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Münster, 24.8.2019
Hier kein Musikantenstadl – dort kein Tschernobyl: Zur unterschiedlichen Berichterstattung über die japanische Katastrophe in den lettischen und deutschen Medien PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Dienstag, den 15. März 2011 um 15:31 Uhr

Gefahrenzeichen für RadioaktivitätDas japanische Desaster ist die Hauptschlagzeile in sämtlichen Sprachen. Dennoch zeigt ein Vergleich lettischer mit deutschen Medien Unterschiede. Diese sind einerseits personalbedingt: Deutsche Korrespondenten berichten für das deutsche Fernsehen vor Ort. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen Lettlands, LTV1, muss sparen. Am Sonntag (13.3.11) sendete die lettische Tagesschau, Panorama, gleich hinter den purzelnden Autos, Schiffen und Häusern einen Bericht von den Stuttgarter Anti-AKW-Protesten - in Deutschland hat LTV noch einen Berichterstatter. Doch schon am Montag unterschied sich die Nachrichtenlage deutlich. In der ARD ereignete sich eine Kettenreaktion aus Sondersendungen (dabei zeigten die deutschen Journalisten eine europäische AKW-Karte, in der sie den litauischen Reaktor Ignalina mal eben nach Lettland verschoben hatten). In Lettland passte die fernöstliche Katastrophe noch in die üblichen Sendeformate. In Panorama rückte Japans Elend montags bereits unter “ferner liefen”, noch hinter einem Katastrophenbericht über lettische Autos, die von einer Fahrt über getaute Schlaglöcher ruiniert worden waren. Danach verlautbarte der Panoramabericht mit kremlhafter Hörigkeit die japanische Regierungserklärung: Fukushima sei nicht Tschernobyl. Tatsächlich ist Fukushima mit Tschernobyl nicht vergleichbar: Schließlich gerieten in Nippon nicht einer, sondern mindestens drei Reaktoren außer Kontrolle und die stehen nicht in der vergleichsweise dünn besiedelten Ukraine, sondern unweit einer Megametropole. Vergleicht man derzeit deutsche mit lettischen Medien, scheint im Gegensatz zur deutschen Aufgeregtheit, die bereits innenpolitische Folgen zeitigt, am Rigaer Meerbusen eine Art postsowjetische Gelassenheit zu herrschen: Was kümmert ein bisschen überhitztes Leichtwasser im Fernen Osten, wenn man doch Graphitmoderiertes gewöhnt ist? Nach dem Tschernobyl-Supergau überraschte die lettische Natur im Herbst 1986 mit tellergroßen Pilzen. Noch heute dürfte der wackere Sammler so manche Prise Cäsium zu sich nehmen.

Internationales Gefahrenzeichen für radioaktive Verseuchung, Grafik: Wikimedia Commons

 

 

Lettische Sendeformate blieben stabil

In den deutschen Medien füllen neben der Berichterstattung Kommentare, Spekulationen und Vorhersagen über Kernschmelzen und Windströmungen Sendezeit, Webspace oder Presse-Spalten. In Lettland bleibt dort Platz für Prognosen über die nächste Wahl des Staatspräsidenten oder über die Niederlagen von Rigas Eishockeymannschaft Dinamo. Interkulturelle Forscher werden dies mit dem großen Sicherheitsbedürfnis in der deutschen Mentalität erklären. Manche Letten amüsiert das. Vielleicht bleibt für sie weniger Zeit und Raum, über Restrisiken zu spekulieren. Wer, wie viele Letten, auf ein riskanteres Leben ohne Krankenversicherung trainiert ist, erträgt sonstige mögliche Gefahren wohl ebenfalls gelassener. Da plagt die nächste Preisrunde des lettischen Stromversorgers Latvenergo erst einmal mehr.

 

HES Plavina

Lettland produziert nur einen Teil seines Strombedarfs selbst, vor allem mit drei hydroelektrischen Kraftwerken an der Daugava, hier die Anlage in Plavina, Foto: Wikimedia Commons

 

Juris Ozoliņš: Nicht schlimmer als Three Mile Island

Am Dienstagmorgen, nach der dritten Explosion in Fukushima, warnte Andris Abramenkovs, der Abteilungsleiter für Gefahrenstoffe im lettischen Zentrum für Umwelt, Geologie und Metereologie, im Lettischen Radio 1, dass die Situation komplizierter und gefährlicher werde. Am Abend zuvor war Energieexperte Juris Ozoliņš, einst Berater des lettischen Energiekommissars Andris Piebalgs, bestrebt, erste politische Einschätzungen zu formulieren. Zu dieser Zeit hielt er die Ereignisse von Fukushima noch für beherrschbar und hoffte auf ein ähnlich glückliches Ende wie bei der Kernschmelze im US-Reaktor von Three Mile Island im Jahr 1979. Man könne das japanische Unglück keinesfalls mit Tschernobyl vergleichen und er fürchtete vor allem die ökonomischen Konsequenzen für den fernöstlichen High-Tech-Staat. Im Gegensatz zu den deutschen Journalisten zeigte sich Ozoliņš mit der japanischen Informationspolitik ganz zufrieden. Ehemalige Sowjetbürger erinnern sich an den Lug und Betrug der damaligen KP-Regierung, der 1986 viele zusätzliche Menschenleben kostete.

 

Sowjetmuseum Ignalina

Der vom Netz genommene litauische Meiler Ignalina ist nach dem Prinzip des Tschernobyl-Reaktors konstruiert, Foto: Julo auf Wikimedia Commons

 

Leichtsinnige Litauer

Recht aufklärerisch zeigte sich der Energieexperte zu den neuen AKW-Plänen in unmittelbarer Nachbarschaft. Sowohl Russland, Weißrussland als auch Litauen planen neue Atommeiler. Offizielle lettische Vertreter, die solche Kraftwerke vorbehaltlos akzeptierten, seien mutige Leute. Er hoffe allerdings, dass modernste Technik eingesetzt werde, mit doppelten Schutzhüllen, die auch vor Flugzeugabstürzen schützten. Sehr gewandt parierte er das stolze Zitat eines litauischen Energievertreters, das neue AKW seines Landes werde 100 mal sicherer als die japanischen. Über noch nicht Realisiertes könne man vieles behaupten und erinnerte daran, dass der litauische Graphitreaktor Ignalina unvergleichbar unsicherer war als die Blöcke von Fukushima. Erst EU-Druck bewirkte 2009, dass die Litauer dieses riskante Sowjetmuseum vom Netz nahmen. Lettland importierte allerdings den Strom aus dem baltischen Nachbarstaat und erwägt auch die Beteiligung an einem neuen Meiler. Gefragt, ob die Letten sich daran erneut beteiligen sollten, meinte Ozoliņš, dass er als Ingenieur in einer schlechten Position sei, weil er prinzipiell auf technische Lösungen vertraue. Dennoch gehöre er zu den AKW-Skeptikern, weil diese Technik kaum zu finanzieren sei.

 

Externer Linkhinweis:

tvzinas.lv: 100.pants 14.03.2011 – Interview mit Juris Ozoliņš (Video, lettisch)

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 20. Juli 2011 um 17:00 Uhr
 

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