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Münster, 16.10.2018
Wie Propaganda die Menschen entmenschlicht - Valentīna Freimanes Autobiographie "Adieu, Atlantis" - eine Rezension PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 06. März 2015 um 00:00 Uhr

BuchcoverFreimane machte sich in der Sowjetzeit bei den Letten als eigensinnige Film- und Theaterkritikerin einen Namen. Zunächst arbeitete sie als Journalistin, später als Angestellte der Wissenschaftlichen Akademie. Sie wusste die Spielräume, die die sowjetische Zensur ließ, geschickt zu nutzen. Einem interessierten Publikum zeigte sie jene Filme aus dem Westen, die eigentlich verboten waren. Für den Mut, von der offiziellen Parteilinie abzuweichen, erhielt die Kulturwissenschaftlerin im Jahr 2001 die höchste Auszeichnung der nun unabhängigen lettischen Republik, den Drei-Sterne-Orden. Die Letten lernten 2010 das Vorleben kennen, das dieser eigenwilligen Karriere zugrunde lag. Vor fünf Jahren veröffentlichte Freimane auf Lettisch ihre Autobiographie "Ardievu, Atlantīda!" („Adieu, Atlantis!“), die sich als Bestseller verkaufte. Darin erzählt sie die Geschichte von ihrer Kindheit in Paris, Berlin und Riga bis zur Zeit, als die deutschen Einsatzgruppen Lettland erreichten, ihre jüdischen Eltern und ihren jungen Ehemann ermordeten. Sie selbst entkam dank zahlreicher Helfer den nazistischen Verfolgern. Ihre lesenswerten Erinnerungen werden ab März 2015 auch in deutscher Übersetzung erhältlich sein. Hier erfolgt eine Rezension der deutschen Fassung1.

Titelbild des Buchs, Foto: Wallstein-Verlag

 

Freier Geist bei den Loewensteins

Valentīna erblickt am 18.2.1922 in der noblen Elizabetes iela in Riga das Licht der Welt. Ihre jüdischen Eltern, die Loewenstein heißen, sprechen Deutsch. Sie bieten ihr eine Kindheit in Wohlstand und in liberalem Geist. Die Kleine soll alles lesen und im Kino alles sehen, was sie will. Was sie jetzt noch nicht verstehe, das begreife sie später, lautet das pädagogische Motto. Valentīnas Vater wäre gern klassischer Philologe geworden. Aber in der Erwartung, für den Wohlstand einer Familie sorgen zu müssen, entscheidet er sich für das einträglichere Jurastudium. Er spezialisiert sich auf internationale Finanzgeschäfte. So verbringt Valentīna ihre Kindheit etappenweise in Paris, Berlin, später wieder in Riga. Ihr Vater arbeitet u.a. für das deutsche Filmunternehmen UfA. Valentīna lernt in Berlin einige Stars und Sternchen kennen. Das Leben in diesem Milieu ist multikulturell. Die Familie ist mit den griechischen und lateinischen Klassikern vertraut. Zum Beispiel dient ein Buch über Marc Aurel als Kinderlektüre. Fremdsprachen sind selbstverständlich, schließlich stammen die Loewensteins aus Riga, wo jeder Kutscher mindestens drei Sprachen spricht. Ethnischer Dünkel und nationalistische Vorurteile sind den Eltern ein Graus. Der Vater schätzt die liberale Verfassung der lettischen Republik, die ethnischen Minderheiten umfangreiche Rechte gewährt. Er hält nichts von Kārlis Ulmanis, der sich 1934 zum Diktator erhebt und nationalistisch "Lettland den Letten" propagiert. Die Autorin zeichnet ihre Angehörigen als großartige Charaktere. Ihre Absicht ist es, Eltern und Ehemann, die Opfer der Nazi-Herrschaft wurden, ein Denkmal zu setzen. Trotz aller Verehrung schimmern zeittypische Schattenseiten durch. Körperliche Zuneigung ist verpönt. Die Gefühle sind preußisch anmutender Selbstkontrolle unterworfen. Dies kennzeichnet auch die Schilderungen des kommenden Unheils. Die Autorin beschreibt nicht melodramatisch innere Vorgänge. Sie appelliert an den Verstand. Das Geschehene soll erfasst, begriffen werden. Der Leser soll gar nicht erst versuchen, sich in das hineinzuversetzen, in das man sich als Nichtbetroffener nicht hineinversetzen kann.

