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Münster, 27.5.2018
Rigas "Stūra Māja" - Ausstellungen stellen die Zukunft der ehemaligen Tscheka-Zentrale zur Diskussion PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 18. Oktober 2014 um 06:28 Uhr

Dunkler Flur mit gelb überklebtem Fenster"Stūra Māja" bedeutet "Eckhaus". Das klingt übersetzt ziemlich harmlos. Doch für Letten ist das Wort mit historischem Schrecken verbunden: Das Haus Ecke Brīvibas iela/ Stabu iela war in sowjetischer Zeit die Tscheka-Zentrale. Hier verhörten, folterten und töteten Geheimdienstleute die Regime-Gegner, hier wurden die Beschlüsse zu den Massendeportationen gefasst. Noch bis 2009 nutzte das lettische Innenministerium die Räume. Seitdem steht der Bau des Architekten Aleksandrs Vanags leer. Im Jahr der Kulturhauptstadt Riga erinnerten bis zum 19.10.2014 drei Ausstellungen in der vierten und fünften Etage an die düstere Vergangenheit. Nun steht die zukünftige Nutzung zur Debatte.

Düstere Aussichten für jeden Besucher, Foto: LP

 

Schein und Wirklichkeit des Bolschewismus

Mitkurator Rihards Pētersons erzählt in der Ausstellungsbroschüre die unglückliche Geschichte des Gebäudes und seines Urhebers. Architekt Vanags hatte das sechsstöckige Gebäude in der Jugendstilzeit geplant. Er entwarf eine verspielte Fassade mit klassizistischen Ornamenten, der Bau wurde 1910 fertiggestellt. Er sollte keinen Folterzwecken dienen, bis in die 30er Jahre berherbergte das sechsstöckige Haus Wohnungen und Geschäftsräume. Vanags fiel 1919 dem bolschewistischen Stučka-Regime zum Opfer, das für kurze Zeit in Riga seine Gewaltherrschaft ausübte. Wegen konterrevolutionärer Tätigkeit wurde er im Zentralgefängnis erschossen. Nachdem die Rote Armee 1940 das Land überfallen hatte, nutzte der sowjetische Geheimdienst den Bau an der (heutigen) Brīvibas iela 61 als seine lettische Zentrale. Der Ort diente als Verhör- und Folterstätte und zur Exekution. Ab August 1940 wurde für grausige Zwecke renoviert: Gefängniszellen und eine Hinrichtungsstätte entstanden. 44 Zellen mit 175 Schlafplätzen wurden eingerichtet. Das Gefängnis war aber vielfach überbelegt. Die Wärter überwachten die Häftlinge auf Schritt und Tritt. Auch im Sommer heizten sie die Räume, um den Widerstandsgeist zu brechen. Nur einmal in der Woche gab es für eine Viertelstunde Rundgang im gesicherten Innenhof, nur einmal am Tag durften die Gefangenen die Toilette benutzen. Glühbirnen brannten Tag und Nacht in den Zellen. Auf den Gängen verhinderte ein roter Teppichboden, dass die Eingesperrten die Schritte der Wärter hören konnten. Nachts weckten die Aufseher die Schlafenden, um sie zum Verhör abzuführen. Für Rihards Pētersons repräsentiert das Haus Schein und Wirklichkeit des bolschewistischen Regimes: Außen eine freundlich-verspielte und friedliche Fassade - doch im Inneren waltete der Schrecken. Diesen doppelten Charakter zeigten auch die verhörenden Tschekisten: Waren sie zunächst scheinbar freundlich und hilfsbereit, konnten sie unerwartet in den Modus des Folterers wechseln.

Fassade des Eckhauses

Fassade des ehemaligen Tscheka-Hauses, Foto: LP

Rihards Pētersons über die eingerichtete Schießstätte: "Die Schießstätte bestand aus drei isolierten Räumen, von dem jeder speziell eingerichtet war. Von innen waren sie mit Brettern versehen und die Wände waren bis auf Menschenhöhe mit schwarzem Gummi überzogen. Am Rande des Fliesenbodens war eine Blutrinne einbetoniert. Der Raum war an eine Wasserleitung angeschlossen, die Türen waren auf beiden Seiten mit dreilagigem Filz gepolstert und mit Kunstleder überzogen. Vor der Schießstätte, im Vorraum, entkleidete sich der Gefangene und wurde danach in den mittleren Raum zum Verhör geführt. Wenn auch in diesem Fall das gewünschte Resultat nicht erreicht wurde und das unglückliche Opfer sich weigerte, Gefährten zu verraten oder Verbrechen zu bekennen, dann erfolgte der letzte Gang zur Hinrichtungsstätte. Die Erschießung erfolgte gewöhnlich um fünf Uhr morgens, wenn im Hof das eigenartige Geräusch eines Motors zu hören war, der mögliche Schussgeräusche übertönte. Danach, als im Juli 1941 [als die Deutschen Lettland besetzt hatten, U.B.] sich die Möglichkeit ergab, die Hinrichtungsstätte zu untersuchen, fanden sich hier 94 Schussspuren und 240 Patronenhülsen. Die präzise Zahl der im Tscheka-Haus Getöteten ist nicht bekannt. Der Schuss erfolgte mit einer Kleinkaliberpistole (6,35 mm), damit nach Möglichkeit die Wände weniger beschädigt und die Körper nicht zerfetzt werden sollten und die Patrone im Fleisch der Opfer verblieb. Die Leichen wurden dann in eine Leinendecke gewickelt und durch eine Doppeltür, die erhalten ist, auf den großen Hof gebracht und in ein Auto verfrachtet."

Unwirtlicher Flur mit weißen Türen

Betont unwirtliche Räume, Foto: LP

Lettlands Geschichte wechselnder Gewaltregime

Auf der vierten und fünften Etage beschäftigten sich drei Ausstellungen mit der blutigen Vergangenheit. Sie zeigten, wie politische Gewaltherrschaft Not und Elend über die Bevölkerung brachte, die getötet, deportiert wurde oder in den Westen floh. Die Ausstellung "10 Geschichten über Menschen und Macht" dokumentiert Einzelfälle. Politische Verfolgung war nicht nur eine Spezialität des Bolschewismus`. Schon zur Zarenzeit mussten Regimegegner Verhaftung und Liquidierung fürchten. Nach der Revolution von 1905 wurden lettische Sozialdemokraten verfolgt. In den dunklen Räumen sind ihre Einzelschicksale dokumentiert. Arbeiter und Arbeiterinnen, die Propaganda für ihre Partei machten, wurden eingesperrt und nach Sibirien deportiert. Auch die Geschichte der Deutschbalten ist berücksichtigt. Bis Ende 1939 verloren sie ihre lettische Staatsbürgerschaft und mussten auf Hitlers Geheiß umsiedeln. Unter ihnen war auch das Domus-Rigensis-Mitglied Renate Adolphi. Auch ihre Geschichte wird hier erzählt. Die Ausstellung "Lettische Koffer" zeigte, was Letten auf der Flucht aus ihrem Heimatland mitnahmen. Briefe, Haushaltsgegenstände, lettische Trachten, religiöse Bilder. Auf der fünften Etage sieht man, wie Maler und Künstler die Lager der sowjetischen und nazistischen Terrorherrschaft abbildeten, zeitgenössische Künstler beschäftigen sich mit dem Thema Totalitarismus und Propaganda im Allgemeinen. Die vom Okkupationsmuseum organisierten Ausstellungen rücken diesen verdrängten Ort wieder ins Bewusstsein. Die Zukunft des "Eckhauses" steht nun öffentlich zur Diskussion.

 

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