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Münster, 15.11.2018
Lettland: Domus Rigensis Tage - Parallelen und Brücken in der deutschbaltischen und lettischen Literatur PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 04. Juli 2013 um 00:00 Uhr

Gedenktafel für VegesackDie diesjährigen Domus-Rigensis-Tage vom 28. bis 30.6.13 waren erneut ein Stelldichein für Interessierte der deutsch-lettischen Kulturbeziehungen. Diesmal war die Literatur das Thema. Erzählforscher referierten über den deutschen Einfluss auf das lettische Nationalepos Lāčplēsis, über Brücken und Parallelen zwischen deutschbaltischen und lettischen Schriftstellern sowie über Siegfried von Vegesacks Riga vor dem Ersten Weltkrieg. Zunächst trafen sich die deutschen und lettischen Vereinsmitglieder vor dem großen Patrizier-Eckhaus am Brīvības Bulvāris. Dort hatte Vegesack als Schüler gewohnt. Von hier aus konnte er die Ereignisse am Stadtkanal in der Innenstadt beobachten, dort, wo sich heute das Nationaldenkmal befindet. Übersetzer Pēteris Bolšaitis, Ojārs Spārītis, Präsident der Wissenschaftlichen Akademie, und die deutsche Botschafterin Andrea Wiktorin würdigten den deutschbaltischen Autor, bevor der Domus-Rigensis-Vorsitzende Eižens Upmanis die Gedenktafel an der Fassade des Hauses Brīvības Bulvāris 19 enthüllte. Vegesacks Leben und Werk steht beispielhaft für das Verhältnis zwischen Deutschbalten und Letten im multikulturellen Riga der vorletzten Jahrhundertwende. Die Ethnien grenzten sich zwar ab, doch Heinrich Bosse, Mara Grudule und Thomas Taterka referierten über die zahlreichen Kontakte und die Zusammenarbeit, die zwischen Schriftstellern deutscher und lettischer Sprache bestanden. Die Kulturschaffenden durchlöcherten mit ihrer Zusammenarbeit das, was Vegesack als „gläserne Wand“ bezeichnet hatte.

Eižens Upmanis und Andrea Wiktorin enthüllten mit vereinten Kräften die Vegesack-Gedenktafel, Foto: LP

 

Der "Jungherr" fühlte sich vom Volk isoliert

Heinrich Bosse bezog sich in seinem Vortrag auf ein wiederkehrendes Motiv in Vegesacks Roman-Trilogie „Baltische Tragödie“. Der kleine Aurel, Spross einer ländlichen Adelsfamilie, erfährt im ersten Teil die Trennung zwischen seiner Verwandtschaft und ihren lettischen Dienern. Aurel bevorzugt deren einfache Speisen und weniger strenge Tischsitten. Doch er bemerkt mit Bitterkeit, wie das lettische Personal ihn notorisch mit dem Titel „Jungherr“ anredet. Dies schmeichelt ihm nicht, sondern für ihn zeigt sich hier die „gläserne Wand“, die die deutschbaltische Oberschicht von der lettischen Bevölkerung trennt. Bosse nahm diese Szene zum Anlass, um die Bruchstellen dieser ethnischen Trennwand im Riga der vorletzten Jahrhundertwende aufzuzeigen. Angehörige dreier Berufsgruppen hatten Kontakte über die eigene Sprachgruppe hinweg: Die Maler, die an der Petersburger Kunstakademie studiert hatten, Theaterleute, die sich über neue Bühnenwerke in anderen Sprachen informierten und Journalisten, die sowohl für lettische als auch deutsche Zeitungen schrieben. Bemerkenswert ist Bosses Recherche über die Aufnahme von Wedekinds Pubertätsdrama „Frühlings Erwachen“ in Riga: Die deutschbaltische Bühne ignorierte es, die Erstaufführung in Riga erfolgte in einer Übersetzung für das russische Theater. Mara Grudule erläuterte die zahlreichen Wechselbeziehungen zwischen Literaten deutscher und lettischer Sprache. Deutschbaltische Geistliche haben wesentlich dazu beigetragen, dass eine lettische Schriftkultur entstanden ist. Grudule erwähnte unter vielen Namen den Aufklärer Gotthard Friedrich Stender, der 1789 das erste lettische Wörterbuch veröffentlichte. Ein interessanter Fall ist der Blinde Indrick, dessen Eltern lettische Leibeigene waren. Indrick erkrankte mit fünf Jahren an der Pest und erblindete. Der Lutheraner Karl Gotthard Elverfeld kümmerte sich um ihn. Aus dem Blinden wurde ein `lettischer Homer`. 1806 erschien sein Buch „Die Lieder des Blinden Indrick“ in lettischer Sprache. Die Expertin für deutschbaltisch-lettische Literaturbeziehungen wies noch auf zahlreiche Namen hin, die von lettisch-deutscher Kooperation zeugen. Zwar blieben die Kulturen getrennt, grenzten sich in der Zeit des Nationalismus auch ab, doch beide erhielten gleiche Anregungen durch internationalen Kulturaustausch. Hier sei nur Rūdolfs Blaumanis erwähnt, der bekannte lettische Literat, der mit der deutschen Sprache aufwuchs und viele reichsdeutsche und deutschbaltische Bekanntschaften pflegte. Sein Freund Victor von Andrejanoff, der aus einer deutschbaltisch-russischen Familie stammte, machte ihn mit den Büchern Nietzsches und Gerhart Hauptmanns vertraut.

