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Münster, 27.5.2018
Als noch echter Bohnenkaffee in den Tässchen dampfte – Peter Bosse zitierte deutschbaltische Literaten zum heißen Getränk PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 10. März 2011 um 00:00 Uhr
“Ich komme doch nicht zu spät? Mit Erlaubnis zu reden, ich war fast noch im Hemde, singe mein Morgenlied und kämme den Mops. Beim dritten Vers stürzt Ihre Magd herein, je du mein Gott! ich denke, das Haus brennt. Da bin ich aufgesprungen, der Mops ist mir vom Schoße gefallen, das Gesangbuch in die Kohlpfanne, wo ich meinen Kaffee wärmte, der Kaffee ist in die Kohlen geflossen, und von dem Liede »Wach auf, mein Herz, und singe!« sind zwei Verse verbrannt.” August von Kotzebue, Die deutschen Kleinstädter

Der Vortragende Peter BosseSo wird in Kotzebues Lustspiel die Muhme und Frau Stadtakzise-kassaschreiberin Morgenrot beim heimeligen Kaffeegenuss aufgeschreckt. Der verschüttete Kaffee qualmt im Feuer, die behagliche Stimmung ist dahin. Das Tässchen Kaffee gehörte in höheren Kreisen schon seit Jahrhunderten zur Mußezeit, allein oder in munterer Runde. Auch in baltischen Gefilden konnten sich Adelige und Bürger seit dem 17. Jahrhundert das kulinarische Getränk schmecken lassen. Schließlich pflegten die Deutschbalten geschäftliche Beziehungen zu den Bremer Kaffeeröstern. Zu jenen höheren Kreisen, die sich edle Kolonialwaren wie Kaffee schon früh leisten konnten, zählt auch das Stammgeschlecht des Vortragenden. Bosse rezitierte aus den Erinnerungen seiner kurländischen Vorfahren, die sich über mangelnden Feinkost-Nachschub aus dem Rigenser Kaufmannshause Mentzendorff nicht beklagen konnten.

Peter Bosse lud zum Vortrag im Rigaer Mentzendorff-Haus, Foto: LP

 

Beisammensein im Hause Mentzendorff

Der Verleger aus dem Odenwald nahm eine kleine Ausstellung im Hause Mentzendorff, das heute ein Museum ist, zum Anlass, dem Domus-Rigensis-Publikum aus den Werken deutschbaltischer Literaten zu rezitieren. Inmitten der Sammlung edler historischer Kaffeeservices erläuterte Bosse entsprechende literarische Szenen. Die besprochenen Autoren behandelten das Getränk schon früh als alltägliche Angelegenheit. Dass Kaffeekonsum für die Erzähler und ihre Romanfiguren bereits eine Selbstverständlichkeit ist, lässt auf ihren höheren sozialen Status schließen. Der deutsche Baron oder der erfolgreiche Patrizier konnten sich die exklusive Bohne durchaus leisten. Wenn in solchen Kreisen der Kaffeekessel dampft, bedeutet das für den Leser: “Jetzt wird`s gemütlich.” - vorläufig zumindest, denn im grotesken Gegensatz kann in der anfangs friedlichen Kaffeerunde so mancher Streit entfachen oder der Leser vernimmt lebensmüde Worte, die vom Koffein nicht munterer werden.

 

Die Bremer Stadtmusikanten in Riga

Die Kontakte zur Partnerstadt Bremen waren auch für den Kaffeetrinker nützlich. Hier das Denkmal der Bremer Stadtmusikanten an der Petrikirche in Riga, Foto: Nikater auf Wikimedia Commons

 

Veilchen zum 8. März für die Domus-Rigensis-Gemeinde

Bosse las aus den Büchern Karl von Holteis, Gertrud von den Brinckens, Manfred Kybers und des deutschbaltischen Dichterfürsten Eduard von Keyserling. Es muss festgestellt werden, dass sich in der Mentzendorff`schen Dachkammer vor allem die Damenwelt eingestellt hatte, um den Worten des Kaffee-Rezitators zu lauschen. Der Redner nahm dies zum Anlass, um auf das Datum 8. März hinzuweisen – es war also der internationale Frauentag, diesmal auch Veilchendienstag, an welchem er die Kaffeelektion erteilte. Aber das waghalsige Kompliment, dass sich nur Frauen auf die manuelle Zubereitung echten Filterkaffees verstünden, verhallte kommentarlos.

