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Münster, 26.6.2017
2025 soll die Rail Baltica eröffnet werden PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 27. Januar 2017 um 00:00 Uhr

Das Baltikum in viereinhalb Bahn-Stunden

Karte Rail BalticaVieles trennt und spaltet derzeit in der EU. Doch es gibt auch Pläne für neue Verbindungen, für mehr Kontakte zwischen den östlichen und westlichen Bürgern des viel gescholtenen Brüsseler Staatenbundes. Ein solches Vorhaben ist die Rail Baltica, die Schnellbahn, die zukünftig von den baltischen Metropolen über Warschau nach Berlin führen soll. Die EU würde 80 Prozent der 728 Kilometer langen baltischen Trasse finanzieren. Der Druck, rechtzeitig Brüsseler Fördergelder zu erhalten, zwingt zur Zusammenarbeit. Die Regierungschefs Lettlands, Estlands und Litauens werden voraussichtlich am 31.1.2017 in Tallinn einen weiteren Kooperationsvertrag unterschreiben. In den letzten Wochen blieb unklar, ob auch die neue litauische Regierung zur Unterschrift bereit ist.

Die Rail-Baltica, ursprünglich war die Einbeziehung der Städte Tartu und Vilnius geplant, Foto: By Ministry of Transport and Communication of the Republic of Latvia, Attribution, Saite

 

Umfangreichtes Planfeststellungsverfahren der lettischen Geschichte

Seit 1991 besteht der Wunsch, die baltischen Länder wie in der Vorkriegszeit mit Westeuropa zu verbinden. Die EU-Mitgliedschaft machte dieses Vorhaben konkreter. Die Schnellstrecke in westeuropäischer Spurbreite, die irgendwann nach 2030 bis Berlin und sogar Venedig reichen soll, kann nun als Teil des transeuropäischen Transportnetzes TEN-T verwirklicht werden. Die beteiligten Regierungen können dafür Geld aus dem EU-Kohäsionsfonds beantragen. Inzwischen haben viele Vorplanungen stattgefunden, Absichtserklärungen sind vereinbart. Der Tallinner Vertrag wird die Zuständigkeiten rechtsverbindlich festlegen. Das sei notwendig, um mit der EU-Kommission über die Finanzierung verhandeln zu können, meint RB-Rail-Vorstandsvorsitzende Baiba Rubesa (lsm.lv). Die RB Rail ist das Gemeinschaftsunternehmen der drei Staaten, das die Bahntrasse bauen soll. Der Um- und Neubau von Bahnhöfen, Logistikzentren, Anschlüsse an Hafenanlagen usw. bleiben dagegen in nationaler Verantwortung. Die drei Regierungen müssen sich außerdem darum kümmern, für die Rail Baltica die 40 bis 60 Meter breiten Flächen für die Trasse bereitzustellen. Allein auf lettischem Territorium schlugen die Planer 56 Varianten vor. 15 Kommunen sind vom Projekt betroffen. Enteignungen und Auswirkungen auf die Umwelt mussten besprochen werden. Die Anwohner wurden in öffentlicher Anhörung informiert. Bauhistoriker verzeichnen für Lettland einen neuen Rekord: Im Februar und März 2015 erfolgte das bislang umfangreichste Planfeststellungsverfahren mit Bürgerbeteiligung (railbaltica.info).

Nord-Express

Nordexpress-Schlafwagen vor dem Zweiten Weltkrieg, damals benötigte ein Zug für die Direktverbindung Riga-Berlin etwa 15 Stunden, in den 80er Jahren, vor dem Aufkommen der Billig-Airlines, war man mit einem Kurswagen zwischen diesen Hauptstädten mehr als 30 Stunden unterwegs, an der Grenze zu Polen müssen die Waggons auf westeuropäische Spurweite umgestellt werden und die alten Bahnstrecken sind nur mit geringer Geschwindigkeit befahrbar, Foto: Saite

Bremsende Litauer

Bis zum 25.1.2017 blieb unklar, ob auch die neue litauische Regierung dem Vertrag zustimmen würde (lsm.lv). Saulius Skvernelis, der Ministerpräsident des südlichen Nachbarn Lettlands, hatte ursprünglich mehr Bedenkzeit gefordert und erst am Mittwoch Zustimmung signalisiert. Skvernelis regiert erst seit wenigen Wochen. Er erklärte das Zögern damit, dass sich sein Kabinett mit den Plänen vertraut machen müsse. Roberts Zīle, Europaabgeordneter der Nationalen Allianz, hält den litauischen Elan prinzipiell für begrenzt. Nach seiner Auffassung sind litauische Eisenbahner traditionell auf die breitere russische Spurweite fixiert. Kaunas ist demnach vorrangig ein Umschlagsplatz für Ware zwischen Russland und der Exklave Kaliningrad. „Damit haben für sie schnelle Investitionen in das [Rail-Baltica-]Projekt keine Priorität“. Der lettische Politiker glaubt, dass auch von russischer Seite „gebremst“ werde. Hinzu komme der litauische Wunsch, größere Rail-Baltica-Aufträge an Land zu ziehen, als es der Vertrag vorsehe. „Ich ahne, dass er von litauischer Seite bestritten werden könnte.“ Zīle kritisiert auch die Polen, die sich nicht beeilten, ihre Bahnstrecke zwischen Warschau und Litauen zur Schnellstrecke auszubauen (lsm.lv). Die Rail Baltica wird Tallinn, Riga und Kaunas verbinden. 265 Kilometer werden über lettisches Gebiet führen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit für Passagierzüge soll 170 km/h betragen, mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 240 km/h. Viereinhalb Stunden benötigt solch ein Expresszug, um von Tallinn aus die litauisch-polnische Grenze zu erreichen. Die Rail Baltica wird folgende lettische Gemeinden durchqueren: Salacgrīva, Sēja, Inčukalns, Ropaži, Garkalne, Stopiņa, Salaspils, Baldone, Mārupe, Olaine, Ķekava, Iecava und Bauska. Vor Riga gabelt sich die Trasse: Güterzüge, die nicht zum Rigaer Hafen müssen, werden über den Daugava-Stausee bei Ogre geleitet (YouTube-Animation). Passagierzüge erreichen über eine Schleife in die Innenstadt den Rigaer Hauptbahnhof. Der Großraum der lettischen Hauptstadt erfordert den größten Aufwand: Für die Güterzugtrasse muss man z.B. eine neue Brücke über die Daugava bauen. Von den vorgesehenen Investitionen in Höhe von 3,6 Milliarden Euro werden bis zu 2 Milliarden für die lettische Teilstrecke benötigt. Etwa 80 Prozent davon kommen aus EU-Fonds. Die Bauarbeiten sollen in zwei Jahren beginnen. 2025 werden die Gleisarbeiter ihr Werk vollendet haben. Ab 2030 können Rail-Baltica-Passagiere, so Kaczyński will, bis Warschau durchlösen. Wann sie danach bis Berlin fahren und dann vielleicht sogar schon am Schönefelder Willy-Brandt-Flughafen aussteigen können, das steht derzeit noch nicht fest.

 

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