logo
Münster, 24.4.2019
Der Krieg als paradoxes menschliches Verhalten - Der Beitrag der Kulturhauptstadt zum Gedenken an 1914 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 22. Februar 2014 um 00:00 Uhr

Arsenals-Einblick: Durchgang mit BildernKultur hat nur dann einen Sinn, wenn sie die brutale Barbarei überwindet. Die Greuel des 20. Jahrhunderts hinterließen Zweifel, ob ihr das gelingt. Die Rigenser, derzeit europäische Kulturhauptstädter, haben die Kultur als `Force Majeure`, als `höhere Gewalt` zum Leitmotiv erhoben. Im Deutschen ist der Ausdruck `höhere Gewalt` aber vieldeutig. Häufig muss sie als Ausrede herhalten, um weder Regressansprüche zu befriedigen noch Verantwortung zu übernehmen. Und sie gibt sich auch für Geschichtsklitterungen her. War es `höhere Gewalt`, die die Deutschen in den Ersten Weltkrieg führte? Die Mär, dass der Kriegsausbruch eher aus Versehen geschah, hielt, bis sich Fritz Fischer in den 60er Jahren in den Archiven umsah und die Hauptschuld der deutschen Führungs- und Machtelite zuwies. Da erhob sich aber ein großes Hallo in der deutschen Historikerzunft und Fischer spaltet sie bis heute. Hans Otto Rößer kritisiert nun, dass "drei ideologische Staatsapparate" (Münchener Institut für Zeitgeschichte, Deutschlandradio Kultur und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur) mit der Daimler-AG gemeinsame Sache machten und die Kriegsschuld deutscher Eliten erneut relativierten. Die staatlichen Institute und der Automobil- und Waffenproduzent konzipierten bzw. finanzierten die Ausstellung „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme“, eine Plakate- und Bildersammlung, die in 400 Städten zu sehen sein soll. Für Rößer stellt sie keinen Beitrag zur Aufklärung dar, vielmehr werde eine "deutsch-hegemoniale `Erinnerungskultur`" betrieben, Fischers Kriegsschuldthesen bestritten, aber nicht mit Quellen widerlegt. Solche Debatten sind keine Schlachten von gestern, sondern bestimmen aktuelles politisches Handeln. Jüngst haben der deutsche Bundespräsident und der Außenminister gemahnt, dass Deutschland mehr Verantwortung in der Welt übernehmen solle. Deutschlands führende Persönlichkeiten wollen sich wieder mehr - noch mehr - am internationalen Völkerringen beteiligen. Das bedeutet praktisch, dass wieder mehr deutsches Militär in die Welt gesandt gehörte (die deutschen Waffen sind allerdings schon da). Ein solches Deutschland, das "eigentlich zu groß" sei, "um Weltpolitik nur von der Außenlinie zu kommentieren", wie Frank-Walter Steinmeier meint, benötigt eine entsprechende Geschichte. Rößer zitiert solch einen Publizisten, den die Erinnerung an die deutsche Schuld ergrimmt. Weil "wir" an allem schuld gewesen seien, dürften "wir" nirgendwo mehr mitmachen. Welch` ein Jammer, sollte man meinen. Und ausgerechnet Guido Westerwelles mutige Entscheidung, Deutschland - angeblich wegen seiner historischen Schuld - aus dem libyschen Bürgerkrieg herauszuhalten, wird im zitierten Interview als "außenpolitisches Desaster" abgemeiert. Um des lieben Friedens willen wünscht man sich gleich wieder mehr historische Schuld an den Hals. Dieser lange Teaser dient nur dazu, auf eine wahrscheinlich weniger ideologische, von Künstlern und Kunstsachverständigen gestaltete Ausstellung zum Kriegsjubiläumsjahr 1914 hinzuweisen. Sie wird gerade in der Rigaer Ausstellungshalle "Arsenāls" gezeigt und wird noch bis zum Führergeburtstag, also bis zum 20.4., zu sehen sein.

Ausstellung "1914", Foto: Kristaps Kalns, lnnm.lv

 

Die Ausstellung 1914 in der Rigaer Kunsthalle Arsenāls: Zwischen Paradoxien und Heldengedenken

Für viele Kunsttheoretiker ist echte Kunst stets gegen Propaganda gerichtet und gänzlich unideologisch. Sie entzieht sich stereotypen Deutungen, hinterfragt allzu lauthals propagierte Positionen. Künstler nehmen die Brüche und Widersprüche wahr, die Ideologen zu verschleiern trachten. Ob die Veranstalter der Ausstellung "1914" diesem hohen Anspruch gerecht werden, mag der Besucher selbst beurteilen. Die Kunsthalle Arsenāls verrät durch ihren Namen die Verbindung zum Thema. Tatsächlich wurde sie 1832 als ein Waffenarsenal errichtet, diente im Verlauf ihres Bestehens verschiedenen Zwecken und wurde 1988 als Kunsthalle renoviert. Seitdem ist sie Rigas Zentrum für Wechselausstellungen für moderne und zeitgenössische Kunst. "1914" zeigt verschiedene, auch widersprüchliche Perspektiven dieses Zeitenbruchs. Das blutige Elend brachte nicht ausschließlich Verhängnis. Neue osteuropäische Staaten, unter ihnen Lettland, entstanden in der Folge. Die Vorkämpfer neuer demokratischer und sozialer Ideen fegten die alten Monarchien hinweg. Doch Brandspuren der Gewalt haftete an allem und schon bald werden sie in einem weiteren, noch tödlicheren Weltkrieg wieder entflammen. Die Ausstellung teilt das Jahr "1914" in drei Konflikt-Sphären: Die des Zeitenbruchs, der einen kulturellen Wandel einleitet. Dann die Sphäre der inneren menschlichen Zerrissenheit, in der der Wille, mit heiler Haut davonzukommen, sich mit der Verpflichtung streitet, das Land zu verteidigen und die eigentlich geographische Konfliktzone: Nach den Grabenschlachten zeichnete sich Europas politische Landkarte neu. Für Letten bedeutet der Erste Weltkrieg auch Heldengedenken. Da der militärische Kampf die nationale Unabhängigkeit brachte, hat das Wort "Held" im Lettischen noch einen besseren Klang. Auch diese lettische Perspektive wird gezeigt. Aber Ginta Gerharde-Upeniece, Leiterin der Abteilung für visuelle Kunst, macht Hoffnung, dass es die Veranstalter nicht bei einer ideologisch gezähmten und geglätteten Perspektive lettischer Heldenverklärung belassen, denn sie stellt Widersprüchliches und Unvereinbares in Aussicht: "Paradox ist es - die Menschen kämpfen weiterhin in der Welt, doch zugleich wird der Krieg unter dem psychologischen Aspekt der menschlichen Natur analysiert. Die Ausstellung "1914" stellt die Frage: Ist der Weltkrieg eine Formel der Vergangenheit oder ist die dem Menschen eigene Neigung zum Kampf nicht die Ursache gegenwärtiger Aggressionen? Rechtfertigen Kriegsgewinne die Opfer? Wenn wir über den Krieg wie über eine unabwendbare Erfahrung sprechen, verarbeiten und erklären wir erneut die Mythen, in der zeitgenössischen Interpretation schaffen wir Ecksteine des historischen Gedächtnisses."

 

Externe Linkhinweise:

1914.lv

nachdenkseiten.de: Ideologische Staatsapparate und Daimler AG besichtigen „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme“ (PDF)

bundesstiftung-aufarbeitung.de: Ausstellung Demokratie und Diktatur im Zeitalter der Extreme

 

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||