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Münster, 30.4.2017
Lettland: Rätselraten um Investoren und Preis - US-Holding Ripplewood will sich an der Citadele-Bank beteiligen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 19. September 2014 um 00:00 Uhr

Neue Citadele-Zentrale hinter BaumästenDer Name „Parex“, unter dem Waleri Kargin und Wiktor Krassowizki ihre Bank als ganz großen Mitspieler an den Finanzmärkten platzieren wollten, erwies sich ab Herbst 2008 als ein Unwort der lettischen Volkswirtschaft. Die größte Bank in lettischem Privatbesitz hatte sich mit Immobilien- und Wertpapiergeschäften verspekuliert. Kurz nach der Lehman-Pleite hielt die damalige Regierung die bankrotte Parex-Bank für systemrelevant. Ihr Erhalt erforderte nicht nur hunderte Millionen Lats vom lettischen Steuerzahler. Lettland geriet selbst in Verdacht der Zahlungsunfähigkeit und musste schließlich einen 7,5-Milliarden-Kredit von EU, Internationalem Währungsfonds (IWF), Schweden und Dänemark beanspruchen. Fortan diktierten Manager des IWF und der Weltbank die Kürzung des lettischen Staatshaushalts – mit denen in der LP oftmals beschriebenen Folgen. Die Parex-Krone verschwand von den roten Reklameschildern. Die Krisenverwalter nennen den „guten“, also profitablen Teil der Geschäftsbank seit 2010 „Citadele Banka“, den „schlechten“, also hoffnungslos verschuldeten Teil, seit 2012 „Reverta“. Letztere wird wohl noch lange den Steuernzahlern treu bleiben. Laut Nachrichtenagentur LETA schuldet die Reverta dem Staat derzeit 759,3 Millionen Euro. Die Citadele begnügt sich hingegen mit 174,2 Millionen und erwirtschaftet inzwischen wieder Gewinn. Immerhin vermochten die Parex-Krisenmanager fast die Hälfte der staatlichen Rettungszahlungen wieder einzutreiben. 2009 erreichten sie den Höchststand von 1,734 Milliarden Euro, diese Summe hat sich bis Ende August 2014 auf 933,5 Millionen verringert. In Zeiten, wo die Machenschaften der Privatbanken ins Gerede gekommen sind, könnte die Citadele eigentlich eine solide Staatsbank bleiben. Doch die EU-Kommission besteht auf ihren Verkauf bis zum 30.9.2014 – vier Tage vor der lettischen Parlamentswahl. Daher begab sich die lettische Regierung im letzten Jahr auf eine umstrittene Käufersuche. Sie wählte den US-Finanzinvestor Ripplewood. In Deutschland hat dieses Unternehmen schon für unrühmliche Schlagzeilen gesorgt.

Die neue Citadele-Zentrale in Riga, Foto: LP

 

Finanzleute von Weltniveau

Die Ripplewood-Manager wollen einen Aktienanteil von 25 Prozent erwerben. Die Hälfte der  Bankanteile sollen weitere Investoren aus dem Umfeld der Amerikaner erhalten. Ihre Namen sind bislang geheim. Das restliche Viertel bleibt im Besitz der öffentlichen Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Regierungschefin Laimdota Straujuma zeigte sich in einem LNT-Fernsehinterview (17.9.14) von den Käufern überzeugt. Es seien Finanzleute von Weltniveau, alle aus Übersee, USA, Kanada. Tim Collins, Boss der Ripplewood-Holding, begnügte sich am 16.9.14 gegenüber Journalisten ebenfalls mit Andeutungen. Die Investoren seien Politiker und Unternehmer aus den USA, „wohlhabende ehemalige Regierungsleute und erfolgreiche Unternehmer“. Ripplewood habe vertrauenswürdige Personen gewählt, welche auch längerfristig in die Entwicklung der Bank investierten. In einem Interview mit LETA bezeichnete Collins am 19.9.14 die Citadele-Bank als „großartige Plattform“, um zunächst in Lettland, dann in der baltischen Region Fuß zu fassen. Lettland sei Mitglied der EU und der NATO und die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft in Europa. Auch in geopolitischer Hinsicht sei Lettland sehr wichtig. Der örtliche Markt habe Vorrang. Die Investoren sähen zahlreiche Möglichkeiten, Verbrauchern, kleinen und mittleren Unternehmen „zu helfen“.

Historistische Bankhausfassade mit Fahnen

Ehemalige Parex-Bank-Zentrale in Riga, Foto: LP

Wer bietet weniger?

