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Münster, 30.4.2017
Gert von Pistohlkors: Die Deutschbalten und ihre Livländische Ritterschaft – Fluch oder Segen für Esten und Letten? PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 10. Oktober 2015 um 16:01 Uhr

Lettisches ParlamentsgebäudeAuf diese – nicht gestellte – journalistische Frage antwortete der Historiker in seinem Vortrag auf den Domus-Rigensis-Tagen 2015 in Wenden (Cēsis) wissenschaftlich differenziert. Der ausgewiesene Kenner deutschbaltischer Geschichte lieferte ein überzeugendes `sowohl als auch`, vereinte damit die gegensätzlichen „Narrative“, die jeweils einseitige geschichtliche Interpretationen hervorgebracht haben. Einige Historiker würdigen die ehemalige protestantisch-deutschbaltische Adelsschicht, weil sie eine spezielle baltische Kultur entwickelt hatte, die sich von der orthodox-russischen abhob. Trotz zaristischer Russifizierungsversuche misslang die Assimilierung der baltischen Einwohner. Andere kritisieren dagegen, dass deutschbaltische Besitzstandswahrung die Herausbildung des estnischen bzw. lettischen Nationalstaats verzögert hat. Pistohlkors wies auf die finnische Entwicklung hin, wo die schwedische Oberschicht früh die Nationalbewegung akzeptiert und unterstützt hatte, so dass sich dort bereits 1863 ein Landtag konstituierte, an dem finnische Bürger und Bauern beteiligt waren. In Livland hingegen, der mittleren Ostseeprovinz, die große Teile der späteren Staaten Lettland und Estland vereinte, blieb das Verhältnis der deutschbaltischen Oberschicht zu den Mehrheitsethnien widersprüchlich. Dies wird am wichtigsten Gremium adeliger Selbstverwaltung, der Ritterschaft, deutlich. Die Livländische Ritterschaft als regionale Selbstverwalterin leistete zwar einen entscheidenden Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung, der für alle Einwohner von Nutzen war. Der adelige Konservatismus verhinderte aber die rechtzeitige Teilhabe der indigenen Bevölkerung an Macht und Besitz – ein Versäumnis, das sich nach Erlangung der lettischen und estnischen Unabhängigkeit rächen sollte. Diese zwiespältige Historie erläuterte Pistohlkors an verschiedenen historischen Ereignissen und Entwicklungen.

Dieses Gebäude steht für historischen Wandel: Im heutigen lettischen Parlament, der Saeima, tagte einst die Livländische Ritterschaft, Foto: LP

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Mindaugas und Marta in Aglona – Eine Herzblattgeschichte eint Litauer und Letten PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 24. September 2015 um 00:00 Uhr

Ihr Denkmal wurde feierlich enthüllt

Denkmal für Mindaugs und Marta

Denkmal für Mindaugas und Marta in Aglona, Foto: Tatjana Komare, aglona.lv

Europäer nehmen die Balten einheitlicher wahr, als sie sind. Litauer und Letten beispielsweise sprechen zwar verwandte Sprachen, aber diese sind so unterschiedlich, dass sie sich auf Russisch oder Englisch verständigen. Recht verschieden sind auch die historischen Entwicklungen. Litauen stieg im Mittelalter zur europäischen Großmacht auf. Die Stämme, aus denen die Letten hervorgingen, wurden vom livländischen Orden und später von Russen, Schweden, Polen und einer deutschsprachigen Oberschicht beherrscht. Im 18. Jahrhundert eroberten die Zaren die gesamte baltische Region und machten aus ihr russische Ostseeprovinzen. Die Balten hatten zwischen konkurrierenden Großmächten ein oft grausames Schicksal. Zwischen den vielen Kriegen und Hungersnöten erfassten die Chronisten aber auch Herrscherromanzen. Mindaugas I., der die litauischen Stämme vereinte und damit die Basis für ein Großlitauen schuf, heiratete Marta, die der Legende nach aus dem lettischen Aglona stammte. Demnach war sie Lettgallerin, kam also aus einem der Stämme, aus denen später die lettische Nation hervorging. Zwischen katholischen und orthodoxen Herrschern waren sie die letzten Heiden. Auf Druck der benachbarten deutschen Mönchsritter ließen sich die beiden taufen und wurden 1253 als katholisches Königspaar in Vilnius gekrönt. Dieses Datum ist heute litauischer Feiertag. Litauer und Letten betrachten das christliche Paar als Teil einer gemeinsamen baltischen Geschichte. Der litauische Bildhauer Vidmants Gilikis (lettische Schreibweise) fertigte eine Skulptur zur Erinnerung an Mindaugas und Marta an. Sie wurde am 21.9.2015 auf dem Gelände der Wallfahrtsbasilika im lettischen Aglona enthüllt.

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Linke Masche, rechte Masche und fallenlassen - Survival K(n)it 7 über menschliche Verstrickungen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 10. September 2015 um 11:39 Uhr

Eingang zur Survival Kit 7

Bereits zum siebten Mal öffnen die Mitarbeiterinnen des Lettischen Zentrums für zeitgenössische Kunst (LLMC) die Tore für Survival Kit. Es ist Rigas sehenswertes und inzwischen international bekanntes Krisenprodukt. Im Jahr 2009, als dunkle Fenster und rissige Fassaden allenthalben den Leerstand verrieten, beschloss das LLMC, in verlassenen öffentlichen Gebäuden jährlich im September ein zweiwöchiges Festival mit lettischen und internationalen Künstlern zu veranstalten. Survival Kit, das „Überlebenswerkzeug“, ist mehr als eine Ausstellung. Zum Programm gehören Diskussionen und Kunstaktionen, stets wird die gesellschaftspolitische Bedeutung künstlerischen Schaffens deutlich. In den letzten beiden Jahren war dies auch am jeweiligen Motto, nämlich „Slow Revolution“ und „Utopian City“ sichtbar. Die diesjährige Wortverknüpfung von „Kit“ (Instrument, Werkzeug) und „Knit“ (stricken, verknüpfen) zu „Survival K(n)it 7“ scheint auf den ersten Blick abstrakter und abgehobener. Doch ein Rundgang erweist das Gegenteil: Auch in diesem Jahr spiegeln die Künstler den Zustand der Gesellschaft wider und regen das Nachdenken darüber an, ob und wie sie sich verändern ließe.

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