logo
Münster, 15.11.2018
Deutschbaltische Geistliche waren die ersten lettischen Schriftsteller PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 02. Januar 2016 um 13:34 Uhr

Pauls Daija würdigte ihren Beitrag zur lettischen Aufklärung

Stender-PorträtPauls Daija sprach auf den Domus-Rigensis-Tagen am 3.7.2015 über „Volksaufklärung in der lettischen Literatur des 18. Jahrhunderts“.  Der Literaturwissenschaftler hob hervor, dass die Forschung das Thema lange vernachlässigt habe. Weder sowjetische noch lettisch-nationalistische Ideologen hatten ein Interesse, sich mit dem deutschbaltischen Anteil an der lettischen Literatur zu beschäftigen. Solche Studien hätten das antideutsche Feindbild in Frage gestellt. Daija beschrieb, wie sich der wissenschaftliche Blick auf die Werke deutschbaltischer Pastoren geändert hat. Sie mussten sich in der Sprache ihrer lettischen Gemeinde verständigen. Sie schrieben die ersten lettischen Bücher, um die Bauern, die zunächst noch Leibeigene waren, im christlichen Glauben zu unterweisen. Sie wollten die Untertanen aber auch im Sinne der Aufklärung bilden, damit ihr tägliches Leben erleichtern. Die protestantischen Geistlichen waren sich allerdings nicht bewusst, dass eine eigenständige  lettische Literatur die politische Emanzipation in Gang setzen würde. Die durch Deutschbalten begonnene lettische Volksaufklärung ist inzwischen ein interkulturelles Forschungsthema für lettische und deutsche Wissenschaftler.

Foto: "Stenders". Via Vikipēdija.

 

Gotthard Friedrich Stender

Daija gab einen kurzen Überblick über Autoren und Werke des 18. Jahrhunderts. Der Pionier der Volksaufklärung und der weltlichen lettischen Literatur war Gotthard Friedrich Stender. Der kurländische Pfarrerssohn studierte selbst Theologie in Jena und Halle, dazu Sprachen und Rhetorik. Er lernte in Halle den Pietismus kennen, war für gewisse Zeit Lehrer am Waisenhaus des Pietisten August Hermann Francke. Stender schätzte ebenso die rationalistische Lehre des Philosophen Christian Wolff, der mit den Theologen der Universität Halle in Widerstreit geriet. Nach seiner Rückkehr in die lettische Heimat widmete sich Stender mathematischen Studien. Fast zwei Jahrzehnte arbeitete der Volksaufklärer als Lehrer und Geistlicher. Als Gemeindepfarrer im litauischen Záimen (deutschbaltisch: Scheimeln) erkrankte er schwer und klagte darüber, für seine Studien und Schriften zu wenig Zeit zu haben. 1759 zog es ihn erneut gen Westen, er arbeitete in Helmstedt, Königslutter und Hamburg. Schließlich wurde er als Geographieprofessor an den Kopenhagener Hof berufen. Für den dänischen König konstruierte er Globusse, von denen zwei erhalten sind. 1766 kehrte er wieder nach Kurland zurück, wurde Gemeindepfarrer, schrieb sich an der Petersburger Akademie der Wissenschaften ein, konstruierte eine der ersten Waschmaschinen. Damit war „der alte Stender“ ein Musterexemplar eines deutschbaltischen Intellektuellen: Sein Wissen umfing nicht nur Religiöses und antike Sprachen. Er kannte auch die zeitgenössische Philosophie und Belletristik, war mit Mathematik und Naturwissenschaften vertraut. Der protestantische Hirte war bestrebt, seine lettischen Schäfchen zu bilden. Er schrieb eine lettische Grammatik, stellte ein deutsch-lettisches Wörterbuch zusammen, publizierte auf Deutsch, Lettisch und Latein über philosophische, literarische und religiöse Themen, aber auch Schriften zur Lebensberatung und zur naturwissenschaftlichen Welterklärung. Daija erwähnt seine Sammlung „Lettische Fabeln und Erzählungen“ von 1766, die größtenteils Übersetzungen aus dem Deutschen enthält. Sie ist das erste belletristische Buch in lettischer Sprache. Stender inspirierte eine Reihe von Nachfolgern. Sie informierten ein Laienpublikum über Medizinisches, Landwirtschaftliches, über Hauswirtschaft und Pädagogik.