Lettische Journalisten betrachten diesen Handel skeptisch. Über den Kaufpreis, der ebenso wie die Namen der Investoren bis zum 30. September geheim bleibt, wird zahlreich spekuliert. Ripplewood-Vertreter schauten in die Citadele-Bücher und hielten das Angebot der Regierung für zu teuer. Straujuma und ihre Minister möchten die Bank für 113 Millionen Euro verkaufen. Das entspricht nur annähernd dem, was der „gute“ Teil der ehemaligen Parex-Bank dem Steuerzahler noch schuldet. Jetzt zeigt sich, dass der Kaufpreis noch gar nicht feststeht. Lettische Medien spekulieren nun über das, was Ripplewood noch zu zahlen bereit ist. Die LTV-Nachrichtensendung Panaroma (17.9.14) nannte beispielsweise die Summe von 63 Millionen. Aber Straujuma dementierte, der Preis sei höher. Wie im Falle des insolventen Stahlproduzenten Metalurgs ist auch in diesem Fall von einem zweiten Kaufinteressenten die Rede: Der russische Wodka-Oligarch Juri Shefler, der im Exil lebt und der auch in Riga Hochprozentiges produzieren lässt, soll laut LNT-Nachrichten (17.9.14) 130 Millionen geboten haben. Die investigative Webseite pietiek.com wittert Korruption, nennt Personen im Umkreis der Regierungspartei Vienotība, die unrühmliche Baugeschäfte unternahmen und sich nun im Citadele-Handel engagierten. Die Geheimniskrämerei der Regierung lässt viele Fragen offen. Pietiek kommentierte ihre Strategie am 16.9.14 so: „Die Geheimhaltung des Verkaufs der Citadele-Bank wird mit staatlichen Interessen und Geschäftsgeheimnissen begründet, doch in diesem konkreten Fall wird sie auch benutzt, um die tatsächlichen Bankkäufer und ihre Vermittler vor der Gesellschaft und vor einer kritischen Betrachtung durch die Medien zu verheimlichen. Daher gibt es keine offiziellen Dokumente, welche die Identität der Bieter und die gemachten Angebote bezeugten, nur Versicherungen von Regierungsvertretern und Lobbyisten, die mit den Verhandlungen verbunden sind und ein paar Details verkünden.“

Hansel-Sitz

Die Firma Honsel in Meschede, Foto: Stefan Flöper auf Wikimedia Commons, Lizenz

Deutsche Erfahrungen mit Ripplewood

Die Ripplewood Holdings und ihr Brüsseler Ableger Ripplewood Holdings Japan International (RHJI), beide von Tim Collins geführt, beteiligen sich an Banken und Industrie-Unternehmen. In Deutschland fabrizierten die Amerikaner vorwiegend negative Schlagzeilen. 2010 musste die Firma Honsel in Meschede Insolvenz anmelden. Sechs Jahre zuvor hatte die RHJI den Automobilzulieferer aufgekauft. Das Geld hatten sich die RHJI-Manager geliehen und diesen Kredit dann den Sauerländern aufgebürdet. Trotz guter Auftragslage kam das Unternehmen nicht mehr aus den roten Zahlen heraus. Zwar wurden die Arbeitsplätze gerettet, doch Honsel musste Werke und Tochterfirmen verkaufen und wurde von einem kanadischen Konkurrenten übernommen. Im Krisenjahr 2009 war RHJI kurzzeitig als Käufer des Opelkonzerns im Gespräch. Der thüringische Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz schreckte auf. Er fürchtete, dass der Finanzinvestor den Opel-Standort Eisenach schließen würde. Bei Ripplewood mischen übrigens Vertreter des deutschen Establishments mit: Tagesspiegel-Journalistin Sonja Pohlmann berichtete am 18.7.2009 über die Nebentätigkeit des Springer-Chefs Mathias Döpfner. Dessen „Bild“-Zeitung favorisierte RHJI als Opelkäufer - dass ihr oberster Chef Döpfner einen Stuhl im Aufsichtsrat des Finanzinvestors innehat, verrieten die Boulevardzeitungsmacher ihren Lesern nicht. Neben Collins ist der ehemalige Investmentbanker der Dresdner Bank, Leonhard Fischer, zweiter Chef der RHJI. Laut lobbypedia.de betätigt sich der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Michael Glos als Berater dieser Finanzholding. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete Ripplewood als „Heuschrecke“.

 

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Externe Linkhinweise:

sueddeutsche.de: Honsel insolvent Heuschrecke zerlegt Automobilzulieferer

tagesspiegel.de: Medien Freunde für Opel

bilanz.ch: Wodkakönig Juri Shefler: In Genf gelandet

bizness.delfi.lv: Pašlaik kopējais valsts atbalsts 'Citadelei' un 'Revertai' ir 933,5 miljoni eiro

diena.lv: Straujuma: Citadeles pircēji ir pasaules augstākā līmeņa finanšu cilvēki

diena.lv: Ripplewood Holdings: Latvija sasniegs ekonomisko izaugsmi, ja izvēlēsies mūs kā Citadeles investorus

apollo.lv: Par «Citadeli» varot samaksāt tikai 65-70 miljonus eiro

pietiek.com: Pār "Citadeles" pārdošanu gulst korupcijas ēna

 

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