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Münster, 15.11.2019
In Grenctale feierten Litauer und Letten 30 Jahre „Baltischer Weg“ PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Sonntag, den 25. August 2019 um 11:19 Uhr

Levits: Europa braucht eine gemeinsame baltische Handschrift

Baltischer WegDie Bilder waren vor 30 Jahren weltweit in Nachrichtensendungen zu sehen: Die baltische Bevölkerung hatte sich am Abend des 23. August 1989 auf den Straßen versammelt, um zwischen Vilnius, Riga und Tallinn eine 670 Kilometer lange Menschenkette zu bilden. Aufnahmen aus dem Hubschrauber belegten, dass die Kette, für die sich die Versammelten 15 Minuten lang an der Hand hielten, vollständig geschlossen war. Laut Schätzungen hatte etwa jeder dritte Balte an dieser Demonstration teilgenommen. Der „Baltische Weg“ war ein Höhepunkt der friedlichen Protestformen, mit denen Litauer, Letten und Esten die Unabhängigkeit von der UdSSR einforderten. Das Datum erinnerte an ein historisches Unrecht: Ein halbes Jahrhundert zuvor hatten Nazi-Deutschland und die Sowjetunion die mittelosteuropäischen Länder im Hitler-Stalin-Pakt unter sich aufgeteilt und bald darauf gewaltsam besetzt. Für die Balten folgten nach der Verwicklung in den Krieg der Großmächte Jahrzehnte der Fremdbeherrschung mit willkürlichen Hinrichtungen, Holocaust, Deportationen und Repressionen sowie die Unterdrückung der Sprache und der Kultur. Das friedliche Ereignis vom Spätsommer 1989 gelangte sogar auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Die Balten gedachten des baltischen Wegs am letzten Freitag mit zahlreichen Gedenkveranstaltungen. Ein Ort der Feierlichkeiten war das Dorf Grenctale, vier Kilometer von der lettisch-litauischen Grenze entfernt.

Die 670 Kilometer lange Menschenkette zwischen Vilnius und Tallinn, Foto: Fair use, Saite

Der 300-Seelenort Grenctale liegt an der stark befahrenen E 67, die die drei baltischen Länder verbindet. Neben einer Tankstelle und einem Gästehaus gehört auch ein Kulturhaus zur landwirtschaftlichen Siedlung aus sowjetischer Zeit. Von lettischer Seite erreicht man kurz hinter Grenctale die Grenze zu Litauen. Dort sieht man die leeren Zollhäuser, die für Autofahrer nur noch Erinnerungskulisse bilden. Seit dem Beitritt der baltischen Länder zum Schengen-Abkommen müssen Autofahrer hier (in der Regel) keine Pässe mehr vorzeigen.

Vor 30 Jahren war die E 67 bei Grenctale von Fußgängern bevölkert. Sie waren aus vielen Teilen Kurlands und Zemgallens angereist, um sich an der Menschenkette zu beteiligen. Letten und Litauer gedachten am Freitag im örtlichen Kulturhaus der Bekundung des baltischen Freiheitswillens. Unter dem Motto „Brüderlichkeit“ feierten die Versammelten mit Tanzgruppen, Chören und Musikern aus beiden Ländern, sahen den Film „Der baltische Weg zur Freiheit“ und konnten auch eine Fotoausstellung besichtigen, die das damalige Geschehen dokumentierte.

Wenige Kilometer entfernt trafen sich um 17 Uhr die Staatspräsidenten Litauens, Gitanas Nauseda, und Lettlands, Egils Levits, an der Grenze. Sie sahen die Flugkünste von Luftsportvereinen und begrüßten die durchfahrenden Teilnehmer der Autorallye Vilnius-Tallinn (bauskasdzive.lv).

In seiner Ansprache erinnerte Levits in Grenctale daran, wie sich innerhalb von drei Jahrzehnten die Möglichkeiten technischer Kommunikation gewandelt haben. Ende der achtziger Jahre waren die Demonstranten auf Festtelefon und Radio angewiesen, um solche Aktionen zu organisieren. Heutzutage ermögliche die digitale Welt viel umfangreichere Kommunikation, doch diese könne keinesfalls wirkliche Treffen, wirklichen Händedruck, wirkliche Blickkontakte und das wärmende Gefühl der Gemeinschaft ersetzen, das man nun nach 30 Jahren hier wieder gemeinsam erlebe.

Auch die Reisemöglichkeiten haben sich gewandelt. Levits wies auf die lettische Fluggesellschaft Airbaltic hin, die nun Riga mit vielen anderen Hauptstädten verbindet und auf die Railbaltica, die in naher Zukunft die baltischen Länder an das westeuropäische Schienennetz anschließen und „hoffentlich irgendwann“ (durch einen Unterwassertunnel, LP: hier) mit Finnland verbinden wird.

Levits mahnte angesichts bestehender regionaler und globaler „Herausforderungen“ die Bürger: Es reiche nicht, dass dereinst die ältere Generation die Unabhängigkeit erkämpft habe, „wir müssen uns jeden Tag für unser Land und für die Zukunft unseres Landes einsetzen.“ Vereint mit den Nachbarn Litauen und Estland könne man dies viel besser bewirken und auch in Europa gemeinsam mehr erreichen. „Wir sind für die Gestaltung Europas mitverantwortlich, und wir arbeiten mit den litauischen und estnischen Kollegen mit großer Verantwortung daran, damit in der gemeinsamen Politik Europas unsere - litauische, estnische und lettische - Handschrift lesbar ist.“ (president.lv)

 

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