Lacplesis-Briefmarke

Der Lāčplēsis, der Bärenreißer mit den Bärenohren, ist auch Namensgeber des höchsten Militärordens, der zwischen 1920 und 1940 in drei Klassen verliehen wurde. Auch Ausländer gehörten zu den Ausgezeichneten, u.a. Benito Mussolini. Foto: lv.wikipedija.org


Auch Nationalismus entstand durch internationale Anregungen

Thomas Taterka demonstrierte, das auch das ethnisch Abgrenzende unter internationalem Einfluss entstanden ist. Als Napoleon die deutschen Gebiete eroberte, entdeckten die Besetzten das Nibelungenlied wieder und deuteten es zum Nationalepos um. Fortan wurde es nationale Mode in Europa, sich einen mittelalterlichen Text als Epos der eigenen Nation auszuwählen. Pech hatten jene Völker im baltischen Raum, die in feudalistischer Zeit als Leibeigene gelebt hatten. Ihnen war der Zugang zur Schriftkultur lange verwehrt worden. Um sich historisch zu legitimieren, benötigten auch sie im 19. Jahrhundert einen Epos. Daher veröffentlichte Andrejs Pumpurs 1888 das epische Gedicht Lāčplēsis. Der Kunstmythos vom „Bärenreißer“, der mit dem deutschbaltischen „Schwarzen Ritter“ kämpft, entstand nach den Regeln eines Deutschen. Das Epos bezieht sich auf die Zeit, als die Fremden aus dem norddeutschen Raum im 13. Jahrhundert die baltischen Gebiete erobern. Taterka zeigte anhand des Vorworts, mit dem Pumpurs sein Werk einleitet, wie der nationalliberale Schriftsteller und Paulskirchenabgeordnete Wilhelm Jordan den Urheber des lettischen Nationalmythos` angeregt hat. Ein solches Epos sollte nach bestimmten Grundsätzen gestaltet werden. Nur mündlich Überliefertes vom Volk für das Volk sollte berücksichtigt werden. Laut Jordan waren nur vier „arische“ Völkerfamilien fähig, Epen zu entwickeln: Inder, Perser, Griechen und Germanen. Pumpurs fügte eine fünfte Volksgruppe hinzu: Die lettisch-litauische. So hat sogar der Nationalismus internationale Wurzeln und ist eine zweischneidige Angelegenheit: Jakob Grimm und die Romantiker entdeckten die mündlich überlieferten Mythen und Märchen als bedeutende kulturelle Errungenschaft jenseits der Herrschaftseliten. Nicht nur die Herrschenden und ihr Gefolge, auch die Untertanen hatten eine eigene Geschichte und kulturelle Werke aufzuweisen. Andererseits verführte die Konstruktion nationaler Kulturgeschichten dazu, interkulturelle Bezüge zu leugnen und Fronten zwischen den Ethnien zu errichten. Die Domus-Rigensis-Gemeinde konnte sich an den folgenden Tagen weiteren interessanten Aktivitäten widmen: Dazu gehörte der Besuch eines Konzerts mit Absolventen der Musikakademie, die Besichtigung der Baustelle der neuen lettischen Nationalbibliothek, ein Festabend mit Tanz und baltischem Buffet und zuletzt ein Tagesausflug nach Jegalva.

 

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