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Münster, 23.9.2018
Mindaugas und Marta in Aglona – Eine Herzblattgeschichte eint Litauer und Letten PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 24. September 2015 um 00:00 Uhr

Ihr Denkmal wurde feierlich enthüllt

Denkmal für Mindaugs und Marta

Denkmal für Mindaugas und Marta in Aglona, Foto: Tatjana Komare, aglona.lv

Europäer nehmen die Balten einheitlicher wahr, als sie sind. Litauer und Letten beispielsweise sprechen zwar verwandte Sprachen, aber diese sind so unterschiedlich, dass sie sich auf Russisch oder Englisch verständigen. Recht verschieden sind auch die historischen Entwicklungen. Litauen stieg im Mittelalter zur europäischen Großmacht auf. Die Stämme, aus denen die Letten hervorgingen, wurden vom livländischen Orden und später von Russen, Schweden, Polen und einer deutschsprachigen Oberschicht beherrscht. Im 18. Jahrhundert eroberten die Zaren die gesamte baltische Region und machten aus ihr russische Ostseeprovinzen. Die Balten hatten zwischen konkurrierenden Großmächten ein oft grausames Schicksal. Zwischen den vielen Kriegen und Hungersnöten erfassten die Chronisten aber auch Herrscherromanzen. Mindaugas I., der die litauischen Stämme vereinte und damit die Basis für ein Großlitauen schuf, heiratete Marta, die der Legende nach aus dem lettischen Aglona stammte. Demnach war sie Lettgallerin, kam also aus einem der Stämme, aus denen später die lettische Nation hervorging. Zwischen katholischen und orthodoxen Herrschern waren sie die letzten Heiden. Auf Druck der benachbarten deutschen Mönchsritter ließen sich die beiden taufen und wurden 1253 als katholisches Königspaar in Vilnius gekrönt. Dieses Datum ist heute litauischer Feiertag. Litauer und Letten betrachten das christliche Paar als Teil einer gemeinsamen baltischen Geschichte. Der litauische Bildhauer Vidmants Gilikis (lettische Schreibweise) fertigte eine Skulptur zur Erinnerung an Mindaugas und Marta an. Sie wurde am 21.9.2015 auf dem Gelände der Wallfahrtsbasilika im lettischen Aglona enthüllt.

 

Der Kampf gegen die Mönchsritter einte die Balten

Ojārs Spārītis, Präsident der Wissenschaftlichen Akademie, wies in einem Interview mit lsm.lv auf die Quellenlage hin. Die Geschichte von Mindaugas und Marta ist teils historisch gesichert, teils legendär. Mündlich wurde überliefert, dass sich unter der Basilika von Aglona das Grab Mindaugas` befinde. Ein lutheranischer Geistlicher des 17. Jahrhunderts erwähnt es in seiner Chronik. Dort habe sich eine Marmorplatte mit lateinischer Inschrift befunden, die auf die letzte Ruhestätte des baltischen Königs hinwies. „Diese Platte hat sich leider nicht bis in unsere Zeit erhalten,“ sagt Spārītis. Historisch gesichert ist hingegen, dass das Paar mit dem Segen des Papstes gekrönt wurde: „Königin Marta und König Mindaugas wurden in der Burg von Vilnius am 6.7.1253 gekrönt, folglich hat diese Ehe und die politische Allianz stattgefunden. Zuvor wurden zwei goldene Kronen in Riga bestellt und von dortigen Goldschmieden angefertigt, die danach Mindaugas und Marta aufs Haupt gesetzt wurden.“ An dieser christlichen Ehe waren die Mönchsritter des Deutschen Ordens beteiligt. Sie waren die Lehnsherren. Zwischen den Mönchsrittern und den einheimischen Stämmen ging es nicht immer friedlich zu, es gab Kooperation und Streit, man vertrug sich - und schlug sich. 1260 besiegten die Balten den Orden in der Schlacht von Durbe. Bereits am 22.9.1236 hatte das Heer Mindaugas` die Vorgänger des Deutschen Ordens, die Schwertbrüder, bei Schaulen vernichtend geschlagen. Dieser Tag wird heutzutage als „baltischer Tag“ in beiden Ländern gefeiert. In den Zeiten der Schwerter und Lanzen ereilte die Krieger schnell der Tod. Mindaugas und seine Söhne wurden 1263 vom Schwager ermordet – der Legende nach auf dem Weg zu Martas Eltern in Aglona.


Die Basilika von Aglona

Foto: "Aglona basilica". Via Vikipēdija.

Ein Prinz der Hoffnung

Bei der Denkmalenthüllung waren die lettische Kulturministerin Dace Melbārde, ihr litauischer Kollege und die katholischen Bischöfe beider Länder anwesend. Im protestantisch geprägten Lettland sind Katholiken nur in Lettgallen in der Mehrheit, Litauen ist überwiegend dem römischen Glauben verhaftet geblieben. Aglona ist das Zentrum des lettischen Katholizismus`. Papst Johannes Paul II. erhob die barocke Wallfahrtskirche 1980 zur Basilica Minor. Er besuchte den Ort im Jahr 1993. Zu Maria Himmelfahrt pilgern Gläubige zum Bild der wundertätigen Gottesmutter, dem Heilkraft nachgesagt wird. Rigas Kardinal Jānis Pujats sieht in Gilikis` drei Meter hoher Bronze-Skulptur eine zweifache Bedeutung. „Dieses Denkmal erinnert an die Werte, die nicht verlorengehen. Das sind die Freundschaft zwischen Völkern und das Wichtigste: der Glaube an den einen Gott.“ Der Kunstprofessor Osvalds Zvejsalnieks, der sich sehr für die Errichtung des Denkmals engagiert hatte, erklärte gegenüber lsm.lv, weshalb das Denkmal aus drei Figuren besteht: „Sehr sympathisch ist die Gestalt Martas. Ich glaube, dass in unserer lettischen Bildhauerei eine solch ausgesprochen volksnahe und baltisch-lettische Frauenfigur kaum zu finden ist. Das ist einfach fantastisch. Ebenso gefiel allen die Idee, dass er [Gilikis] noch einen Jungen hinzufügte – ein Prinz, der die Zukunftshoffnungen unserer Völker symbolisiert.“


Externe Linkhinweise:

aglona.lv

lsm.lv: Aglonā atminas baltu karaļu dzimtu

lsm.lv: Aglonā atklās Mindauga un Martas pieminekli

 

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