Elizabetes iela

Valentīna Freimane kam in der gediegenen bürgerlichen Wohngegend der Elizabetes iela in Riga zur Welt, Foto: LP

Männliche Einnahmen werden zu weiblichen Ausgaben

So modern und aufgeschlossen die geistige Atmosphäre im Haus der Loewensteins ist, so traditionell bleibt die Rollenverteilung. Der Vater ist selbstverständlich Ernährer, seine schöne Frau repräsentiert, Dienerinnen bewältigen den Haushalt. In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als die Familie vor Hitlers Deutschland längst wieder in Riga Zuflucht suchte, gelingt dem Vater noch einmal ein gutes Geschäft. Freimane schildert süffisant, wer einnimmt und wer ausgibt: "Günstige Umstände wollten es, dass Vater 1938 bei einem großen multilateralen Geschäft eine ansehnliche Summe verdiente. Einen großen Teil von seinem märchenhaften Honorar erhielt Mama, die hocherfreut nach Paris entschwand, von dort nach Italien und wieder zurück nach Paris. Als sie drei Monate später endlich wieder da war, verkündete sie lachend, sie wäre gerne noch länger geblieben, aber leider sei ihr das Geld ausgegangen."2 Die klassische Bildung lehrt die Vergänglichkeit des Materiellen. Einschränkungen in Zeiten der Wirtschaftskrise nehmen die Loewensteins gelassen hin. Die wahren Werte sind die inneren und menschlichen. Das Selbstbewusstsein der Bildungsbürger möchte man auch jenen gönnen, die sich auch heutzutage eine Zugfahrkarte kaum leisten können. Als die Mutter von einer Bekannten beim Zweite-Klasse-Fahren `erwischt` wird, antwortet diese: "Wo ich fahre, ist immer erster Klasse!"3

Porträt Anny Ondra 1926

Valentīna lernte in ihrer Kindheit UfA-Stars wie Anny Ondra kennen, Foto: „Anny Ondra 1926“ von Unbekannt - http://archiv.ucl.cas.cz/index.php?path=RozAvn/2.1926-1927/6/63.png. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Bedrohliche Veränderungen in Berlin

Der wirtschaftliche Abstieg ist nur der Vorbote für größeres Grauen. Die bittere Realität des zweiten Teils kündigt sich im ersten als düstere Vorahnung an. Das liberale Berlin verändert sich, Braunhemden beherrschen das Straßenbild und schüchtern Andersdenkene und Andersseiende ein. Valentīna wohnt wieder bei den Großeltern in Riga. Sie nimmt die Bedrohung wahr, wenn sie ihren Eltern, die noch in Berlin ausharren, einen Besuch abstattet: "Ganz allmählich erwachte in mir ein Sensorium für die bedrohlichen Veränderungen, die sich in meinem Umfeld vollzogen. Ich spürte, dass sich etwas im Verhalten der Menschen, in ihrem Umgang miteinander veränderte. Die Gespräche in der Pension Bergfeld kreisten bei jedem Besuch um neue, beunruhigende Themen. In der Stadt bewegte man sich auf einmal nicht mehr so unbefangen wie früher. `Braunhemden` zogen grölend durch die Straßen und belästigten auf grobe Weise Leute, die sie dem Aussehen nach für Juden hielten. Jedesmal, wenn ich nach Berlin kam, erschreckten sie mich aufs Neue, obgleich niemand glauben wollte, dass sie sich lange halten würden."4 In Valentīnas Kreisen waltet die irrige Hoffnung auf den Sieg der Vernunft, auch ihr Vater klammert sich daran: "Wie ich selbst erlebt habe, kam es auch in Deutschland anfangs vielen so vor, als handelte es sich bei den Auftritten der Nazis, ihrem Gebrüll, ihrer Brutalität, nur um eine Art PR-Kampagne, die ihnen die Stimmen der ungebildeten Massen sichern sollte. Sogar mein Vater, ein kluger Mann, der hinsichtlich der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen normalerweise mehrere Züge vorauszuschauen vermochte, irrte sich diesmal."5 Die totalitären Machthaber, sowohl Nazis als auch Sowjets, werden bald die bestehenden Spannungen zwischen Ethnien und sozialen Gruppen für sich nutzen und Mehrheiten auf Minderheiten hetzen. Doch noch herrscht im zwar von Ulmanis entdemokratisierten, aber noch nicht totalitären Lettland die Zuversicht.

