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Münster, 16.10.2019
Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 3: Lettisch-russischer Streit um Fakten und Deutungen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 26. Januar 2019 um 00:00 Uhr

„Versuch, nazistische Schandtaten zu verhehlen“

Figuren der Gedenkstätte SalaspilsAus sowjetischen Quellen stammt die Zahl von 100.000 Opfern, die in Salaspils getötet worden seien1. Die lettischen Historiker Kangeris, Neiburgs und Viksne ermittelten nur knapp ein Viertel als Gesamtzahl der Inhaftierten, von denen einige überlebten, zumindest die Zwischenstation in Salaspils. Man kennt die Gefahr der Verringerung bei diesem Thema aus rechtsradikalen Kreisen. Solche ziehen die Zahlen des Holocausts prinzipiell in Zweifel, sie leugnen sogar schlechthin, dass der industrielle Massenmord an Juden und anderen dem Regime nicht genehmen Gruppen erfolgt ist, eine Behauptung, die in Deutschland legitimerweise unter Strafe steht. Deshalb soll hier herausgestellt werden, dass in der Salaspils-Forschung des lettischen Autorentrios keine rechtsradikalen Bestrebungen zu entdecken sind. Die nationalsozialistischen Verbrechen (inklusive ihrer lettischen Beteiligung) werden weder verharmlost noch verleugnet. An keiner Stelle erhält der Leser den Eindruck, dass etwas aus lettischer Perspektive beschwichtigt oder geschönt werden soll, die Autoren bemühen sich um wissenschaftliche Aufklärung, gestehen auch ein, wo sie auf Recherchegrenzen stoßen, dort, wo geeignete Daten und Dokumente fehlen.2 Die deutschen Besatzer hatten die Akten des Lagers Salaspils bei ihrem Rückzug aus Lettland vernichtet.3 Dennoch gelang es den Historikern, durch zahlreiche Dokumentenfunde vieles zu erhellen. Sie zweifelten dabei Zahlen und Greueltaten an, die sich in den Berichten der Außerordentlichen Kommission von 1944 finden und die aus Sicht der Autoren zu Propagandazwecken benutzt wurden. Bis heute bleibt beim Thema Salaspils die Trennung von Fakten und Fake-Daten unscharf, die Vermischung ist nützlich, wenn sie dem eigenen nationalen Narrativ entspricht. Das verdeutlicht eine Rezension auf der lettischsprachigen Webseite des russischen Nachrichtenmagazins Sputnik, die zu diesem Buch erschienen ist. Unterschiedliche Geschichtsdeutungen sind ein wichtiger Grund dafür, weshalb das lettisch-russische Verhältnis bis heute angespannt ist.


Figuren der Gedenkstätte Salaspils, Foto: Neaizsargāts darbs, Saite
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Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 2: Die verschiedenen Etappen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 16. Januar 2019 um 00:00 Uhr

„Den Frauen gab man eine Minute, um sich von ihren Kindern zu verabschieden“

Jüdische HäftlingeSalaspils ist ein Ort des Grauens. Hier begingen die nationalsozialistischen Besatzer und ihre lettischen Helfer schwere Verbrechen gegen die Feinde ihres Regimes oder gegen jene, die dafür gehalten wurden. In Reiseführern ist die heutige Gedenkstätte als Besichtigungsort aufgeführt. Auf dem Areal findet der Besucher einige monumentale Betonfiguren in pathetischer Pose und eine bunkerartige Anlage, dessen Inneres nur wenig über die Geschichte dieses Erinnerungsorts preisgibt. Es scheint so, als hätten die sowjetischen Gestalter die historischen Details nicht wirklich ins Gedächtnis rufen wollen. Die von Kangeris, Neiburgs und Viksne ermittelten Opferzahlen waren geringer als in der bolschewistischen Propaganda behauptet und nicht alle Insassen waren, wie von ihr suggeriert, sowjetische Widerstandskämpfer. Zu den Internierten gehörten auch lettische, litauische und polnische Nationalisten, die die Ziele der deutschen Besatzer durchschaut hatten und deshalb die Kollaboration verweigerten. Historiker unterteilen die Lagergeschichte in drei Etappen: Des Aufbaus, den Juden unter mörderischen Arbeitsbedingungen leisten mussten, der Internierungszeit für politische Gefangene und der Zeit als Transitlager.


Jüdische Häftlinge in Salaspils, Foto: Bundesarchiv, Bild 101III-Duerr-056-04A / Dürr / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link
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Lettische Historiker recherchierten über das Lager Salaspils: Teil 1: Der Streit um historische Quellen und Bezeichnungen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 09. Januar 2019 um 00:00 Uhr

Verharmlosung des Faschismus` oder Dekonstruktion bolschewistischer Propaganda?

Eingang zur Gedenkstätte Salaspils„Es sei vorneweg gesagt: Salaspils ist ein Ort des Grauens. Als 1941 die Nationalsozialisten Riga erreichten, richteten sie sofort im nahen Salaspils eines ihrer unzähligen Massenvernichtungslager ein. Über 100.000 Menschen, darunter Letten, Juden, Tschechen, Österreicher, Polen, Franzosen, Belgier und Holländer, fanden hier einen furchtbaren Tod oder erlitten Höllenqualen. Selbst vor der Hinrichtung von Kindern (7000) schreckte man nicht zurück.“1 Diese Beschreibung aus einem deutschen Reiseführer ist erschütternd, allerdings sind die genannten Zahlen fragwürdig. Dass 100.000 Menschen hier den Tod fanden, ist eine Behauptung der bolschewistischen Propaganda. Nach Recherchen von Karlis Kangeris, Uldis Neiburgs und Rudite Viksne war bereits die Gesamtzahl der Lagerinsassen mit höchstens 23.035 deutlich geringer2. Diese wurden nicht alle auf einmal in Salaspils gefangen gehalten, sondern befanden sich in verschiedenen Gefangenengruppen zeitlich nacheinander in den diversen Baracken des Lagergeländes. Denn nach dem detaillierten Forschungsbericht der drei lettischen Historiker, der nach einer Aufschrift auf der dortigen Gedächtnisstätte benannt ist (Aiz siem vartiem vaid zeme./ Hinter diesen Toren stöhnt die Erde.) erlebte das von den deutschen Besatzern eingerichtete Lager in der Nähe Rigas während seines vierjährigen Bestehens verschiedene Etappen mit verschiedenen Insassen. Nach der Lektüre des Buchs bleibt Salaspils ein „Ort des Grauens“, doch es ist nicht „das Todeslager“, das bolschewistische Publikationen propagierten. Wie in allen NS-Lagern wurde in Salaspils geprügelt, gequält und gemordet, doch nicht wie in den bekannten großen Vernichtungslagern mit industriellen Methoden getötet. Das lettische Bemühen, aus einer Vielzahl von Quellen sich der historischen Realität zu nähern und bolschewistische Stereotypen zu dekonstruieren, erntet spöttischen Kommentar von russischer Seite, die darin eine Verharmlosung des Faschismus` erkennen will.

Zugang zur Gedenkstätte Salaspils mit der Aufschrift "Hinter diesen Toren stöhnt die Erde", Foto: Derbrauni - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

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