Hochzeitsbild vor sich, dass sie und ihren Mann als Brautpaar verewigt. Der repariert gerade auf dem Hof einen Schrotthaufen, auf dessen Armaturenbrett einige Heiligenbildchen geklebt sind.

 

Rigaer Dom

Der Rigaer Dom, Sitz des protestantischen Erzbischofs, ist eine feste Burg der Homophobie, Foto: LP

 

Protestanten bedienen den Schwulenhass

Eigentlich ist Lettland eine ziemlich säkularisierte Gesellschaft. Der Einfluss der christlichen Kirchen ist ähnlich schwach wie in Ostdeutschland. Dennoch liefern sie den hasserfüllten No-Pride-Grimassen die Argumente. Und hierzulande sind nicht nur Katholiken homophob. Allen voran tönt der protestantische Rigaer Erzbischof Jānis Vanags wie eine Unke wider Sodom und Gomorra. Dass Schwulsein Sünde ist, belegt er mit Bibelzitaten. Vanags ist kein Hassprediger, keine aggressive Erscheinung. Er redet ruhig, eher von Mitleid für die gefallenen Schäfchen erfüllt. Einmal entschuldigte er sich sogar in einer vom Fernsehen übertragenen Predigt dafür, falls Gays sich von ihm angefeindet fühlten. Aber da er im selben Atemzug auch Terroristen um Vergebung bat, geriet auch das zur Parodie.


Antirussische Visu-Latvijai-Akton

Visu-Latvijai-Aktivisten verbrennen die sowjetische Fahne in Riga, sie geben sich als junge lettische Saubermänner, die undifferenziert Alkohol, Prostitution und Homosexualität verdammen, Foto: Wikipedia

 

Alles für Lettland“ - außer Russisch und Homosexualität

Die religiöse Ideologie schaffte ein sonderbares Bündnis zwischen konservativen Letten und Russischstämmigen. Bei anderen Themen liegen ihre politischen Vertreter meistens über Kreuz. Lettische Rechtsradikale der Partei Visu Latvijai/ Alles für Lettland, denen ein Bündnis mit den Nationalkonservativen zum Einzug ins Rigaer Parlament verhalf, streiten gegen alles Russische, derzeit gegen das Recht russischstämmiger Schüler, das ihnen noch 40 Prozent des Unterrichts in ihrer Muttersprache zugesteht. Doch den Schwulenhass teilen sie mit ihren russischen Kontrahenten. Beide kämpfen gegen die westliche Pestilenz, die AIDS und Unmoral ins Land bringe. Ähnlich homophob zeigt sich die als „Pfarrerpartei“ verulkte Latvijas Pirmā Partija/Lettlands Erste Partei. Die Christdemokraten fischen seit Jahren Menschen in homophoben Milieus. Ihr umstrittener Anführer ist der Oligarch Ainārs Šlesers. Dieser spielt die ehernen Werte der Familie gegen das angebliche Laster der Schwulen aus. Der Öffentlichkeit präsentiert er die eigene Hochglanzfamilie, zu der seine Ehefrau, eine ehemalige Miss Lettland, und drei Kinder gehören. Šlesers wagte als erster Konservativer, mit den Vertretern des eher russisch orientierten Saskaņas Centrs/Zentrum der Eintracht ein Bündnis einzugehen. Dies brachte ihm den Posten des Rigaer Vizebürgermeisters ein.


Wahlkampfplakat mit Slesers

Šlesers auf einem Wahlkampfplakat vor der Bürgermeisterwahl in Riga, Foto: LP

 

Der Kickboxer aus Ķengarags

Aber Goba begnügt sich nicht mit den üblichen machtpolitischen Erklärungen. Er schaut auch bei einem Menschen wie Šlesers genauer hin. In einem Interview mit der Wochenzeitschrift Ir vom 7.10.10 beklagte sich der Dokumentarfilmer über die Intellektuellen, die dem schwulenfeindlichen Oligarchen nicht ins Wort fielen. Diese lästern gern über die fehlende Hochschulbildung des hemdsärmeligen Selfmademans, der mit dubiosen Geschäften in so manche Skandale verwickelt ist. Aber in politischen Talkrunden schwiegen die Akademiker, wenn Šlesers zwischen seinen Business-Visionen über Schwule und Lesben herziehe. Niemand weise ihn zurecht, erkläre ihm, welchen Schaden er für eine demokratische Gesellschaft anrichtet, die Minderheiten schützen muss. Statt dessen lächele Parlamentsvorsitzende Solvita Āboltiņa nur und amüsiere sich. Goba zeigt für den Oligarchen sogar ein gewisses Verständnis. Er erklärt sich Šlesers Russenfreundlichkeit und seine Abneigung gegen Homosexuelle mit seiner Herkunft. Rigas Vizebürgermeister wuchs im russisch dominierten Stadtteil Ķengarags auf. Er übernahm die Gruppenidentität seiner Spielgefährten. In seiner Jugend habe er sich mit Kickboxen beschäftigt. Er kämpfte mit seinen russischen und lettischen Kameraden gegen Jugendliche aus anderen Stadtteilen. Das habe ihn geprägt. Deshalb verteidige er das Zentrum Rigas, wo auf einmal fremde Pride-Aktivisten demonstrieren, denn solch ein gruppenorientiertes Handeln entspreche seiner Erfahrung, nach der er die Realität konstruiere.