SA-Truppen auf einer Straße in Spandau

SA-Truppen schüchterten in Berlin und anderen Städten die politischen Gegner ein, Foto: „Bundesarchiv B 145 Bild-P049500, Berlin, Aufmarsch der SA in Spandau“ von Bundesarchiv, B 145 Bild-P049500 / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons.

Experimente am Versuchskaninchen Mann

An der Rigaer Luther-Schule, einem deutschbaltischen Mädchengymnasium, das Valentīna besucht, hat der Nazismus in den 30er Jahren keine Chance. Freilich mischt sich in die deutschbaltische Hitlerverachtung adeliger Standesdünkel gegenüber dem reichsdeutschen Pöbel: "Die Nazis wurden sowohl in der Schule als auch daheim bei den Klassenkameradinnen, wo ich häufig eingeladen war, schlichtweg verachtet. Obwohl die Erwachsenen mit uns nicht viel über politische und weltanschauliche Themen sprachen, war mir klar, dass die neuen Herren Deutschlands als Pöbel, Barbaren und aggressive Schreihälse aus Münchener Bierkellern angesehen wurden, die ihrem Land keine Ehre machten. Auf ihre eigenen Volksangehörigen, die Reichsdeutschen in Deutschland selbst, blickten die Familien meiner Klassenkameradinnen größtenteils ein wenig abschätzig herab. Meine damalige Klasse war eine Art Miniaturmodell der deutschen Gesellschaftsschicht Lettlands."6 Und in dieser herrscht immer noch "jenes unterschwellige Überlegenheitsgefühl gegenüber den Letten"7, das Valentīna u.a. an einem deutschbaltischen Bekannten ihrer Eltern aufgefallen war. Noch können sich die Rigenser nicht vorstellen, dass bald schon der Pöbel auch in ihrem Land herrschen wird. Noch bleibt Zeit für Späße. Als Teenagerin beginnt Freimane, mit französischer Romanliteratur vertraut, Experimente mit dem anderen Geschlecht. Über ihre männlichen Altersgenossen äußert sie sich ziemlich herablassend: "Ich war wirklich überrascht, wie leicht die Manipulationen mit den Versuchskaninchen gelangen und wie vorhersehbar sie reagierten, wenn ich die aus Romanen und Theaterstücken abgeschauten Taktiken anwandte. Es war eine Zeit, in der ich das männliche Geschlecht zu verachten begann [...]."8 Ihre "Experimente" mögen so manches verstörende psychische Erlebnis angerichtet haben. Sie hatte es auf eine besondere Spezies Männer abgesehen: Die Mitglieder studentischer Korporationen. Ihr erschien "das Imitieren von Ritualen der einstigen deutschen Herren wie eine verschleppte Kinderkrankheit". Freimane verachtet solche Verbindungen nicht nur als "Brutstätten einer reaktionären Mentalität", sie missbilligt auch den damit verbundenen Alkoholismus und das Duellieren als "billiges Nachäffen von Sitten der verschwindenden Ständegesellschaft". "Ich hetzte also spaßeshalber zwei `Hähne` unauffällig gegeneinander auf, indem ich sie beispielsweise eifersüchtig machte, worauf sie einander zu einem solchen unsinnigen Zweikampf herausforderten. Natürlich geschah das nicht mehr im Morgengrauen am Waldrand wie zu Puschkins Zeiten, sondern in einer Turnhalle - und auch nicht mehr auf Leben oder Tod." Immerhin bereut die Autorin und gesteht, auf ihr damaliges Spiel mit Gefühlen nicht stolz zu sein. Mit den "Experimenten" ist dann Schluss, als sie ihren zukünftigen Ehemann erblickt. Es ist die melodramatischste Stelle des Buchs: "Ich betrete den Salon. Am Klavier sitzt ein junger Mann, der mir bekannt vorkommt. Er spielt Chopin. Ich trete näher, mich fasziniert, wie sich die Musik in seinem Gesicht widerspiegelt, in seinen Augen, und mehr noch, mit welcher Zärtlichkeit er die Tasten berührt. Wir sehen einander an und lächeln. Von diesem Augenblick an gehörten wir zusammen."9 In normalen Zeiten könnte nun Kerzenschein und Happy End folgen, doch die kommenden Machthaber ließen dem privaten Glück keine Chance.

