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Münster, 24.11.2017
Letten gedenken der Barrikadenzeit vor 25 Jahren PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 20. Januar 2016 um 00:00 Uhr

Mit zivilem Widerstand die militanten Angreifer besiegt

Barrikadenmauer vor dem Parlament in Riga„Die Erneuerung des lettischen Staats und damit das Erwachen des Volkes sind bedroht. Heute schickt das Imperium ebenso wie im Jahr 1905 schwarze Hundertschaften gegen uns, ebenso wie 1940 will uns der rote Faschismus auslöschen.“1 Das verkündete am 12.1.1991 die lettische Volksfront, die für die Unabhängigkeit ihres Landes von der Sowjetunion kämpfte. Das Zitat zeigt, dass am Ende der Sowjet-Ära die historischen und politischen Zuordnungen durcheinander geraten waren. Die UdSSR hatte die Hoffnungen vieler längst enttäuscht. Vor 25 Jahren, als der Krieg zwischen den USA und dem Irak die Medien beschäftigte, versuchten sowjetische Politiker, mit militärischer Gewalt die baltischen Befreiungsbewegungen zu stoppen. Am Neujahrstag 1991 besetzten OMON-Milizen des sowjetischen Innenministeriums das Rigaer Pressehaus. Das war der Beginn eines mehrwöchigen Kampfes um die Zentralen der Macht in der lettischen Hauptstadt. Es war ein Streit zwischen einem stark bewaffneten Goliath und einem militärisch wehrlosen David. In der Rolle des Letzteren befand sich die lettische Volksfront. Sie hatte nur die Chance, mit Barrikaden und zivilen Fahrzeugen die OMON-Panzer vom Parlament, Regierungssitz, Radio- und Fernsehstationen sowie der Telefonzentrale fernzuhalten. Dieser scheinbar aussichtslose Widerstand ohne Waffen entwickelte sich zu einem Lehrstück der zivilen Verteidigung. Nach gewaltsamen Angriffen, bei denen fünf Menschen direkt oder indirekt ihr Leben verloren, mussten die OMON-Milizen wieder abziehen und die Letten waren der ersehnten Unabhängigkeit etwas näher gekommen. Die Barrikadenzeit ist Teil des kollektiven Gedächtnisses. An sie wird in diesen Tagen mit vielen Gedenkveranstaltungen erinnert.

Auch eine Mauer wurde vor dem Parlament errichtet, Foto: "Riga barricade 1991" by Apdency - Paša darbs. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

 

