logo
Münster, 20.9.2018
Zum Leben und Werk von Carl Gustav Jochmann, Teil 2: Politische Glossen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 17. Mai 2018 um 00:00 Uhr

Karikatur Denkerclub

"Der endgültige Verzicht auf die Suche nach der wahrhaft menschlichen Gesellschaft bedeutet tödlichen Stillstand." (Ulrich Kronauer)

Ausgerechnet 1819, im Jahr der Karlsbader Beschlüsse, beendete Jochmann seine Tätigkeit als Advokat in Riga, reiste fortan durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz, traf aufgeklärte Geister, die ihn anregten, selber Texte zu veröffentlichen. Doch in der Zeit der Restauration fürchteten die Fürsten das freie Wort, übten Zensur und verfolgten die Anhänger der liberalen Bewegung. Jochmann ließ seine Bücher anonym drucken, sie waren ein Protest gegen Standes- und Zunftprivilegien, gegen die willkürlich herrschenden Fürsten, die ihr Volk unmündig wünschten, damit es die herrschende Ordnung nicht in Frage stellte. Gegen die Willkür, mit der sich wenige auf Kosten vieler bereicherten, setzte der Aufklärer die Vernunft, sie entsprach der natürlichen und göttlichen Ordnung. Mit ihr würden sich die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Besseren und Humaneren entwickeln. Doch Jochmann musste in seiner Zeit feststellen, dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig erfolgte. Die selbstverschuldete und erzwungene Unmündigkeit des Menschen, der Egoismus der Herrschenden, die von der Unaufgeklärtheit ihrer Untertanen profitierten, starre Standes- und Zunftgrenzen und die Gewohnheit, an überkommene Traditionen und Aberglauben festzuhalten, fehlende Pressefreiheit - das alles bewirkte Stillstand, sogar Rückschritt in frühere Zustände. Jochmann fühlte sich als Fremder unter seinen Zeitgenossen, die ihm wie Automaten vorkamen, vom Wahnsinn betrieben: "Den Wirrwarr aufs höchste zu steigern, sind die meisten Sterblichen: Automaten, vom Wahnsinn in Handlung gesetzt und bewegt. Diesen Wahn und irren Sinn erzeugen nicht bloß Nervenzerrüttung oder Leidenschaften der Liebe, des Hochmutes, des Geizes, sondern Erziehung, Schulunterricht, Schicksal und die ganze Ideen-Erbschaft aus der Vorwelt, die jeder wieder der Nachwelt zuschleppt."1 Jochmann, für den die Bildung höchstes Gut war, kritisierte auch die Schulmeister, wenn sie das Falsche, nämlich die Ideen aus der unaufgeklärten Vorwelt lehrten. Oberstes Maß war die Vernunft, die göttliche Weltordnung, die nicht zuletzt zu dem, was Kirchenvertreter predigten, im Widerspruch stand. Acht Jahre nach Jochmanns Tod veröffentlichte Heinrich Zschokke unter dem Titel "Reliquien" größtenteils unveröffentlichte Essays, Aphorismen und Glossen des Freundes. Im zweiten Band der Nachlasssammlung befindet sich ein Kapitel "Politische Glossen"2. Das sind 75 einzelne kurze Texte, die die gesellschaftspolitischen Zustände kommentieren und kritisieren.

"Der Denkerclub", Karikatur zu den Karlsbader Beschlüssen im Jahr 1919, Foto: Gemeinfrei, Link

Weiterlesen...
 
Zum Leben und Werk von Carl Gustav Jochmann, Teil 1: Zur Biographie PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 10. Mai 2018 um 00:00 Uhr

Ein Fremder in einer vom Wahn bestimmten Welt

Kreuzgang am Rigaer DomAm 10. Mai 1833 wurde Carl Gustav Jochmann laut Sterberegister der Sankt Wenzels-Kirche vom Vorstädtischen1 auf den Städtischen Gottesacker Naumburgs umgebettet. Drei Jahre zuvor, Anfang Juni 1830, war der gebürtige Deutschbalte ins anhaltinische Köthen unterwegs gewesen. Dort lebte Samuel Hahnemann. Der Begründer der Homöopathie war seine letzte Hoffnung. Doch wegen Fiebers und Lungenblutens musste Jochmann seine Fahrt an der Saale unterbrechen. Völlig erschöpft erreichte er das Gasthaus "Preußischer Hof" in Naumburg. Johann Ernst Stapf, ein Anhänger Hahnemanns, übernahm die ärztliche Behandlung. Stapfs Bemühungen blieben vergeblich, Jochmann starb am 24. Juli 1830 an Lungenschwindsucht. Wer war dieser rastlose und weitgehend unbekannte Reisende? Es handelte sich um "einen der größten revolutionären Schriftsteller Deutschlands", meinte der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin, zitiert von Ulrich Kronauer, der wiederum hinzufügt: "Nach dem Tod Jochmanns [...] war sein Herz zunächst in einer Porzellanvase nach Riga geschickt worden, um im Garten eines Freundes, des Kaufmanns Conrad Heinrich von Sengbusch, beigesetzt zu werden." Inzwischen ist die restaurierte Herz-Urne im Kreuzgang des Rigaer Doms zu sehen2 . Laut Kronauer wird die Reliquie ignoriert: "Die meisten Besucher der Domkirche gehen achtlos vorüber, kaum jemand weiß, um wen es sich handelt."3 Das Datum einer Umbettung vor 185 Jahren entstammt zwar keiner Weltchronik, doch es ist Anlass genug, um herauszufinden, weshalb einer "der größten revolutionären Schriftsteller" weitgehend unbekannt geblieben ist.

Kreuzgang am Rigaer Dom, wo die rerstaurierte Urne mit der Aufschrift ""Cor Jochmanni" zu finden ist, Foto: Domus Rigensis

Weiterlesen...
 
Lettische Kunstausstellungen im Mai 2018 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 03. Mai 2018 um 13:03 Uhr

Fluxus im Exil, Modernität des Jugendstils und Überschwemmungen im Frühling

Straume, SkizzeValdis Abolins ist der Öffentlichkeit kaum bekannt. Als Twen engagierte sich der Exillette in den 60er Jahren in der Aachener Studentenszene, veranstaltete mit Fluxus-Künstlern ein Happening in der Hochschule - und sorgte prompt für einen Skandal. Ein Jahrzehnt später war Abolins Gschäftsführer der Westberliner Neuen Gesellschaft für bildende Kunst und machte lettische Künstlerinnen und Künstler in Deutschland bekannt. Abolins starb 1984 in Westberlin, sein Name steht stellvertretend für das Schicksal von Kulturschaffenden, die in der Diaspora einen Neubeginn wagten. Im lettischen Nationalmuseum ist den emigrierten Künstlern, die von Gotland bis New York eigene Zentren bildeten, eine Ausstellung gewidmet. Was ist typisch am lettischen Jugendstil? Diese Frage lässt sich beantworten, wenn man lettische und internationale Exponate jener Zeit vergleicht. Im internationalen Kunstmuseum Rigas Birza sind Grafiken, Bilder und verziertes Design aus der Jugendstilzeit zu sehen. Eine Künstlergruppe in Daugavpils beschäftigt sich mit dem Thema Flut im Frühling. Hier die Zusammenfassung von PR-Texten lettischer Museen für den Mai 2018.

Julijs Straume (1874-1970), Skizze, Foto: LNMM

Weiterlesen...
 
<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Weiter > Ende >>

Seite 3 von 40

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||