Denkmal für Karlis Ulmanis

Der Staatsgründer und spätere Diktator Kārlis Ulmanis wird von vielen Letten heute noch verehrt, Foto: LP

Auch Riga verändert sich

Es ist nicht möglich, die Schuldigen vor Ort für das Elend, das dem Hitler-Stalin-Pakt folgte, nach ethnischen oder sonstigen Gruppen zu sortieren. Solche stereotypen Schuldzuweisungen waren Sache der Propagandisten. Alle Einwohner der baltischen Länder wurden erst einmal von der Roten Armee überfallen, manche sympathisierten freilich und hofften auf eine bessere Zukunft. Nach bolschewistischer Lehre war nun der Kapitalist der Hauptfeind. Doch im Alltag herrschte Willkürjustiz und im ersten "schrecklichen Jahr" der Sowjetherrschaft konnte jeder Kritiker oder nur irgendwie Verdächtige im Gulag enden oder in den Gefängnissen verschwinden. Der Rote Terror verriet die humanen Ideale der klassenlosen Gesellschaft. Er bedrohte auch jene, die wie eine solch liberale und aufgeschlossene jüdische Familie Bündnispartner hätten werden können. "Nach dem `Eintritt` in die UdSSR begann in Lettland die Verhaftung und Ermordung aller bekannten, aber auch der potentiellen und vermeintlichen politischen Gegner. Gleichzeitig mit der Vernichtung der politischen Elite Lettlands - sowohl der Parteigänger Ulmanis` als auch seiner Gegner, der Anhänger der parlamentarischen Demokratie, insbesondere der Sozialdemokraten - richtete sich der erste erbarmungslose Schlag gegen die weiße Emigration." Ähnlich wie im Deutschen Reich beobachtet Freimane die mentalen Änderungen, "der jähe Wandel in Worten und Taten der Menschen, die sich hemmungslos an die Forderungen und den Stil der neuen Machthaber anpassten."10 Entsprechende Erfahrungen macht sie in der sowjetischen Wohnungsverwaltung. Freimane begleitet eine jüdische Mutter und ihren kleinen Sohn zur Behörde. Die Beamtin - "Ich sah, dass sie eine Jüdin war wie Nelly und ich" - beschimpft die Antragsstellerin. "Sie gebrauchte verschiedene Floskeln aus der politischen Terminologie, die gerade in Mode gekommen waren."11 Freimane erkennt, dass auch die eigene Ethnie vor menschenverachtender Ideologie nicht gefeit ist. Die Vertreterin sowjetischer Bürokratie beschimpft bereits den kleinen Jungen als Bourgeois. Dieser sucht erschrocken bei der Mutter Zuflucht: "Dieser Anblick blieb mir als ein Symbol jener Zeit vor Augen. Viel Brutales und Grausames ist geschehen in jenem ersten Jahr der sowjetischen Herrschaft, Verwandte und Freunde wurden festgenommen und nach Sibirien deportiert, doch am lebendigsten ist mir dieser kleine Junge im Gedächtnis geblieben, den ich kaum kannte und der sein Gesicht verbarg, damit die widrige Welt verschwindet."12 Die sowjetischen Machthaber leisten der Marx`schen Lehre einen Bärendienst, denn fortan zählt nicht Erkenntniswille, sondern Parteidisziplin: "Die Hochschulen wurden mit der von der Partei entsandten Halbanalphabeten überschwemmt, die selbstbewusst aufs Katheder stiegen und primitive Dogmen verkündeten. [...] Übrigens hätte ich mit Interesse zugehört, wenn jemand mit wissenschaftlicher Kompetenz die Lehre des Marxismus dargelegt hätte."13

Häuserwände in der Moskauer Vorstadt

Häuserwände in der Moskauer Vorstadt Rigas, in der die Deutschen das jüdische Getto einrichteten, Foto: LP

