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Münster, 26.3.2019
Zwischen Sieg und Freiheit. Ein Kommentar zum Siegesdenkmal in Riga PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Administrator   
Mittwoch, den 04. Dezember 2013 um 00:00 Uhr

Das Rigaer Siegesdenkmal mit Inschrift 1941-1945Eine neue lettische Initiative erregt Aufmerksamkeit. Der nationalkonservative Justizminister Jānis Bordāns und andere wollen das sowjetische Siegesdenkmal jenseits der Daugava, das in den 80er Jahren errichtet wurde, abreißen lassen. Diese mit martialischen Figuren umstellte Betonsäule ist das zentrale Identifikationssymbol der russischsprachigen Minderheit des Landes. Es erinnert an den Sieg der Sowjetunion über Hitler-Deutschland. An jedem 9. Mai wird er rund um diesen Platz aufwändig gefeiert. Eine Entfernung des Denkmals könnte ähnliche Unruhen auslösen, wie sie 2007 in Estland erfolgten, nachdem die dortigen Behörden ein vergleichbares Geschichtssymbol, den "Bronzenen Soldaten", umgesetzt hatten. Der Streit um die Rigaer Siegessäule steht exemplarisch für den ethnischen Kampf um die `richtige` Geschichtsdeutung. Die Kulturwissenschaftlerin Una Preisa schrieb dazu einen Kommentar.

Am 9. Mai wird in Riga der Sieg über Nazi-Deutschland am Siegesdenkmal gefeiert, Foto: Una Preisa

 

Ein Gastbeitrag von Una Preisa

Im Sinne der Adventszeit: Alle Jahre wieder kommt das Christkind. Aber es gibt auch Gespenster der Vergangenheit, die alle Jahre wieder kommen. Dazu gehört die Geschichte des Siegesdenkmals in Riga. Es ist eine Gedenkstätte auf der südwestlich-nordöstlichen Achse der Stadt, eine der vier Perlen auf der Kette: Das Siegesdenkmal – die Nationalbibliothek – das Okkupationsmuseum – das Freiheitsdenkmal. Auf dieser Achse stand auch einmal das Lenin-Denkmal. Man kann diese Punkte mit einer geraden Linie verbinden, aber die Schicksale, die sich hier mit der Bevölkerung Lettlands verbinden, sind nicht so geradlinig. Die Endpunkte dieser Achse tragen edle Namen: Am Anfang der Siegesboulevard und am anderen Ende der Freiheitsboulevard. Auf den ersten Blick könnte jeder Ausländer die Letten um eine solche Epik beneiden: Ihre Hauptstadt wird von Sieg und Freiheit bestimmt.

Die Betonsäule des Siegesdenkmals

Die lettischen Flaggen täuschen: Das Siegesdenkmal ist kein Identifikationssymbol der lettischstämmigen Mehrheitsbevölkerung. Diese begreift den 9. Mai 1945 als Fortsetzung der stalinistischen Herrschaft, Foto: Una Preisa


Alle diese Perlen bedürfen aber einer Erklärung, weil sie in der heutigen lettischen Gesellschaft eine starke Bedeutungszuweisung erfahren und inzwischen als Symbole fungieren, also etwas weitaus Wichtigeres darstellen als nur reine Figuralkomposition aus Bronze oder ein bloßes Bibliotheksgebäude. Das Siegesdenkmal wurde 1985, also zur Zeit der letzten Atemzüge des Sowjetregimes, erbaut und hat den Titel: „Für die Befreier des sowjetischen Lettlands und Rigas von den deutschen faschistischen Eindringlingen“. Doch nur die Inschrift „1941-1945“ ist zu lesen. Damals, 40 Jahre nach dem Kriegsende, sorgte dieses Projekt für viel Unzufriedenheit, weil es durch Zwangsspenden finanziert wurde, die von den Löhnen der Werktätigen einbehalten wurden. In den 80er Jahren hat niemand gegen die Zahl „1941“, das Jahr des Angriffs Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion, protestiert. Heutzutage regt sich dagegen Widerstand, denn die Rote Armee hatte Lettland bereits 1940 erobert. Auch die künstlerische Leistung dieses Denkmals ist umstritten. Heute materialisieren aber alle vier Orte den Glauben an Freiheit, die Hoffnung auf Gerechtigkeit und die Liebe zur eigenen Familie und Herkunft. Doch hinter diesen Werten, die wahrscheinlich der Großteil der Menschheit teilt, verbergen sich einzelne Schicksale und sorgen für eine kaum vereinbare Vielfalt von Perspektiven.