 

Mentzendorff-Haus in Riga

Das Haus der Kaufmannsfamilie Mentzendorff ist heute ein Museum. Auch der deutsch-lettische Kulturverein "Domus-Rigensis" hat hier sein Büro. Die kleine Ausstellung zum Thema Kaffee ist noch bis Anfang Juli zu besichtigen, Foto: LP

 

Der zweifach gemeuchelte Kotzebue

Bosse las auch aus August von Kotzebues “Die deutschen Kleinstädter” und empfahl dieses Lustspiel zur Lektüre. Diese Ehrenrettung ist lobenswert. Der gebürtige Weimarer, der vor 200 Jahren der erfolgreichste deutsche Bühnenautor war, ist heutigen Schülern nur noch als Mordopfer eines fanatischen Burschenschaftlers geläufig. Die Literaturkritiker meuchelten ihn ein zweites Mal, schoben seine Theaterstücke ins Fach der Trivialliteratur ab. Das kommt davon, wenn man sich als aufgeklärter Monarchist gegen die nationalistischen Strömungen seiner Zeit wendete, sich dazu noch – wie Freund Garlieb Merkel – mit Goethe und den Romantikern anlegte. Dann ist man Literaturhistorikern nur noch eine ebenso abgeschriebene wie abfällige Fußnote wert.

Kotzebues Grabstein in Mannheim

Kotzebues Grabstein in Mannheim, wo er vom fanatischen Studenten Karl Ludwig Sand 1819 ermordet wurde, Foto: Gerd W. Zinke auf Wikimedia Commons

 

Kotzebues Spott trifft noch heute

Dabei ist Kotzebues Lustspiel hochaktuell: Diese Satire auf kleinbürgerliches Duckmäusertum, dass sich von Titel und äußerem Glanz blenden lässt, sagt auch dem heutigen Leser Einiges. In Kotzebues stolzer Kleinstadt Krähwinkel hat es der dahergelaufene, titellose Nebenbuhler schwer, sogar seinen Kaffeekonsum betrachten die stolzen Provinzler argwöhnig: “Und Zucker hat er in den Kaffee geworfen, eine ganze Handvoll!” Kotzebue war selbst ein Bürgersohn. In den Adelsrang erhob ihn der Zar, in dessen Dienste er trat. Ein abenteuerliches Leben zwischen Russland und Deutschland folgte, mit Verdächtigungen, Spionagevorwürfen, Verbannung, aber auch mit Zeiten als Theaterdirektor am Petersburger Hof und Mitarbeiter in Zeitschriften, in denen er gegen Goethe und Napoleon polemisierte. Als Magistratspräsident des Gouvernements Estland und Besitzer eines Anwesens in Livland gehört der Autor zur deutschbaltischen Literaturgeschichte, der mit seinen deutschen Kleinstädtern auf einen Dramatiker unbestrittenen Ranges vorausdeutete. Denn folgende Szene aus Kotzebues Lustspiel-Satire zeigt, dass sein 5000-Seelennest Krähwinkel Dürrenmatts Pleiteörtchen Güllen nah benachbart ist, hier wie dort beobachtet der Zuschauer die gleiche Mentalität, z.B. den gleichen Stolz auf die belanglose Stadtgeschichte, die man einem bedeutenden Besucher präsentieren möchte:

“Bürgermeister. Fehlt es uns etwa an Merkwürdigkeiten? Das alte Rathaus! 1430 ist es erbaut worden. Auf dem großen Saale hat ein Hussitengeneral dem damaligen Bürgermeister eine Ohrfeige gegeben.
Herr Staar. Und die Walfischrippe an der Decke –
Bürgermeister. Und die Stadtuhr, wo der Hahn kräht und der Apostel Petrus mit dem Kopfe nickt.
Frau Staar. Und unsere Leinewandbleiche –
Herr Staar. Und das große Hirschgeweih –
Bürgermeister. Ein pommerscher Herzog hat den Hirsch höchsteigenhändig erlegt.
Frau Staar. Vielleicht kömmt er auch wegen der Tuchfabriken?
Bürgermeister. Possen! ein solcher Herr hat in seinem Leben Tuch genug gesehn.
Frau Staar. Meinen Zichorienkaffee soll er bewundern.”

So sind die Kleinstädter, selbst ihr Muckefuck will bewundert werden.

 

Weiterer LP-Artikel zum Thema:

8. März in Lettland: Blumen (und mehr) für das Land der Chefinnen

 

Externer Linkhinweis:

gutenberg.spiegel.de: Kotzebue – Die deutschen Kleinstädter

domus-rigensis.eu: Homepage von Domus Rigensis

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 14. März 2011 um 07:02 Uhr
 

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