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Münster, 20.11.2017
Wadim und die Frage, wo Staatenlose eine Heimat finden PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 12. Januar 2013 um 00:00 Uhr

Blick auf die Hamburger BinnenalsterWohin scheren sich Staatenlose, die im einen Land als „Okkupanten“, im anderen als „Asylanten“ diffamiert werden? Kurz und bündig formuliert: Zum Teufel! So muss die gnadenlose Antwort lauten, die der Film Wadim liefert. Die ARD sendete diese preisgekrönte Dokumentation am 10.1.13 in ihrem Spätprogramm. Die Regisseure Carsten Rau und Hauke Wendler zeigen kommentarlos die kurze Lebensgeschichte des Wadim K., der mit sechs Jahren Lettland verlassen musste und darauf hoffte, in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Doch die Hamburger Ausländerbehörde verweigerte ihm nach Recht und Gesetz ein dauerhaftes Bleiberecht. Am 20.1.2010 zog Wadim aus seinem perspektivlosen Leben die bittere Konsequenz. Er beendete es mit 23 Jahren auf den Gleisen einer Hamburger S-Bahn.

Zitat aus der Selbstdarstellung der Hansestadt Hamburg: "Amsterdam, Barcelona, Dublin, Kopenhagen, San Francisco, Toronto oder eben Hamburg sind solche Städte, die die Erfolgsfaktoren des 21. Jahrhunderts, Technologie, Talent & Toleranz, zum Leitgedanken ihrer Stadtentwicklungsstrategie gemacht haben." Foto: Matthias v.d. Elbe auf Wikimedia Commons

 

Vom Sowjetbürger zum Staatenlosen

Wadims russischstämmige Eltern verloren mit dem Kampf der Letten um die Unabhängigkeit die Heimat: Sie wurden als „Okkupanten“ mit den Verbrechen des Besatzungsregimes identifiziert. Der lettische Gesetzgeber verweigerte den meist russischstämmigen Einwohnern die Staatsbürgerschaft, wenn sie diese nicht schon vor der sowjetischen Besatzung von 1940 innehatten. So verlor Wadims Vater auch noch seine Stelle als Polizist, denn als Staatenloser durfte er diesen Beruf nicht mehr ausüben. Daher entschlossen sich die Eltern, nach Deutschland zu emigrieren und in Hamburg 1992 einen Asylantrag zu stellen. Die deutschen Behörden fassen das Asylrecht für politisch Verfolgte eng, daher war der Ablehnungsbescheid drei Jahre später kaum verwunderlich. Dennoch durfte die Familie K. vorläufig in Hamburg bleiben: Wohin schiebt man Staatenlose ab? Die lettischen Behörden fühlten sich bis 1998 nicht zuständig. Für Wadim, sein Bruder und seine Eltern bedeutete dies ein Leben in den beengten Verhältnissen auf einem Hamburger Wohnschiff, später in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Der Vater, der so viel von Deutschland hielt und hier ein neues Leben beginnen wollte, war zur Erwerbslosigkeit verdammt. Die Mutter fürchtete um ihre Familie, wenn die Kinder als Asylbewerber erkannt wurden.

Wadim K.

Wadim war ein sympathischer Mensch. Das bezeugen im Film Lehrer und Mitschüler, Foto: Wadim - Der-Film.de

 

Rücknahme ohne Verpflichtungen

1998 schlossen Deutschland und Lettland ein verhängnisvolles Abkommen. Die Baltenrepublik verpflichtete sich, Staatenlose wieder aufzunehmen, ohne sich um sie zu kümmern. Der Status der Duldung, die die Hamburger Behörden der Familie K. gewährten, konnte nun jederzeit aufgehoben werden. Wadim war inzwischen de facto ein Deutscher geworden. Er sprach besser Deutsch als Russisch, schaffte sogar den Sprung auf ein Gymnasium. Doch die ungewisse Zukunft zerstörte das familiäre Zusammenleben. Die Eltern verkrafteten ihre Situation psychisch nicht mehr. Wadim stritt sich mit dem Vater, das Gymnasium musste er wieder verlassen. 2005 entschließt sich die Hamburger Ausländerbehörde doch noch zur Abschiebung. Polizisten dringen in einer nächtlichen Aktion in die Wohnung. Die Eltern reagieren mit Gewalt und Selbstzerstörung: Der Vater wehrt sich, die Mutter unternimmt mit dem Messer einen Suizidversuch. Sie kommt in die Psychiatrie, ihr Mann in Abschiebehaft. Die Polizisten führen nur Wadim in Handschellen zum Frankfurter Flughafen ab, sein noch minderjähriger Bruder bleibt allein zuhause.