Für die Politiker sind Wahlen wie Weihnachten, wobei sie die Rolle der Weihnachtsmänner übernehmen - und so gehört das Thema Siegesdenkmal wieder einmal wie ein Adventskranz dazu. Es ist ein Thema, das immer für Schlagzeilen sorgt und mit dem sich gut Politik machen lässt, weil es eine starke Polarisierung hervorruft und ein klares Profil der Partei bzw. ihr wahres Gesicht zeichnen lässt. Was dabei untergeht, ist die Tiefe der Kluft, die die verschiedenen Wahrnehmungen trennt sowie die Geschichte des Ortes, die im Kampf um die Macht ausgeklammert wird. Die lettische Medienlandschaft erinnert an einen Debattierklub: Es gibt mehrere Teams, die kurze und mehr oder minder gute Argumente für oder gegen den Abriss des Denkmals liefern und es wird eher ein Wettstreit um die spezifische eigene Wahrheit geführt als eine Annäherung erzielt. Doch gibt es diese eine Wahrheit? Ist das möglich, langfristig eine sichere politische und bürgerliche Gesellschaft unter einem solchen Wahrheitsanspruch zu etablieren?

Russische Flagge am Siegesdenkmal

Am 9. Mai weht am Siegesdenkmal die russische Flagge, Foto: Una Preisa


Die Wünsche der Bevölkerung bezüglich des Denkmals bieten die komplette Palette des Denkbaren, aber keine der Argumentationen wird offen zu Ende gedacht. Wenn wir sagen: Lettland wurde okkupiert bzw. mit Gewalt annektiert und besetzt und dieses Denkmal ist wie ein Dolch im Leib, der noch immer an die Unterdrückung und den Freiheitsraub erinnert – was bedeutet das für diejenigen, die das leugnen oder anders sehen, aber trotzdem in der gleichen Gesellschaft leben? Was für eine Gesellschaft wollen wir in Lettland, unter der Bedingung, dass kein Mensch das Land verlassen muss? Wenn wir sagen: An diesem Denkmal wird der Sieg über den Faschismus gefeiert, der in Teilen noch nicht völlig ausgerottet sei (vgl. die Debatte über den 16. März) und mit der Feier soll jenen, die an einen Sieg an der Seite Nazi-Deutschlands teilnahmen, ein Denkzettel verpasst werden – Wo wollen wir hin? Was für eine Gesellschaft wollen wir in Lettland, unter der Bedingung, dass kein Mensch das Land verlassen muss? Das sind zwei etwas überspitzte Argumentationsmuster, die stellvertretend für die lettisch- und russischsprachige Presse stehen. Man spricht in Lettland von parallelen Gesellschaften und parallelen Informationsräumen.

Historische Maschinengewehre und Männer in Uniformen

Oldtimer der besonderen Art, Foto: Una Preisa


In einem Internetportal für Bürgerinitiativen wird nun sogar der Abriss des Siegesdenkmals vorgeschlagen (s. Rīgas īstā Uzvaras laukuma atjaunošana http://manabalss.lv/), was auf eine verhältnismäßig große Anerkennung gestoßen ist. Dort heißt es, dass an dieser Stelle der eigentliche Siegespark errichtet werden sollte, den Ulmanis in den 30er Jahren geplant hatte. Dieses Beispiel ist wegen der Verwendung des Begriffs eigentlich erwähnenswert. Ulmanis hatte sein Vorhaben nicht an unmarkierter Stelle geplant: Dort war 1910 schon einmal eine Anlage geschaffen worden, und zwar ein Park zu Ehren Peters des Großen, unter dessen Herrschaft Riga 1710 an das Russische Reich fiel. Damit wurde das 200jährige Jubiläum der Zugehörigkeit der baltischen Metropole zum Zarenreich gefeiert. Ulmanis hat diesem Areal einen neue Bedeutung gegeben. Er wollte die Anlage für seine Zwecke umgestalten: Zu einem Ehrenplatz der lettischen Armee und der Helden, die 1919 die Truppen der weißgardistischen Bermondt-Armee bezwungen hatten. Der Sieg, den die lettische Nationalbewegung damals, ein knappes Jahr nach der Gründung der Republik, gegen diese russisch-deutsche Armee errungen hatte, wird heute an jedem 11. November, am Lačplēsis-Tag, an der Rigaer Schlossmauer feierlich mit einer Kerzen-Aktion begangen.

Blumenmeer am Siegesdenkmal

Feiertage mit Blumen zu begehen ist für Russen und Letten gleichermaßen wichtig, Foto: Una Preisa