Ein Verteidigungsstab ohne Truppen und Waffen

Über ein Land zu herrschen, bedeutet, die Zentren der Macht unter Kontrolle zu haben. Diese war der sowjetischen Führung in den baltischen Ländern Anfang der neunziger Jahre längst entglitten. Zwar hieß das lettische Parlament formal noch „Sowjet“, doch dessen Abgeordnete hatten bereits am 4.5.1990 die Unabhängigkeit erklärt. Im Schatten des beginnenden Kriegs im Nahen Osten versuchten Kräfte innerhalb der Moskauer Regierung, die Macht in den baltischen Ländern mit Gewehren und Panzern zurückzuerlangen. Der lettische Regierungschef Ivars Godmanis und die Abgeordneten des Rigaer Parlaments protestierten gegen den Einmarsch der prosowjetischen OMON-Miliz. Die Besetzung des Pressehauses konnte nur den Anfang für weitere Aktionen bedeuten. Am 13.1.1991 verschärfte sich die Lage. OMON-Truppen hatten in tiefer Nacht den Fernsehturm, TV- und Radiostationen in Vilnius umzingelt, dabei 14 Litauer getötet und zahlreiche verletzt. Die Anführer der lettischen Volksfront, Dainis Īvāns un Romualds Ražuks, informierten darüber am frühen Morgen über das Radio die Öffentlichkeit. Sie appellierten an die Bürger, sich auf dem Domplatz zu versammeln. Auch die Volksfront rief zur Kundgebung am Daugava-Ufer auf. Etwa 500.000 Demonstranten erwiesen sich mit den Litauern solidarisch. Die Abgeordneten im Rigaer Parlament beschlossen, einen Verteidigungsstab zu gründen, der weder Truppen noch Waffen hatte. Godmanis gab die Anweisung, schweres Gerät in die Innenstadt zu bringen: Landwirtschaftliche Fahrzeuge, Lkw, Busse. Diese `Waffen` wurden mit Balken, Betonplatten und Steinbrocken beschwert. So sollten OMON-Panzer davon abgehalten werden, Parlament, Ministerien und die Gebäude der lettischen Medien zu besetzen. Bereits einen Tag später griffen die OMON-Milizen Barrikaden in den Vororten an, beschossen Fahrzeuge und wendeten Gewalt gegen Bürger an. Am 16.1.1991 erschossen sie an den Barrikaden von Vecmīlgrāvis Roberts Mūrnieks. Nicht alle sympathisierten mit der Volksfront. Der Rigaer Bürgermeister Alfrēds Rubiks und die Interfront hatten sich gegen die Unabhängigkeit ausgesprochen. Rubiks warnte, dass der Austritt aus der Sowjetunion eine nationalistische Diktatur "mit profaschistisch-totalitärem Einschlag" zur Macht verhelfe. Beide Seiten argumentierten mit dem verallgemeinert und unpräzis benutzten Faschismus-Vorwurf. Michael Gorbatschow rechtfertigte die Taten der OMON-Miliz, Boris Jelzin unterzeichnete dagegen einen Appell an die Soldaten der Russischen Föderation, sich nicht an Aktionen gegen Zivilisten zu beteiligen.

Blumen vor dem Innenministerium erinnern an die Opfer

Blumen erinnern an die Opfer, die während des OMON-Angriffs auf das Innenministerium ihr Leben verloren, Foto: Licensed under Fair use via Vikipēdija.

Der 20.1.1991

Die brisante Situation spitzte sich am 20.1.91 noch weiter zu. In Moskau demonstrierten 100.000 Russen gegen die Gewalt in den baltischen Republiken. Das hinderte die OMON-Truppen nicht daran, die Barrikaden in der Rigaer Innenstadt anzugreifen. Am Bastejkalns töteten sie den Kameramann Andris Slapiņš und den Schüler Edijs Riekstiņš; ein zweiter Kameramann, Gvido Zvaigzne, erlag später seinen Verletzungen, sechs weitere Barrikadenkämpfer wurden verwundet. Am Abend griff die OMON-Miliz das Innenministerium an, das von lettischen Milizangehörigen bewacht wurde. Lettlands oberster Staatsanwalt Eriks Kalnmeiers2 erinnerte sich im Lettischen Radio am 20.1.2016 daran: Schlecht bewaffnete Letten hätten lediglich Warnschüsse abgegeben und kein einziges Fahrzeug der Angreifer getroffen. Diese nahmen dennoch keine Rücksicht, die lettischen Milizangehörigen Vladimirs Gomonovičs und Sergejs Konoņenko starben im Kugelhagel, vier weitere wurden verletzt. Letztlich hatte OMON nichts erreicht, den Widerstand eher gefestigt. Viele ausländische Journalisten waren in Riga vor Ort und berichteten weltweit vom brutalen Vorgehen der Sowjetmacht. Mit diesen Gewaltaktionen in Litauen und Lettland verlor Gorbatschows Kurs von Glasnost und Perestroika viel Ansehen und der Verfall der Sowjetunion beschleunigte sich. Wenige Tage später rief Godmanis die Bürger von den Barrikaden zurück. Die Sperren wurden aber weiterhin gebraucht. Im August des Jahres 1991 bedrohten OMON-Fahrzeuge während des Putsches gegen Gorbatschow abermals das lettische Parlament. Der Putsch misslang und die lettische Unabhängigkeit wurde international anerkannt.

 

Quellen:

1http://www.lvarhivs.gov.lv/index3.php?id=1147

2http://www.lsm.lv/lv/raksts/latvija/zinas/kalnmeiers-barikazu-25.-gadadiena-vairums-omon-kaujinieku-palika-nesoditi.a165003/

 

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