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Münster, 21.11.2019
Lettgaller wegen einer geplanten radioaktiven Lagerstätte in Litauen besorgt PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 10. Mai 2019 um 00:00 Uhr

Die radioaktive Vermüllung der Welt als unlösbares Problem

Akw Ignalina"Unsere Verpflichtung auf Bewahrung des Mülls für ein Minimum von 15.000 Jahren Halbwertzeit macht jetzt bereits alles zeitliche Handeln zu einer Verwirklichung von Ewigkeit. Wir stiften Ewigkeit," meint der Fluxus-Theoretiker Bazon Brock, der eine eigene „Denkerei“ betreibt (bazonbrock.de). Die Lagerung des Atommülls ist für ihn, nicht nur für ihn, ein unlösbares Problem, das sich die Menschheit, die dem Konsumismus frönt, selbst geschaffen hat. Da radioaktive Abfälle das nachhaltigste sind, was jemals von der Spezies produziert wurde, die sich so stolz Homo „Sapiens“ nennt, – selbst Pyramiden können mit der Haltbarkeitsdauer des Atommülls nicht konkurrieren – muss ein Weg gefunden werden, mit diesem Problem umzugehen – und zwar während einer Dauer, die für die Menschheit nahezu Ewigkeit bedeutet. „Damit Zukunft wahrscheinlich wird und die potentielle Zerstörung des genetisch verankerten Reproduktionsprogramms des Lebens verhindert werden kann, sind also bestimmte Formen der fürsorglichen Verehrung des endzeitgelagerten radioaktiv strahlenden Mülls zu entwickeln,“ meint Brock. Was er unter der „fürsorglichen Verehrung“ versteht, erfahren Sie am Ende des Artikels. Zuvor handelt letzterer aber profan von aktuellen Besorgnissen in der ostlettischen Region Lettgallen: Dort fürchten die Anwohner der lettisch-litauischen Grenze ein geplantes Lager für radioaktive Abfälle, das in den nächsten Jahren in der Nähe des abgeschalteten Atomkraftwerks Ignalina entstehen soll.

Das stillgelegte Akw von Ignalina, die Abbrucharbeiten sollen bis 2038 dauern, Foto: Julo - Eigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Experten und Verantwortliche beschwichtigen

Der Kreis von Daugavpils grenzt unmittelbar an Litauen und die gleichnamige Stadt befindet sich nur 30 km von der Grenze entfernt. Der litauische Plan, in den nächsten vier bis fünf Jahren gleich in der Nähe zum lettischen Nachbarn ein Lager für leicht- und mittelradioaktive Abfälle einzurichten, besorgt lettische Anwohner und Kommunalpolitiker. Der strahlende Müll stammt vom Atomkraftwerk Ignalina, das 2009 abgeschaltet wurde. Es entspricht dem Tschernobyl-Typ; die EU hatte bei den Beitrittsverhandlungen von der litauischen Regierung gefordert, die vier Blöcke dieses Kraftwerks stillzulegen. Nun finanziert Brüssel die Dekonstruktion des Akw sowie die Lagerung seiner radioaktiven Hinterlassenschaft. 50 Millionen Euro sind allein für die ersten Maßnahmen vorgesehen.

Viktors Ognerubovs, der Projektleiter dieser Lagerstätte ist, hält Besorgnisse für unbegründet: Alles werde getan, um eine radioaktive Verseuchung zu verhindern. Es handele sich lediglich um mittelschwer belastete Abfälle: „Größtenteils sind es metallische und einzementierte radioaktive Abfälle, welche in der Zeit entstanden sind, als das Atomkraftwerk in Betrieb war. Der benutzte Brennstoff wurde in Matrizen einzementiert und in 200 Liter große Fässer eingelagert. Diese Fässer kamen in spezielle Container, die ebenfalls von Beton umgeben sind. Auf diese Weise entstand die finale Konstruktion: Container aus Stahlbeton, in denen diese radioaktiven Abfälle aufbewahrt werden,“ erläuterte Ognerubovs (lsm.lv). Die Container sollen mit einer zwei Meter dicken Lehmschicht und weitere drei Meter hoch mit Sand und Steinen bedeckt werden. Auch Juris Soms, Professor der Universität Daugavpils, beschwichtigt. Jedes Objekt, das Risiken berge, sei in unmittelbarer Nachbarschaft nicht angenehm; doch Litauens Regierung unternehme alles, was notwendig sei. Die Diskussionen über Gefahren hält Soms für „mehr auf emotionalem Niveau“.

 

Kommunalpolitiker und Anwohner auf lettischer Seite protestieren

Einige befragte Anwohner auf lettischer Seite sind anderer Ansicht. Sie sorgen sich um die Gesundheit der Kinder, Menschen seien schon wie die Fliegen an Radioaktivität gestorben, deshalb solle sie von der Grenze verschwinden. Andrejs Elksnins (Saskana), Bürgermeister von Daugavpils, unterstützte Anfang April diese Forderung: „Wir alle sind gegen den Bau dieser Lagerstätte im Radius von 25 bis 30 km von Daugavpils entfernt. Wir haben dem Ministerium für Umwelt und regionale Entwicklung (VARAM) und dem Innenministerium Briefe geschickt, damit in den Außenbeziehungen Lettlands Position klar und deutlich werde, um nationale Interessen zu vertreten.“

 