Abschiebegefängnis

Wadim kam in Belgien in Abschiebehaft, Foto: Wadim - Der-Film.de


Endstation Obdachlosenasyl

Auf dem Rigaer Flughafen angekommen steht Wadim mit 10 Euro in der Tasche in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht spricht. Er bittet um Auskunft: Die Flughafenmitarbeiter empfehlen ihm die Deutsche Botschaft, deren Angestellte ihm ein Rigaer Obdachlosenheim. Nun haust er mit Leuten, die er nicht versteht, in einer Massenunterkunft. Die Mitarbeiterin des Notasyls muss eine Ärztin holen, um ihn zu beruhigen. Nun beginnt wieder die Suche nach einer Heimat, nach einer Existenz. Wadim reist illegal nach Deutschland, wird erneut abgeschoben. Er stellt vergeblich einen Asylantrag in Belgien, versucht sogar in Frankreich oder der Schweiz einen dauerhaften Wohnort zu finden. Vorübergehend arbeitet er in Riga als Hilfsarbeiter. Seine Chefs loben ihn als typischen `Deutschen`. Doch 2008 beginnt in Lettland die Wirtschaftskrise und Wadim verliert seine Stelle. Man fragt sich, warum er nicht deutscher Staatsbürger wurde. Doch dazu wäre erstmal ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht erforderlich gewesen. Statt dessen wird ihm dies auch vorübergehend nicht mehr genehmigt, weil – und das ist ein blinder Fleck in diesem beeindruckenden Film, denn das muss man in Hendrik Maaßens Beitrag auf Spiegel online nachlesen - weil Wadim mit seiner Gang eine Jugendsünde beging: Sie brachen in ein Autohaus ein, Wadim wurde zu fünf Stunden Arbeit in einer sozialen Einrichtung verurteilt. Deshalb galt er als vorbestraft, durfte sich nicht einmal in Deutschland aufhalten. Später soll er vor der Einreise die Abschiebekosten zurückzahlen, doch diese kann er nicht aufbringen. Seine Eltern hingegen bleiben in Hamburg. Auch der Vater muss später psychiatrisch behandelt werden. Die Richter verbieten ihre Abschiebung, weil in Lettland niemand ihre ärztliche Versorgung finanziert.

Wadims Todesstele

Die Stelle, an der Wadim sich das Leben nahm, Foto: Wadim - Der-Film.de


„Du bist in Deutschland, okay?!“

Eigentlich erweckt der Film nur Trauer und Mitleid. Aber die Stellungnahmen, die der Hamburger Leiter der Ausländerbehörde nur telefonisch äußert, empören. Doch muss man ihm zugute halten, dass er nur Allgemeines zur Ausländerpolitik verlautbart. Vielleicht wählten die Filmemacher gerade diese Zitate, um ihre These vom "starren Gerüst von Aufenthaltsrecht und Bürokratie, in dem der Einzelne nichts zählt" zu belegen. Auf den schlimmen Einzelfall bezogen urteilen Menschen meistens sensibler. Auf Einzelfälle nehmen Hamburger Bürokraten aber offenbar keine Rücksicht, so zumindest ist es aus diesem Film zu folgern. Die vom angerichteten Elend abstrahierende Sprache erinnert an schlimmste Zeiten: Da ist von „Ausreisepflichtigen“ die Rede, die die „Ausreisepflicht ignorieren“. Das seien Leute, die „sich einen Dreck um deutsche Gesetze kümmern, aus denen sich die Ausreisepflicht ergibt“. Der Behördenchef stellt oberlehrerhaft zum Verhalten der Asylbewerber fest: „Es wird gerne genommen, aber nicht gegeben.“ Eine verlängerte Duldung des Aufenthalts ist für ihn ein Akt der Larmoyanz. Mitgefühl ist nur in eigener Sache erkennbar: „Es ist nun mal so, dass es unser Job ist, solche Dinge zu tun und zu vertreten“ und: „Wir haben nur zu vollziehen. Wir dürfen die Drecksarbeit machen. Die Anderen lehnen sich fein zurück.“ Erschütternd sind auch die Szenen, die die Kamera vor der Hamburger Ausländerbehörde festhält, so sieht die „Abfertigung“ aus: Die Schlangestehenden, die ein Visum brauchen, werden wie Vieh hinter Gittern ins Amt geschleust, sie rennen, als das Tor geöffnet wird. Sie müssen um eine Schalternummer konkurrieren. Diese sind begrenzt, wer keine ergattert, muss es am nächsten Tag erneut versuchen. Ein Behördenbewacher duzt arrogant: „Sprich Deutsch, du bist in Deutschland, okay?!“ Im Hintergrund sieht man eine Prügelszene. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ war das Motto der deutschen Fußball-WM von 2006. Das gilt aber nur für Fußballfans.


Externe Linkhinweise:

Wadim – Der Film

ndr.de: Wadim - Selbstmord nach Abschiebung (TV-Bericht)

spiegel.de: Staatenlos Flucht ohne Ausweg

 

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