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Münster, 01.10.2020
Das weißrussische Atomkraftwerk Astrawez wird mit Brennstäben bestückt PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 29. August 2020 um 00:00 Uhr

Lukaschenkos “schöner Bau” bald fertig

Atomkraftwerk AstrawezIm Schatten der weißrussischen Unruhen bleibt von der internationalen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, dass das Atomkraftwerk Astrawez (oder Ostrovets) kurz vor der Fertigstellung steht. Seit 2011 plant Alexander Lukaschenko, dessen Land besonders heftig von der Tschernobyl-Katastrophe heimgesucht wurde, sein an sowjetische Zeiten erinnerndes Prestige-Projekt. Es werde schön gebaut und es sei in seiner Konstruktion und Effizienz beispielhaft, meinte er vor einigen Jahren (LP: hier). Weißrussische Behörden informierten am 7. August 2020 ihre litauischen Kollegen, dass das Akw jetzt mit Kernbrennstäben bestückt werde. Nun wachsen in Litauen und Lettland die Befürchtungen. Die Balten werfen dem Nachbarland vor, internationale Sicherheitsstandards nicht zu beachten. Der lettische Ministerpräsident Krisjanis Karins will keinen Strom mehr aus Weißrussland beziehen, falls Astrawez am Jahresende ans Netz gehen sollte. Litauens Regierung appelliert an die USA, nun ähnlich wie bei Nord Stream 2 auch in dieser Angelegenheit einzugreifen.

Baugelände des Akw Astrawez im Jahr 2016, Foto: CC BY-SA 4.0, Link

Die russische Firma Atomstroiexport baut den ersten Block seit dem 8. November 2013 und den zweiten seit dem 27. April 2014. Die Druckwasserreaktoren sind für jeweils 1.194 Megawatt Leistung ausgerichtet. Astrawez wird mit russischen Krediten finanziert. Die deutsche Rolls-Royce-Tochter MTU in Friedrichshafen lieferte zehn Diesel-Notstromaggregate (mtu-solutions.com).

Umweltschützer protestierten 2012, dass Weißrussland für einen neuen Reaktortyp missbraucht werde, der noch unerprobt sei (atomkraftwerke.plag.wikia.org). Sie mussten für einige Tage ins Gefängnis oder eine Geldstrafe zahlen (taz.de).

Der direkte Nachbar Litauen, der auf Druck der EU sein eigenes Akw in Ignalina 2009 abschaltete und nach einem Referendum auf den Bau eines neuen Meilers verzichtete, lehnt die weißrussischen Atompläne mit Nachdruck ab. Astrawez liegt nur 30 Kilometer von der litauischen Grenze und 50 Kilometer von Vilnius entfernt, einer Stadt mit mehr als 500.000 Einwohnern. Das Kühlwasser werden die Betreiber der Neris entnehmen, dem Fluss, der anschließend durch die litauische Hauptstadt fließt.

Die litauische Regierung fordert Weißrussland auf, das Akw nicht in Betrieb zu nehmen. Lukaschenko habe auf eine günstige Bauweise zu Lasten der Sicherheit gedrängt und Empfehlungen internationaler Experten nicht berücksichtigt. Die litauische Aufsichtsbehörde VATESI beklagt, dass Weißrussland Fragen der Sicherheit und des Umweltschutzes nicht beantwortet habe, insbesondere zu Stresstests, Erdbebensicherheit, Unfallprophylaxe und Kontrolle (tvnet.lv).

Gitanas Nauseda, Litauens Präsident, fordert von der EU, Lukaschenkos Projekt nicht hinzunehmen. Wenn EU-Länder weiterhin Strom aus Weißrussland beziehen, könne das als Unterstützung des Regimes gewertet werden. Die baltischen Länder benötigen den Import von Elektrizität, auch Lettland kann den Bedarf nicht allein mit den eigenen Wasserkraftwerken decken. Ministerpräsident Krisjanis Karins hat nach einer Kabinettssitzung am 25. August 2020 angekündigt, dass sein Land keinen Strom mehr aus Weißrussland beziehen werde, falls das Akw in Betrieb gehe.

Zigimants Vaicuns, litauischer Energieminister, telefonierte am 31. Juli 2020 mit seinem us-amerikanischen Kollegen Dan Brouillette (tvnet.lv). Vaicuns bat die US-Regierung um Hilfe, um die weißrussischen Akw-Pläne doch noch zu stoppen. Zugleich bedankte er sich für das „aktive und effektive Engagement der USA“ bei der „Lösung“ der Nord-Stream-2-Frage. Zuvor hatte US-Außenminister Mike Pompeo jenen Firmen mit Sanktionen gedroht, die mit dem Weiterbau der Ostseepipeline beschäftigt sind (dw.com). Die USA zeigen sich besorgt, dass sich die EU abhängiger von russischem Erdgas mache, ist aber zugleich mit eigenem Fracking-Gas ein Konkurrent im Gasgeschäft. Litauen hat in seiner Hafenstadt Klaipeda ein eigenes Terminal zum Bezug von Flüssiggas eingerichtet. Nach Angaben Vaicuns` sind dort seit Oktober des letzten Jahres vier große US-Lieferungen mit Frackinggas eingetroffen.

 

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