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Münster, 24.8.2019
Polen stellen ihre Beteiligung am geplanten AKW Visaginas in Frage PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 09. Dezember 2011 um 21:22 Uhr

Trotz der Ereignisse in Fukushima hielten die Regierungen der baltischen Länder und Polens bislang daran fest, im litauischen Visaginas ein neues Atomkraftwerk zu errichten. Mit der Technik des japanischen Konzerns Hitachi soll es nur wenige Kilometer von der lettischen und weißrussischen Grenze entfernt gebaut werden. Der lettische Staatspräsident Andris Bērziņš zweifelte bereits im Sommer, ob sein Land finanziell in der Lage ist, sich am Bau der umstrittenen Anlage zu beteiligen. Nun stellen auch die Polen die milliardenteure Investition in Frage.

Im litauischen Visaginas soll ein neues Kernkraftwerk gebaut werden, Foto: Hugo.arg auf Wikimedia Commons

 

Polen wollen ein eigenes Akw

Der Leiter des polnischen Stromversorgers Polska Grupa Energetyczna (PGE), Tomasz Zadroga, wurde am 9. Dezember 2011 in den lettischen Medien zitiert. Angesichts der Umstände, die derzeit unannehmbar seien und angesichts weiterer bedeutender Projekte seines Unternehmens, hätten er und seine Mitarbeiter sich entschlossen, die Pläne für eine Teilnahme am litauischen Kraftwerksbau auf Eis zu legen. Für die PGE bedeutet das nicht den Ausstieg aus der Atomenergie. Der Plan für ein eigenes Akw auf polnischem Territorium hat nun Vorrang. Das polnische Vorhaben befindet sich erst in der Ausschreibungsphase. Die Polen planen, um das Jahr 2020 mit den Bauarbeiten zu beginnen.

Lettland deckt seinen Strombedarf nicht vollständig aus eigenen Kraftwerken. Die Wasserkraftwerke der Daugava, hier die Anlage in Plavina, sind Hauptbestandteil der lettischen Stromversorgung, Foto: Wikimedia Commons


Visaginas als "Business-Projekt"

Bis dahin soll der neue Druckwasserreaktor in Litauen schon Strom liefern und somit die Abhängigkeit der baltischen Länder von russischen Energielieferungen verringern. Die Regierungen in Vilnius, Tallinn und Riga zeigen sich unbeeindruckt vom Rückzug ihres westlichen Nachbarn. Den lettischen Regierungschef Valdis Dombrovskis überraschte die Ankündigung nicht. Lettland werde sich weiterhin am Akw-Projekt beteiligen, verkündete er in der LTV1-Sendung Panorama desselben Tags. Drei bis fünf Milliarden Euro Investitionskosten werden kalkuliert. Zadroga bezeichnete Visagina als „Business-Projekt“. Aber es ist fraglich, ob private Investoren eine solche Summe aufbringen. Die litauische Regierung und Hitachi halten dennoch am Zeitplan fest: Zu Beginn des nächsten Jahres sollen eine Aktiengesellschaft gegründet und Konzessionen erteilt werden, danach die ersten Bagger anrollen.

Der vom Netz genommene litauische Meiler Ignalina ist nach dem Prinzip des Tschernobyl-Reaktors konstruiert, die EU verlangte als Aufnahmebedingung von Litauen, dieses Kraftwerk abzuschalten, Foto: Julo auf Wikimedia Commons


Lettisches Geld für litauische Atomruine Ignalina?

Im Gegensatz zu Angela Merkel, die wie Dombrovskis ebenfalls Physik studiert hat, thematisiert dieser die Gefahren der Kernenergie nicht. Dies ist eine Gelegenheit für die lettischen Grünen, Position zu beziehen. Nach ihrer Fusion mit Aivars Lembergs` nationalkonservativer Bauernunion galten sie lediglich als Feigenblatt, das keinen besonderen Einfluss auf die lettische Politik hatte. Nach der letzten Wahl wurde die Union der Grünen und Bauern, die als Oligarchenpartei wahrgenommen wird, nicht mehr an der Regierung beteiligt. Der Vorsitzende der Latvijas Zaļās partija/ Lettlands Partei der Grünen, Edgars Tavars, kritisierte auf delfi.lv am Tag des polnischen Rückzugs, dass Dombrovskis` Regierung Visaginas nur nach ökonomischen Maßstäben bewerte. Daraus könne man folgern, dass Leben und Gesundheit für sie keinen besonderen Wert darstellten. Außerdem sei nicht klar, wie hoch die Investitionskosten überhaupt werden, die auf Lettland zukommen. Sein Parteifreund Viesturs Silenieks erinnerte daran, dass Litauen sich international verpflichtet habe, den abgeschalteten Grafitreaktor Ignalina zu beseitigen. Dafür habe die EU beträchtliche finanzielle Mittel bereit gestellt. Diese habe das Nachbarland aber zur Bewältigung der jüngsten Finanzkrise verwendet. Nun bewillige Brüssel kein Geld mehr. Litauen benötige jetzt offenbar lettisches Geld, um seine nuklearen Probleme zu lösen.


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Externe Linkhinweise:

ir.lv: Polija iesaldē dalību Visaginas AES projektā

delfi.lv: Latvijas Zaļā partija: Latvijas valdībai nauda vērtīgāka par cilvēku dzīvību?

 

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