 

Sunakste, Kirche

Die Kirche von Sunakste, wo Stenders Gemeindepfarrer war, Foto: "Sunakstes baznica" by Aleksandrs Timofejevs - Paša darbs. Licensed under CC0 via Wikimedia Commons.

 

Lettisches Misstrauen gegen deutschbaltische Aufklärer

Die Deutschbalten hatten sich das Wissen an deutschen Hochschulen angeeignet und gaben es ihren lettischen Lesern weiter. Daija bemerkte, dass in der Zeit der Aufklärung eine neue Beziehung zwischen ihnen und den Letten entstand – derjenigen zwischen Autoren und Lesern. Diese war nicht immer harmonisch. Der Forscher bekannte, dass er oft gefragt werde, ob die Letten die Bücher überhaupt gelesen hätten. Seine paradoxe Antwort laute: „nein, haben sie nicht...“ und erläutert: „Zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man die damaligen gegenseitigen Auseinandersetzungen der deutschbaltischen Autoren zur Hand nimmt [...] aus denen sich schließen lässt, dass die Letten undankbar waren und eigentlich ungern das ihnen dargereichte neue Wissen und – vor allem – die neue Weltanschauung angenommen haben.“ Die neuen rationalistischen Erklärungen stießen auf bäuerliche Skepsis. Das Denken war in eigenen, zuweilen noch heidnischen Traditionen verwurzelt. Zudem misstrauten die Letten den Absichten deutschbaltischer Autoren, die schließlich auch zu den Herrschaften zählten. Deren Bestreben, lettische Bauern zu emanzipieren, hatte durchaus Grenzen. Sie sollten ein christliches Leben führen, bei dem das vermittelte Wissen den Alltag erleichtern und verschönern sollte. Doch die politische und soziale Emanzipation war damit nicht beabsichtigt. Die lettischen Bauern sollten Untertanen ihrer deutschbaltischen Herren bleiben. Zudem nennt Daija als weiteren Grund für die zögerliche Lektüre, dass sich eine lettische Leserschaft erst heranbilden musste. Erst nach der Abschaffung der Leibeigenschaft seien die Bauern aktive Leser geworden: „An dieser Stelle kann man bereits über die Entstehung einer lettischen Intelligenz reden, die die Rolle der deutschbaltischen Aufklärer allmählich übernahm und später – um die Mitte des 19. Jahrhunderts – die Bildung einer modernen nationalen lettischen Literatur einleiteten. Ihre Tätigkeiten wären ohne den festen Grund, auf denen sie alle standen und der von den Werken der deutschbaltischen Autoren erschaffen war, nicht denkbar.“


Stenders Schrift über die Waschmaschine

Stenders Schrift über die Waschmaschine, Foto: "Stendera veļasmašīna". Via Vikipēdija.

Vorurteile behinderten die Forschung

Lange Zeit blieb dieser beträchtliche deutschbaltische Einfluss auf die lettische Kultur unerforscht. Daija nennt nationalistische bzw. sowjetische Vorbehalte. Aus deren Perspektive erschienen die Deutschbalten ausschließlich als fremde Herren, gegen die die Letten einen ethnischen bzw. sozialen Kampf führen mussten. Ein Blick in die Literaturgeschichte verdeutlicht, dass die Beziehungen zwischen den Ethnien vielfältiger waren. Sowohl lettische als auch deutsche Wissenschaftler haben das Thema entdeckt. Im Vortrag werden einige Arbeiten erwähnt, dazu zählt ein Aufsatz von Mara Grudule aus dem Jahr 2005: „Volksaufklärung als die Grundlage der Bewegung der Jungletten“. 2011 erschien in Bremen der Sammelband „Die Entdeckung von Volk, Erziehung und Ökonomie im europäischen Netzwerk der Aufklärung“, der mehrere Beiträge zur lettischen Kulturgeschichte enthält. Ein Jahr später erschien ebenfalls in Rigas Partnerstadt Bremen der Band „Volksbildung durch Lesestoffe im 18. und 19. Jahrhundert. 2013 veröffentlichte Pauls Daija auf Lettisch „Die Aufklärung und Kulturübertragung“ und 2014 Julija Boguna in Berlin ihre Dissertation „Lettland als übersetzte Nation“. Weitere Publikationen zum Thema dürften folgen.

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||