Instrumentalisierter Hass

Speziell für die jüdische Ethnie kommt es noch schlimmer, als kurz nach den sowjetischen Massendeportationen vom 14.6.1941 die Deutschen in die baltischen Länder einfallen. Ihr Rassismus macht alle Juden zu Opfern. Ihre Propaganda heischt nach lettischen Mittätern: "Die Nazi-Propaganda machte schon bald darauf die Juden für alle Schreckenstaten des NKWD verantwortlich; und in der damaligen Schocksituation, als die lettische Gesellschaft in ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung nach Schuldigen suchte, klammerten sich viele an solche manipulativen Lügen."14 Schon bald wird das Rigaer Getto errichtet. Auch Freimanes Eltern werden dort enden und sterben. Sie selbst versteckt sich bei ihrem halbjüdischen Ehemann Dima. Die lettischen Mitbürger lassen sich als Verfolger anheuern, die Deutschen nutzen deren Rachebedürfnisse für ihre Zwecke: "Schon in den ersten Julitagen drangen lettische Polizisten in die großelterliche Wohnung in der Elizabetes iela ein. Sie traten als `Rächer` auf - jetzt werde man es den Juden für die deportierten Letten heimzahlen. Sie randalierten, beschimpften die Großeltern als Kommunisten und entwendeten Wertgegenstände. Und sie nahmen Žoržik mit, meinen Onkel, der gerade erst der Deportation entronnen war."15 Propaganda ist harmlos, wenn sie durchschaubare Lügen verbreitet, sie wird gefährlich, wenn sie Teile der Wahrheit verschweigt. "Die identifizierten jüdischen Opfer des NKWD durften nicht genannt werden, damit der Mythos von den Juden als Täter, als Urheber der Sowjetverbrechen nicht ins Wanken geriet. Dieser Mythos eignete sich schließlich ausgezeichnet dazu, die schockierten Letten zu manipulieren und zu Mittätern bei den Verbrechen der Nazis zu machen."16

Juden mit Judenstern dürfen in Riga keine Bürgersteige benutzen

Foto: „Bundesarchiv Bild 183-N1212-319, Riga, Juden müssen auf dem Fahrdamm gehen.“ von Bundesarchiv, Bild 183-N1212-319 / Donath, Herbert / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons.

Die Obsession, alles zu begreifen

Lettische Hilfspolizisten führen Ehemann Dima aus der Wohnung ab. Er wird im Zentralgefängnis sterben. Als dort eine Seuche ausbricht, werden alle Infizierten umgebracht, auch Valentīnas Mann. Eine solche Art der Seuchenbekämpfung kennt man von erkrankten Viehbeständen. Es erfordert eine enorme Anstrengung, in dieser Zeit den Verstand nicht zu verlieren. Die letzte Begegnung mit dem Vater verdeutlicht es. Der Gettobewohner nutzt die Gelegenheit des Ausgangs, um seine Tochter heimlich zu treffen. Für Gefühle bleibt keine Zeit: "Ich nahm an ihm den gleichen Trotz, die gleiche Entschlossenheit wahr, die sich auch in mir festgesetzt hatte. Seine Haltung ließ nicht zu, dass wir einander im Gedenken an Mama weinend umarmten oder er anfing, mich zu trösten."17 Die Psyche reagiert mit Gefühllosigkeit auf den waltenden Horror, so schützt sie sich: "Ich lebte und handelte wie in einem Alptraum. Etwas in mir schaltete sich ab, eine tote Zone breitete sich immer weiter aus. Ich weinte nicht und spürte keinen Schmerz, es war wie bei schweren Verletzungen, wenn die Gefühle unter Schockwirkung taub sind."18 So behält der Verstand die Oberhand. Er ist vom Willen zur Erkenntnis geleitet: "Das Gehirn arbeitete so klar wie nie, das Denken war verblüffend scharf, und der mir stets eigene Wunsch, die Welt zu begreifen, wurde zur Obsession. Im Kopf arbeitete unablässig eine Art Maschine, ständig dachte ich nach und dachte nach und dachte nach: Wie kann es sein, dass sich die Welt in einen Ort verwandelt hatte, wo es keine Orientierung mehr gibt, wo Dinge geschehen, die eigentlich nicht geschehen können, dass Menschen so handeln, wie Menschen niemals handeln dürften."19 Bei den Loewensteins feite die umfassende Bildung vor der Barbarei. Doch gerade höhere Kreise waren anfällig, die Sorge um Karriere und sozialen Rang war oft stärker als prinzipielle Überzeugungen. "Frau Lotte erzählte auch, dass so manche lettische Familie nach deutschen Ahnen fahndete, um sich ein Quentchen besser vorzukommen als ihre `Volksgenossen`. Obwohl ein Großteil der einheimischen Elite durch die sowjetischen Repressionen hinweggerafft worden war, hatten sich doch viele retten können, und so mancher kollaborierte jetzt mit den Besatzern, wovon die übrigen Einwohner Lettlands während der nationalsozialistischen Okkupation kaum etwas mitbekamen."20