Einmal fand in der von Ulmanis gebauten Anlage das Sängerfest statt (1938). Die Bauarbeiten wurden im Krieg eingestellt. Die oben erwähnte Bürgerinitiative betrachtet das heutige Denkmal als einen Platz, auf dem der falsche Sieg gefeiert wird. Zu diesem falschen Sieg gehören aber auch die Urteile gegen sieben deutsche SS-Offiziere, die 1946 dort öffentlich erhängt wurden, unter ihnen Friedrich Jeckeln, der die Massenexekutionen gegen Juden im ukrainischen Babyn Jar und in Rigas Wäldern von Rumbula und Biķernieki organisiert hatte. So könnte man die Ereignisse an diesem Ort und die Pläne für seine Bebauung, zu denen auch die Errichtung der Nationalbibliothek gehört, lange fortsetzen. Es geht hier also nicht darum, solche Initiativen zu bewerten, sondern es geht um das Prinzip, dass Menschen sich aussuchen, was sie wahrhaben wollen. Was ist die wahre Geschichte dieses Ortes? Wie weit gehen wir in die Geschichte zurück? Welche Episoden wollen wir erhalten und welche verdrängen? Es wäre bequem, dieses Siegesdenkmal ohne eine Auseinandersetzung abzureißen und sich auf eine ausgewählte, keineswegs unumstrittene Periode der lettischen Historie zurückzubesinnen. Aber wie sieht dieser Gedanke aus, wenn wir ihn zu Ende denken? Ist das moderne Lettland des 21. Jahrhunderts das Erbe von Ulmanis` Gedankengut?

Nils Usakovs ehrt einen Veteranen

Auch der Rigaer Bürgermeister Nils Ušakovs (mit Brille) nimmt regelmäßig an der 9. Mai-Feier teil. In Riga ist die russischstämmige Bevölkerung in der relativen Mehrheit, Foto: Una Preisa


Obwohl Lettland offiziell kein Transformationsland mehr ist, deutet diese Wettstreitpolitik genau auf das Gegenteil hin: Lettland ist mitten im Prozess der Kompromissfindung zwischen der Sieges- und der Freiheitsperspektive und im Prozess der Aufarbeitung der Geschichte des Landes. Vermutlich ist es diese Transformation, vor der es dem Großteil der gesamtlettischen Bevölkerung wegen der unterdrückten Schmerzen und der Angst vor Eskalation unbewusst schaudert. Tranformation wird hier als ein Wandlungsprozess und keine Wiederherstellung vergangener Gesetze und Regeln in deren ursprünglicher Form verstanden, weder in Bezug auf die Vorkriegsrepublik noch auf die Nachkriegs- bzw. Sowjetrepublik. Es muss sich etwas ändern und die Debatte über das Siegesdenkmal könnte eine gute Chance sein, die gemeinsamen Ziele für Lettland zu formulieren. Andererseits ist zu bedenken, dass am Vorabend der Parlamentswahlen (Oktober 2014) eine Annäherung zwischen den Parteien alles andere als eine gute Wahlstrategie erscheinen könnte, da sie zunächst keine klare Vision und erst einmal Unsicherheit vermittelt. Daher bleibt abzuwarten, ob und wann diese Chance des Wandels ergriffen wird oder auch nicht. Der Zeitpunkt wäre günstig, da bis zu den Feierlichkeiten am 9. Mai noch ein halbes Jahr Zeit ist und die Diskussionen derzeit womöglich in einer entspannteren und sachlicheren Stimmung geführt werden könnten.

Denkmal-Perlenkette

Die "Perlenkette" von Riga: Diese Bauten mit historischer Symbolik durchziehen die Rigaer Innenstadt vom Siegespark bis zum Stadtkanal, beinahe symmetrisch an beiden Ufern der Daugava angeordnet. Sie alle zeugen vom ethnischen Kampf um die Hegemonie der eigenen, `richtigen` Geschichtsauffassung: Am westlichen Daugava-Ufer befindet sich ein paar hundert Meter vom Siegesdenkmal entfernt die neue Nationalbibliothek. Ihr Name ist "gaismas pils", "Lichtburg". Dies ist ein Wort, das der nationalromantische und mythologisierende lettische Dichter Auseklis verwendet hat. Am gegenüber liegenden Ufer der Daugava befindet sich das lettische Okkupationsmuseum, dessen Architektur aus der Sowjetzeit stammt. Damals war es Erinnerungskultur für die lettischen Roten Schützen, die sich mit den Bolschewisten verbündet hatten. Nach der Unabhängigkeit wurde das Haus komplett umfunktioniert: Heute zeigt es die lange Zeit der Okkupation von 1940 bis 1991, doch die Zeit der deutschen Besatzung und des Holocaust wird nur marginal behandelt, die Geschichte der sowjetischen Besatzung hingegen recht umfassend dokumentiert. Die wichtigste nationale Identifikationsstelle der Letten ist, symmetrisch quasi dem Siegesdenkmal entgegengesetzt, ebenfalls eine Säule: Das Freiheitsdenkmal von Kārlis Zāle, das in den 30er Jahren entstanden ist. Es wurde an der Stelle errichtet, wo zuvor das Reiterstandbild des Zaren Peters des Großen postiert war, Fotomontage: LP


Eine neue Präambel zur Verfassung, wie sie gerade in Lettland diskutiert wird, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass Lettland im Wandel ist: Es finden Identitätsfindungsprozesse auf nationaler Ebene statt. Dazu gehören aber umfassende Auseinandersetzungen ausnahmslos mit allen Perlen der Kette. Das ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft Lettlands, nämlich sich zu einigen, wie das Zusammenleben im Zeichen des Wandels aussehen soll.

 

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