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Münster, 24.11.2017
Lettischer Regisseur bewirkt Eklat in Hamburg PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 04. Dezember 2015 um 20:41 Uhr

Alvis Hermanis erklärt in der Flüchtlingsfrage die Zeit der Political Correctness für beendet

Alvis HermanisDer EU-Flüchtlingsstreit hat nun auch die Kulturszene erreicht. Der international bekannte lettische Theaterregisseur sagte am 4.12.2015 dem Thalia-Theater ab*, um gegen die deutsche Flüchtlingspolitik zu protestieren. Er sollte für diese Hamburger Bühne im kommenden Jahr eine neue Aufführung in Szene setzen. Er kritisiert das Engagement der Hamburger für Flüchtlinge und hält nach Angabe des Deutschlandfunks „die deutsche Willkommenskultur“ für „extrem gefährlich für ganz Europa“. Hermanis warnt vor Terroristen und wähnt Europa nach den Anschlägen in Paris im Kriegszustand, bei dem man sich für eine Seite entscheiden müsse. Er und das Thalia-Theater hätten verschiedene Seiten gewählt. Das Deutschlandradio Kultur zitiert dazu auch die Reaktion des Intendanten Joachim Lux. Der Vorfall zeige, wie tief Europa derzeit gespalten sei. Er habe nie gedacht, dass humanitäres Engagement zur Aufkündigung der Zusammenarbeit führen könne. Die jetzige Parteinahme Hermanis` gegen die deutsche Flüchtlingspolitik ist nicht der erste Eklat, den der polemisierende Regisseur in eigener Sache inszeniert.

Alvis Hermanis, Lettlands bekanntester Regisseur, kommentiert gern das politische Geschehen, Foto: Manfred Werner - Tsui auf Wikimedia Commons, Lizenz

*die ursprüngliche Formulierung "verließ" trifft nicht den Sachverhalt.

 

Politisch Inkorrektes a la Hermanis` Art

Hermanis hat nicht das erste Mal aus politischen Gründen Streit mit einer ausländischen Theaterbühne. Im März 2014 brach er sein Gastspiel am Großen Theater in Moskau ab. Angesichts der Vorgänge in der Ukraine beschimpfte er laut diena.lv Russland, das zur „Krankheit für die ganze internationale Gesellschaft“ geworden sei. Im Herbst des Jahres erteilte ihm die russische Regierung ein Einreiseverbot. Im Mai 2013 gefiel sich Hermanis ebenfalls mit bewusst politisch inkorrekt formulierten Worten. Nach der damaligen Kommunalwahl zeigte er sich schockiert, dass das Saskaņas Centrs erneut den Bürgermeister in Riga stellen konnte. Diese Fraktion ist sozialdemokratisch orientiert und gilt als Interessenvertreterin der russischsprachigen Minderheit. Hermanis nannte sie eine "Lumpenregierung". Letten werfen der Saskaņa vor, eine „Kreml-Partei“ zu sein. Hermanis wetterte, die Partei sei populistisch, mehr mit der russischen Regierung befreundet als mit der lettischen. Er beschimpfte besonders seine lettischen Landsleute, die für Saskaņa gestimmt hatten. Die Seniorinnen hätten sich für eine Straßenbahnfahrkarte verkauft – Rigas Stadtregierung gewährt Rentnern freie Nutzung des städtischen Nahverkehrs: „aber was soll man über jene lettischen Damen denken, die sich für ein Straßenbahn-Ticket hergeben? Der Tarif für professionelle Mädchen beträgt 100 Euro, aber die Damen, die bereit sind, für ein Straßenbahn-Ticket für Personen zu stimmen, die gegen unsere staatlichen Prinzipien sind - das begreife ich nicht. Ich muss gestehen, dass das ein Schock für mich ist.“ Kostenloses Fahren mit Bus und Bahn hielt Hermanis für einen „satanischen Einfall.“ Er vermutete, dass nur ein „roter Bürgermeister“ wie zuvor in Tallinn auf eine solche Idee kommen könnte, offenbar nicht wissend, dass gebührenfreier Nahverkehr in Belgien längst erprobt worden war. Und der gefeierte Regisseur, dem man nachsagt, mit Sensibilität soziale Themen aufzuführen, demonstrierte in diesem Zusammenhang seine neoliberale Abneigung gegen Umverteilung:„Eine Stadt zu regieren bedeutet nicht, den Armen das Geld zu geben, das andere Leute verdient haben.“ In einem Interview, das Hermanis am 15.10.2010 Latvijas Avīze gab, stellte er sich das politische Agieren der Bürger im Sinne eines Prager Fenstersturzes vor:“Die Bürger müssen, soweit sie dazu imstande sind, auf ihre Politiker aufpassen, sie müssen einen Fuß in die Tür bekommen, wenn für Staat und Gesellschaft fragwürdige Beschlüsse und Gesetze ausgebrütet werden. Man muss Politiker anschubsen, man darf ihnen nicht erlauben, sich zu bequemen, zu faulenzen und Dummheiten zu machen. Schon in irgendeiner westeuropäischen Stadt, zum Beispiel in Köln, die nun selbst nicht gerade die schönste in Deutschland ist, solche im Stadtzentrum ersonnenen Kaufhäuser aus dem Boden zu stampfen wie bei uns die sogenannten Bollwerke am Daugava-Ufer! Die Bürgerschaft käme zusammen, um zum Bürgermeister und zu sämtlichen Behörden zu gehen, denen es einfiel, so etwas zuzulassen und würde alle aus dem Fenster werfen. Die Bürger sind sich bewusst: Das ist ein Land, ein Staat. Sie bewahren ihn und klopfen den Politikern die ganze Zeit auf die Finger.” Mit politischer Inkorrektheit solcher Art erhält Hermanis in seinem Heimatland viel Zustimmung. Nach seiner Aufführung in Hamburg wünschen sich ihn manche Webleser sogar als lettischen Premierminister.

Zusatz am 5.12.2015: Auf NZZ hat sich Alvis Hermanis über die angeblich einseitige Darstellung des Thalia-Theaters beklagt, seine Absage habe private Gründe:

http://www.nzz.ch/feuilleton/eine-absage-und-ein-shitstorm-1.18657944


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