Karte zur sexuellen (In)Toleranz: In den dunkelblauen Ländern sind gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt, in den hellblauen gleichgeschlechtliche, staatlich anerkannte Partnerschaften. In den rot gefärbten Ländern verbietet das Gesetz gleichgeschlechtliche Ehen oder Partnerschaften. In Lettland hat dieses Verbot sogar Verfassungsrang, Foto: Silje L. Bakke auf Wikimedia Commons

 

Homophobie – eine falsche Reaktion auf eine berechtigte Angst

Der Film zeigt das andere Lettland, das offene und liberale Lettland, dessen Bürger mutig für Menschenrechte einstehen. Goba begleitete den Geistlichen Māris Sants 2005 zur ersten Pride-Demo. Er hatte seine Homosexualität offenbart. Der lettische Kardinal Jānis Pujats und sein protestantischer Kollege Vanags erklärten damals in ökomenischer Eintracht, warum die Menschheit mit HIV und AIDS gegeißelt werde. Falls man sich HIV durch Blutübertragung zuziehe, sei dies als ein Unglück zu werten, falls homosexuelles Liebesspiel zur Infektion führe, so handele es sich um die Strafe Gottes, so erinnert sich Goba an die damalige Seelsorge. Der schwule Theologe Sants kümmerte sich in dieser Zeit um HIV-Infizierte. Er wurde aus der lutherischen Kirche ausgeschlossen. Viele Szenen sind den Aktivistinnen der Initiative Mozaika gewidmet. Linda Freimane und ihre FreundInnen engagieren sich trotz des No-Pride-Geschreis für die Rechte der Lesben und Gays. Die Kamera zeigt ihre Reaktionen, wenn Richter ihre Demo - angeblich aus „Sicherheitsgründen“ - verbieten, ihr angespanntes Zuhören, wenn eine Ansprache Vaira Viķe-Freibergas vom Radio übertragen wird. Die studierte Psychologin und damalige Staatspräsidentin erklärt die homophobe Aggression mit der überspielten Unsicherheit, ob die eigenen Werte überhaupt die richtigen sind. Goba meint, dass Homophobie eine fehlgesteuerte und politisch missbrauchte Reaktion auf ein berechtigtes Grundgefühl sei. Die Welt werde immer zerbrechlicher, die menschliche Umwelt werde ruiniert, aber die Menschen seien nicht in der Lage, diese Angst zu formulieren. Dies nutzten Politiker für ihre Zwecke. Die sagten ihren Wählern, der us-amerikanische Multimilliardär George Soros sei schuld (wie es der einflussreiche Bürgermeister und Multimillionär von Ventspils, Aivars Lembergs, macht) oder Gays oder Russen oder Kardinal Pujats. Goba wollte in seiner Jugend Bauer werden, weil ihm Freiheit viel bedeutet. Doch dann bemerkte er: Landwirt sein bedeutet lediglich, von Sprit- und Einkaufspreisen abhängig zu sein. Die Freiheit, die er auf dem Lande vergeblich suchte, fand er im Journalismus: Er erlernte die Fotografie, studierte Biologie und wurde 1996 Mitarbeiter der renommierten intellektuellen Zeitschrift Rigas Laiks.

 

US-Homophober

Homophobie ist nach wie vor auch ein westliches Phänomen, Foto: Michael Tracey auf Wikimedia Commons

 

Kein Grund für westliche Überheblichkeit

Auch im Westen ist das Thema längst noch nicht durch, trotz öffentlicher Bekenntnisse prominenter Politiker. In der Macho-Hochburg Fußball ist Outing immer noch zu riskant. Im liberalen England erinnerte der linke Bürgermeister Ken Livingston auf einer Pride-Demo daran, dass in Londons Hinterland Schwule ermordet wurden. Homosexuelle ziehen in die Städte, denn auf dem Lande herrscht der Schwulenhass. Eine WDR-Dokumentation aus der Reihe die story zeigte im letzten Jahr den Spießrutenlauf von deutschen Schülern, deren Homosexualität bekannt wurde. Überhaupt könnten sich ungeahnte Koalitionen bilden: Goba warnt, dass Homophobie nicht nur antiliberale Letten und Russen eint. Islamfeindliche Rechtsradikale und ihr islamistischer Widerpart könnten eine ähnliche gemeinsame Basis finden. Ein Rechtsradikaler, der unter dem vieldeutigen Slogan "Mein Freund ist Ausländer" ein Abbild von Osama  Bin Laden auf seinem T-Shirt zur Schau trug, posierte schon mal vor einer öffentlich-rechtlichen Kamera. Glücklicherweise gibt es für ein solches Schreckensszenario noch nicht viele Beispiele. Die Auseinandersetzungen zwischen Islamisten und Rechtsradikalen haben die Gesellschaften aber auch so schon intoleranter gemacht. Das Erstarken solch antiliberaler Kräfte führt dazu, dass sich sexuelle Minderheiten ihrer Menschenrechte noch längst nicht gewiss sein dürfen. Um so bedauerlicher ist es, dass die lettischen Lesben und Schwulen in diesem Sommer nicht mehr demonstrieren werden.

 

LP-Blog:

Youtube-Filmausschnitte aus homo@lv und weitere Szenen aus den Rigaer Pride-Demos

 

Externe Linkhinweise:

mozaika.lv – Lettische LGTB-Webseite (Lettisch, Englisch, Deutsch, Russisch)

taz.de: Homophobie bleibt ganz legal

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 22. Februar 2011 um 07:46 Uhr
 

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