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Münster, 16.10.2018
Oper Valentina - Gastaufführung am 19.5. in Berlin PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Administrator   
Samstag, den 09. Mai 2015 um 00:00 Uhr

Von Christine Circenis

OpernhausfassadeHolocaust, Judenverfolgung, Völkermord sind Themen, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges aktuell sind und bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren haben. In allen existierenden Kunstformen finden sie Darstellung aus allen erdenklichen Perspektiven. Neben der dokumentarischen Wahrheitssuche, realistisch-brutaler Zeichnung des Geschehenen mit dem Postulat des „Nie-wieder“, berühren uns heute mehr und mehr persönliche Geschichten, Schicksale Einzelner oder ganzer Familien, die in den groben Stoff seidene Fäden weben, vertraute harmonische Klänge in die Dissonanzen streuen, die harten Konturen des expressionistischen Ölgemäldes mit zarten Aquarelltönen auflösen. Keineswegs wird hier das Grauen gemindert, im Gegenteil, es berührt noch schmerzlicher. Eine solche Geschichte hat die Film- und Theaterwissenschaftlerin Valentina Freimane in ihrem Buch „Adieu Atlantis“ erzählt, das in lettischer Sprache 2010 veröffentlicht wurde und seit März dieses Jahres auch, in gewohnt meisterlicher Weise von Matthias Knoll übersetzt, auf Deutsch zu lesen ist. Jedoch nicht nur der Holocaust, die Judenverfolgung ist Thema dieses Werkes. Es zeichnet gleichzeitig das Portrait einer jüdischen Familie in Frankreich, Deutschland und Lettland, deren Leben scheinbar keine Grenzen kannte, Reisen, Bildung und Kultur, alles war dem intellektuellen Großbürgertum möglich, bis der Zweite Weltkrieg all dem ein jähes Ende bereitete. Aktualität entsteht auch durch historische Tatsachen, die Lettland vor dem Zweiten Weltkrieg im europäischen Kontext beleuchtet. Einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten Lettlands, Arturs Maskats hat zusammen mit der Dichterin und Publizistin Liana Langa auf der Grundlage dieser Erzählung eine Oper geschaffen, die im Dezember letzten Jahres in Riga uraufgeführt wurde und am 19. Mai dem deutschen Publikum in Berlin im Rahmen des Kulturprogrammes der lettischen Ratspräsidentschaft gezeigt werden soll.

Deutsche Oper in Berlin, Foto: „Deutsche Oper Berlin, Blick von Osten“ von Manfred Brückels - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

 

Maskats musikalische Sprache ist harmonisch. Er selbst sieht sich als Romantiker und macht keinen Hehl aus seiner Liebe zum Theater. Mit Hilfe kraftvoller orchestraler Farben und markanter musikalischer Themen, für die er sich sowohl direkter Zitate, wie etwa beim Pessach-Ritual in der jüdischen Familie, Anleihen aus der Unterhaltungsmusik der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts (Bel ami) oder auch dem Tonfall totalitärer Propaganda-Musik oder von Volkslied- und Abzählreimen bedient, schafft der Komponist ein Werk enormer Bildhaftigkeit. Nicht ganz mithalten kann hier das Libretto, das bisweilen in seiner Unbeholfenheit an Volksopern des späten 19. Jahrhunderts erinnert. Musikalisch-dramaturgische Kunstgriffe der Partitur gleichen dies jedoch gut aus, Maskats, der zugleich auch musikalischer Direktor der lettischen Nationaloper ist, kennt sein Ensemble bis ins kleinste Detail und spielt souverän mit allen klanglichen Möglichkeiten, die ihm Orchester, Band, Solisten, Opernchor und die Schülerinnen und Chorknaben der Domchorschule bieten.

Im Solistenensemble ragt vor allem die weibliche Hauptrolle der Valentina heraus, die von dem lettischen Weltstar Inga Kalna gesungen und gespielt wird. Die Partie hat der Komponist ihrem dramatischen, kraftvoll glänzenden Sopran gewidmet, und Kalna wird dieser Herausforderung sowohl musikalisch als auch schauspielerisch in höchst professionellem Maße gerecht. Weicher, mädchenhafter ist Evija Martinsone in der zweiten Besetzung der Valentina. Ihr Sopran klingt lyrischer, temperamentvoll ist ihr Spiel. Eine Starbesetzung in der Rolle der Mutter Valentinas ist der russische Mezzosopran Liubov Sokolova aus St. Petersburg, sinnlich, volltönig, warm und mit eleganter Tongebung, wird sie auch darstellerisch vollkommen der Gestalt der umschwärmten Grand Dame der goldenen Ära zwischen den Weltkriegen gerecht. Reizvoll kontrastieren hier Kristine Zadovska als verlassene Geliebte, bitter-dramatisch, Ieva Parša, herb in Darstellung und Stimmgebung als eine alte Frau, die Valentina auf ihrer Flucht hilft, und die charmante Gouvernante Laura Grecka, ein junger lettischer Mezzosopran, dessen Namen man sich merken darf. Die männlichen Darsteller bieten in kleineren Rollen das größere Vergnügen. Dem Bassbariton Samson Izjumov, einem langjährigen Ensemblemitglied der Rigaer Oper, würde man eine größere Rolle wünschen, in der sein dramatisches Stimmpotenzial mehr zur Geltung kommen könnte, Ähnliches gilt auch für Krišjānis Norvelis.