Denkmal für lettische Retter der Juden

Denkmal in der Nähe der Synagogen-Ruine in Riga. Es enthält die Namens-Inschriften aller bekannten Letten, die zur Zeit der deutschen Besatzung Juden beim Überleben geholfen haben, Foto: LP

Helfer aus allen Schichten

Valentīna muss in neuen Verstecken Zuflucht suchen, auch ihren Helferinnen und Helfern, die ihr eigenes Leben riskierten, setzt sie ein Denkmal. Die Verfolgte fand in allen Schichten Menschen, die der Propaganda widerstanden und sich den Sinn für das Richtige und Falsche bewahrten. Unter ihnen befanden sich Christen verschiedener Konfessionen, Atheisten, Liberale, Sozis und Anarchisten, Intellektuelle und Handwerker. Besondere Erwähnung finden zwei gänzlich unterschiedliche Retter: Die überzeugte Katholikin Emīlija, die Valentīna von Kindheit an kannte, und Paul Schieman, den prominenten deutschbaltischen Journalisten und Politiker. Emīlija hält unerschüttert an ihrem Glauben fest. "Die ältere Frau, die höchstens eine Grundschulbildung genossen hatte, erwies sich als eine derart charismatische Persönlichkeit, dass sie nicht nur ihren Dienstherrn tief beeindruckte, sondern auch jeden anderen, der ihre Bekanntschaft machte. Emīlija war ein bewundernswerter Mensch in ihrer Liebe und Demut - und in ihrer unerschütterlichen Überzeugung, dass Gott sie beauftragt hatte, den Menschen zu helfen."21 Die Autorin bekennt, dass sie ohne Emīlijas uneigennützige Hilfe nicht überlebt hätte. Die Helferin machte die notwendigen Besorgungen, vermittelte neue Verstecke, wenn die alten zu gefährlich wurden. Ähnlich wichtig wird für Freimane der liberale Paul Schiemann, der Sowjets wie Nazis gleichermaßen verdächtig war. Der liberale Politiker teilte viele Ansichten des Vaters. Auch er war ein Anhänger der lettischen Demokratie gewesen und verachtete Ulmanis` plumpen lettischen Nationalismus. Valentīna sucht in seinem Hausarrest Zuflucht, als Schiemann durch Krankheit gezeichnet seinen Tod erwartet. Seine Idee vom a-nationalen Staat, in denen alle Ethnien gleichberechtigt und friedlich miteinander leben, blieb ein ungleichzeitiger Vorschein, der bis heute auf seine Einlösung harrt. Von Schiemann und seiner Frau versteckt notiert Freimane die Autobiographie dieses großen Liberalen, der noch in Lettland aushielt, als seine `Volksgenossen` längst ins Wartheland oder sonstwohin umgesiedelt worden waren. Vor seinem Tod im Sommer 1944 warnt er noch, dass man sich seine Befreier nicht aussuchen könne.