Ministerium hält das litauische Vorhaben für hinreichend sicher

Doch VARAM antwortete eine Woche später nicht im Sinne lettgallischer Besorgnisse. Bereits 2004 sei Lettland über den litauischen Plan informiert worden. Im Jahr darauf seien von litauischer Seite die Auswirkungen auf die Umwelt ausgewertet und dargestellt worden, die Bürger hätten damals Gelegenheit gehabt, sich zu informieren und auf Anhörungen entsprechende Fragen zu stellen. Solch eine Bürgerversammlung habe damals auch in Daugavpils stattgefunden. VARAM zeigt sich davon überzeugt, dass der baltische Nachbar höchste Sicherheitsstandards einhalten werde. Unklar bleibt nach bisheriger lettischer Berichterstattung, wie gefährlich der einzulagernde Atommüll wirklich ist. Während Ognerubovs von benutztem atomaren „Brennstoff“ spricht, der mit Matrizen und Beton verhüllt wurde und sich aus dem obigen Zitat schließen lässt, dass auch solcher im geplanten Lager untergebracht werden soll, geht das Ministerium davon aus, dass sich kein „benutzter Brennstoff“ im Müll befindet (tvnet.lv).

 

Proteste wurden ignoriert

Im Gegensatz zum Ministerium, das den Eindruck erweckt, die Bürger und politischen Vertreter von Daugavpils hätten es versäumt, zur rechten Zeit Beschwerden vorzutragen, weisen Kommunalpolitiker darauf hin, dass ihr Protest gegen das litauische Vorhaben ignoriert worden sei. Nach einem Zitat auf der russlandfreundlichen Sputnik-Webseite, das von Rita Strode (damals Latvijas Cels) stammt, die in der fraglichen Zeit Bürgermeisterin von Daugavpils war, habe man die scharfen Proteste überhört, die sowohl von der Stadt als auch vom Kreis Daugavpils ausgegangen seien.

Arvids Kucins (Daugavpils Novada Partija), derzeitiger Vorsteher des Kreises Daugavpils, ist gleichfalls der Ansicht, dass die Kritik niemanden interessiert habe. Er könne dem Ministerium entsprechende Dokumente vorlegen. Doch nun sei das Projekt beschlossen und nähere sich der Realisierung. Am traurigsten sei das Verhalten der lettischen Regierung, die sich mit dem Problem nicht auseinandersetze und die litauischen Nachbarn nicht behelligen wolle. „Unsere Regierung tut so, als ob sie ignoriere, was dort geschieht.“ Eigentlich müsse sie für die Grenzbewohner eine Schutzfunktion ausüben. Dafür müssten internationale Beschlüsse gefasst werden, der Einfluss der Gemeinden sei dafür zu gering. (sputniknewslv.com)

 

Kathedralen für den Atommüll

Und was schlägt Bazon Brock vor? Er ist der Ansicht, dass Atommüll als unlösbares Problem ein nahezu ewig fortwährendes Risiko bedeutet. Er befand sich einmal in einer Arbeitsgruppe, die sich mit der Frage beschäftigte, wie man eventuelle Nachfahren (falls solche noch existieren werden) in Tausenden von Jahren vor radioaktiven Abfällen warnt. Angesichts des Umstandes, dass sie voraussichtlich weder unsere Sprache noch unsere Zeichen verstehen werden, blieb die Expertenrunde ohne Ergebnis.

Statt dessen will Brock um den Atommüll herum einen Kult gründen, so dass die Risiken stets im Bewusstsein der Menschheit gegenwärtig bleiben. Dieser Kult habe gegenüber den bislang praktizierten Religionen einen Vorteil: „Kulturelle Gotteskulte haben es in Israel, desgleichen in China oder in Altägypten auf höchstens 3.000 Jahre Verehrungsdauer gebracht. Im Vergleich dazu stiften die Kathedralen für den atomar strahlenden Müll kultische Fürsorgepflicht für den Zeitraum von mindestens 15.000 Jahren Halbwertzeit.“ Müllverehrung sei nachhaltiger als Gottesverehrung: „Denn wenn die kultische Bannung des atomar strahlenden Mülls nicht gelingt, wird es keine Menschen mehr geben, die ihren Göttern dienen könnten.“

Während verschiedenste Kulturen permanent aufforderten, „sich im Namen des Geltungsanspruchs ihrer Götter Religionskriege und Kulturkämpfe bis zum bitteren Ende zu liefern“, scheint die kultische Müllverehrung eine weltversöhnende und friedenspolitische Wirkmächtigkeit innezuhaben, weil er „Mitglieder aller Kulturen gleichermaßen zum Dienst an der Abtragung von Ewigkeitskosten menschlicher Schöpferkraft“ verpflichte. Vor atomarer Strahlung seien alle gleich und kulturell-religiöse Bekenntnisse unerheblich. Müllverehrung habe also den bislang stärksten bekannten Zwang zur Entwicklung einer einheitlichen Weltzivilisation jenseits aller sich feindlich gesinnten Kulturen zur Folge. Kathedralen der Müllanbetung müssten die höchste Auszeichnung unter allen konkurrierenden Kultstätten zugesprochen werden.

Vor diesem Ereignishorizont begreifen wir erst die Dimensionen des Konsumerismus: Wirklichkeitsangemessenes Konsumieren hieße, sein gesamtes Handeln als Befreiung der Welt von dem Allmachtswahnsinn der Produzenten zu verstehen, indem man sich den Konsequenzen des Geschaffenen, also der Vermüllung der Welt als schlussendlich unlösbarem Problem stellt.“ - So weit Bazon Brock.

 

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Ignalina vereint Osteuropa

 

Externe Linkhinweise:

ausgestrahlt.de: AKW-Abriss: Die Rechnung kommt am Schluss

youtube.de: What to do with nuclear waste? | Harald Lesch

 

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