Vielversprechend singen und agieren auch die jüngeren Solisten Mihail Čuļpajev, Rihards Millers und Rihards Mačanovskis. Die stimmlichen Leistungen der männlichen Hauptdarsteller sind großartig, darstellerisch sind sie allerdings nicht immer adäquat. Valentinas Vater wird von Armands Siliņš zu distanziert dargestellt, Jānis Apeinis wirkt als Valentinas Verlobter Dima zu erfahren und direkt. Wunderbar singt der Opernchor, junge kraftvolle Stimmen verschmelzen zu einem herrlichen Klangkörper, glockenhell und professionell der Knabenchor, beachtlich auch die Leistung der vier kleinen Mädchen der Domchorschule.

Die musikalische Gesamtleitung hat der Litauer Modestas Pitrenas Er ist derzeit einer der bekanntesten und erfolgreichsten Dirigenten seiner Heimat. Von 2009 bis 2013 war er Chefdirigent der lettischen Nationaloper und in der laufenden Saison erster Gastdirigent. Pitrenas dirigiert mit emotionaler Hingabe, sensibel für die Bedürfnisse der Ausführenden, kraftvoll im musikalischen Erleben. Mit Begeisterung bedient er sich der gesamten farblichen Palette, die sowohl die Partitur als auch sein Ensemble zu bieten hat.

Der Regisseur der Aufführung, Viesturs Kairišs, einst enfant terrible der lettischen Theaterszene, scheint erwachsen geworden zu sein. Die Ausdrucksmittel, die er verwendet, sind oft so dezent, dass sie sich möglicherweise nur Zuschauern erschließen, die sowohl mit der lettischen als auch mit Valentinas persönlicher Geschichte vertraut sind. An anderer Stelle sind sie wieder so offensichtlich, nahezu plakativ, dass man geneigt wäre, ihn der Oberflächlichkeit zu bezichtigen. Dem informierten Betrachter ist die Absicht klar, er ist dankbar und hält überrascht den Atem an, wenn nach der Maschinengewehrsalve in der Ghettoszene keine Leichen stürzen, kein Blut fließt, sondern lediglich ein pastoral anmutendes Kinderlachen im Raum verhallt. Nuancen und Andeutungen sind aussagekräftig genug, es bedarf keiner Hollywood-Kampfszenen, um das Grauen zu schildern. Ein kleines Mädchen an einer bröckelnden Backsteinmauer mit seinen Puppen im Arm auf dem Weg zum Ghetto, ein einziges Bild zum Orchesterzwischenspiel, lässt uns das Blut in den Adern gefrieren. Die Gestalt einer stummen alten Dame, Valentina heute, die fast allgegenwärtig auf der Bühne zugegen ist und allzu gerne Korrekturen in ihrer eigenen Vergangenheit vornehmen möchte, berührt den Betrachter tief und nicht zuletzt deshalb, da sie daran erinnert, dass die Hauptperson dieser Oper lebendig ist. Das Bühnenbild folgt konsequent diesem Konzept der Schlichtheit, weniger glücklich sind die Kostüme gelungen. Die Idee der aus einer verblichenen Fotographie entstiegenen Menschen der Vergangenheit mag reizvoll sein, erweist sich aber als wenig schmeichelhaft für einzelne Darsteller. Kleine Mädchen wirken in ihren Perücken wie geschrumpfte Erwachsene, sicher hätte auch die Hauptdarstellerin mit kostümbildnerischen Mitteln überzeugender als junge Frau auftreten können. Lettische Studenten, eine Gesellschaft auf einem Festball, eine Bauernfamilie auf dem Land sind in echten Farben und authentischen Kostümen überzeugender.

Man mag gespannt sein, wie das Berliner Publikum diese Oper aufnehmen wird. Dem lettischen Publikum wünscht die Rezensentin, es möge seine Scheu vor dem Unbekannten und seiner eigenen Geschichte ablegen und dem Werk ein Interesse entgegenbringen, dass ihm ein langes Leben auf der Rigaer Opernbühne bescheren möge.

 

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Wie Propaganda die Menschen entmenschlicht - Valentīna Freimanes Autobiographie "Adieu, Atlantis" - eine Rezension

 

Externer Linkhinweis:

deutscheoperberlin.de: Valentina

 

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