Sowjetische Briefmarke zur Ehre der Rotarmisten

1966 CPA 3419“ von Post of the Soviet Union, V. Zavyalov / В. Завьялов - Electronic catalog "Stamps of the Soviet Land" / Электронный каталог „Марки страны Советов”. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Befreiung und Okkupation

Die gemischten Gefühle, die die Autorin bei der Befreiung vom Faschismus erlebt, kennzeichnen ein europäisches Dilemma. Sie zitiert ein tschechisches Sprichwort, nach dem die Befreier als Okkupanten blieben. Jede Ethnie und jede soziale Gruppe machte ihre eigenen Erfahrungen mit den gegensätzlichen und verfeindeten totalitären Herrschern. Die unterschiedlichen und gegensätzlichen Erinnerungskulturen, die danach entstanden, spalten die Europäer bis heute. Entsprechend verhalten ist die Freude, als Valentīna den ersten sowjetischen Soldaten in Riga erblickt: "Und dann sah ich den ersten sowjetischen Soldaten - einen Minensucher. Von kleinem Wuchs, mit asiatischen Gesichtszügen, völlig unscheinbar. Und dennoch war er für mich ein Held: ein Soldat der großen Allianz gegen Hitler, auch wenn er selbst sich dessen vielleicht gar nicht recht bewusst war. [...] Leider begriff ich auch, dass mir in jenem Augenblick dennoch nicht beschieden war, die begeisterte, reine Freude zu empfinden, die mich unwillkürlich durchströmt hätte, wenn ich auf die anderen Alliierten getroffen wäre. Dass wir überlebt hatten, wir, denen man das natürliche Recht auf Leben abgesprochen hatte - dies war zweifellos wichtiger als alles andere. Trotzdem machte ich mir nach den Erfahrungen mit den Sowjets kaum Illusionen darüber, was mich in Zukunft erwartete."22 Leider fehlt der dritte Teil, in dem deutsche Leser Informationen über den Alltag in der noch Jahrzehnte währenden sowjetischen Herrschaft erhalten könnten. Wie weit vermochte sich ein Freigeist wie Freimane dieser Macht zu entziehen oder gar zu widersetzen? Auch die Frage, weshalb die Autorin nach der lettischen Unabhängigkeit wieder nach Berlin zog, bleibt offen. Davon abgesehen ist Valentīna Freimane auch in der flüssigen deutschen Übersetzung, die Matthias Knoll bewerkstelligte, ein lesenswertes Buch gelungen. Es zeigt, dass sich niemand den Machthabern entziehen kann. Es hilft nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Der Rückzug ins Private misslingt. Die politische Desinteressiertheit macht nur anfällig für Propaganda und rettet das Glück im Bescheidenen nicht. So sind Freimanes Erinnerungen ein Lehrbuch für all jene, denen die gesellschaftlichen und politischen Zustände nichts anzugehen scheinen. Auch in nichttotalitärer Zeit sind Medien mit Ideologie und Propaganda durchsetzt, mit wiederholten Phrasen, die dem Bürger zur Wahrheit werden sollen. Dieses Buch zeigt, was aus der ausgestreuten Saat wuchern kann. Nur ein vielfach und umfassend informiertes Publikum, das sich nicht nur auf sogenannte `Leitmedien` verlässt, ist imstande, sich dem zu widersetzen. Zudem ist dieses Buch aus einem weiteren Grund wichtig. Zwischen der antifaschistischen Erinnerungskultur der Russen und westeuropäischen Linken einerseits und der antibolschewistischen der osteuropäischen Rechten andererseits, welche jeweils die Opfer im eigenen Lager herausstellen, aber eigene Untaten und Kollaboration verharmlosen, nimmt Freimanes Schrift eine vermittelnde Position ein. Sie trägt also dazu bei, in dieser gefährlich krisenhaften weltpolitischen Situation den Europäern eine Brücke zwischen ihren verfeindeten Ideologien zu bauen, die beispielsweise in hitzigen Ukraine-Debatten immer noch wirksam sind.

 

1Der Titel lautet: Valentīna Freimane, Adieu, Atlantis, Erinnerungen, Aus dem Lettischen von Matthias Knoll, Göttingen 2015, die folgenden Zitate sind der noch unveröffentlichten vorläufigen Druckfassung entnommen.

2ebd. S. 134

3ebd. S. 97

4ebd. S. 118

5ebd. S. 119

6ebd. S. 112

7ebd. S. 114

8ebd. S. 138

9ebd. S. 149

10ebd. S. 200

11ebd. S. 205

12ebd. S. 206

13ebd. S. 207

14ebd. S. 211

15ebd. S. 218

16ebd. S. 219

17ebd. S. 291

18ebd. S. 250

19ebd. S. 250f.

20ebd. S. 303

21ebd. S. 224

22ebd. S. 332

 

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