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Münster, 18.6.2018
Lettische Nationalkonservative bestehen auf Gedenktag für SS-Legionäre PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 17. März 2018 um 00:00 Uhr

Antifaschistische Proteste, ein Gegendemonstrant wurde festgenommen

Lettische Legionaere am Nationaldenkmal

Parlamentarier der mitregierenden Nationalen Allianz (NA) haben diese Woche versucht, den umstrittenen 16. März, an dem die SS-Legionäre mit Gesinnungsfreunden zum Nationaldenkmal ziehen, zum staatlichen Gedenktag zu erklären. Sie scheiterten nur knapp. Von den 100 Saeima-Abgeordneten nahmen nur 77 an der Abstimmung teil, 21 (die NA hat nur 17 Vertreter) stimmten dafür, dagegen waren 25 - und 31 enthielten sich. Obwohl der Innenminister alljährlich vor Ausschreitungen warnt, blieb die Rigaer Innenstadt auch diesmal weitgehend friedlich. Die Polizei nahm allerdings zwei Personen fest, einen Betrunkenen und einen Gegendemonstranten.

Alle Jahre wieder - Lettische Legionäre am Nationaldenkmal, Foto: LP

 

NA: Die Angehörigen der Verstorbenen nicht belehren...

Ritvars Jansons begründete für die NA am 15. März 2018 den Antrag seiner Fraktionskollegen: Während des Zweiten Weltkriegs sei die Okkupation Lettlands erfolgt, welche die Haager Konvention von 1907 verletzt habe. Nach dem Völkerrecht sei es verboten, Einwohner eines besetzten Territoriums für die eigene Armee zu rekrutieren. „In Anbetracht dessen, dass als Ergebnis der kommunistischen und dann auch der nazistischen Okkupation der lettische Staat nicht fähig war, die Rechte seiner Bürger zu schützen, sind diese Personen als Opfer von Kriegsverbrechen anzusehen und haben Unterstützung vom lettischen Staat als auch von gesellschaftlicher Seite verdient. Auch eine ehrenhafte Erinnerung an den Gedenktagen. Einerlei, ob die Erinnerung an den offiziell anerkannten Gedenktagen – 8. Mai, 17. Juni, 23. August, 11. November oder an irgendeinem anderen Datum erfolgt, welches für die eigenen Soldaten, ihre Verwandten und in der Gesellschaft bedeutsam ist. Einer von diesen Gedenktagen ist der 16. März, an welchem Soldaten gedacht und kein Fest gefeiert wird, wie die Leugner des Gedenkens es zu interpretieren versuchen. Auch die Soldaten des 16. März, die ihren Gedenktag selbst wählten, haben ein ehrenvolles Gedenken verdient. Man kann doch nicht die Angehörigen der Verstorbenen belehren – gedenke den eigenen Toten zusammen mit anderen Toten.“ (saeima.lv)

Silgaidis

Arturs Silgaidis, Foto: Neaizsargāts darbs, Saite

Letten für besondere Aufgaben der Wehrmacht

Doch gerade die Wahl dieses Datums ist fraglich. Am 16. März 1944 begann am Velikaja-Fluss, 60 Kilometer östlich der lettischen Landesgrenze, eine Schlacht zwischen der Deutschen Wehrmacht und der Roten Armee. Auf der Seite der Deutschen kämpften beide Divisionen der lettischen SS-Legion, denen es vorübergehend gelang, einen verlorenen Hügel zurückzuerobern, doch nach einer Woche wurden sie wieder zurückgedrängt. Nach dem 2. Weltkrieg gründeten lettische Kriegsveteranen im Westen den Verein „Daugavas Vanagi“. Zu den Initiatoren zählten damals zwei führende Personen dieser SS-Legion, Generalinspekteur und SS-Gruppenführer Rudolfs Bangerskis sowie der Leiter des Generalinspekteursstabs, Oberführer Arturs Silgailis. LTV-Journalist Martins Kibilds (lsm.lv) beschreibt die beiden Schlüsselfiguren als Hitlers Kollaborateure: „Im Unterschied zu vielen, welche zwangsweise rekrutiert wurden, leisteten sie Hitler wohlwollend den Eid […].“ Kibilds erwähnt, dass Hitler, als sich seine Armee noch im Eroberungsmodus befand, gar kein Interesse an Legionären hatte, zwar wurden schon bei der Besatzung Lettlands Einheiten lettischer Hilfspolizisten gebildet, die sich am Holocaust der SS beteiligten, doch sie wurden nicht als Soldaten eingesetzt. Erst nach der Niederlage von Stalingrad formte die SS sogenannte Freiwilligen-Legionen. Lettische Historiker sind der Überzeugung, dass die Mehrheit der 115.000 lettischen Legionäre von der SS zwangsweise eingezogen wurden. Weil Zwangsrekrutierung völkerrechtswidrig war, nannten die Nazis sie „Freiwilligen“-Verbände. Wer sich weigerte, musste ein halbes Jahr im Nazi-Lager Salaspils zubringen. Von lettischer Seite wird auch betont, dass die lettischen Legionäre nicht an Kriegsverbrechen beteiligt waren und vom Nürnberger Tribunal freigesprochen wurden. Mit den Deutschen kam auch Arturs Silgailis nach Lettland zurück, der wegen antikommunistischer Tätigkeit vor der Roten Armee geflohen war. Im Deutschen Reich hatte er unter der Obhut des Nazi-Sicherheitsdienstes (SD) die Vereinigung nationaler lettischer Soldaten (Latviesu nacionalo karaviru savieniba) gegründet. Sie stand der Wehrmacht für besondere Aufgaben zur Verfügung. Nach seiner Rückkehr in die Heimat arbeitete er in Riga für die deutsche Generaldirektion des Inneren und war für die Aufstellung von Polizeieinheiten verantwortlich. 1943 wurde er dann Befehlshaber der 15. Division, einer lettischen SS-Legion. Manche glaubten der deutschen Propaganda, sie könnten an der Seite des nazistischen Deutschlands für die Befreiung ihres Landes kämpfen. Tatsächlich sahen die Nazi-Pläne für Osteuropäer, auch für die Letten, nur Unterdrückung, Aushungern und Vertreibung bis jenseits des Urals vor. Kibilds fragt rhetorisch, ob alle Letten Nazis waren: „Natürlich nicht. Bis 1940 waren die Deutschen für die Letten das verhassteste Volk gewesen – die ehemaligen Unterdrücker. Als 1939 die Deutschbalten aus Lettland ausreisten, verhehlte die lettische Gesellschaft ihre Freude nicht: `Auf Wiedersehen!`“ - Die Deutschen sollten schon bald wiederkommen.


Antifaschistisches Plakat

Der deutsch-russische Gegendemonstrant, der dieses Plakat trug, wurde festgenommen (sputniknewslv.com) festgenommen. "Freiheitskämpfer arbeiten" - steht auf diesem Plakat, Foto: LP

Antifaschistische Proteste

Alljährlich entfacht der Gedenktag antifaschistische Empörung. In diesem Jahr nahmen nach polizeilicher Schätzung 1500 Demonstranten - Veteranen und ihre Angehörigen oder nationalkonservativ Gesinnte -  am Umzug zum Nationaldenkmal teil. Etwa ein Dutzend Gegendemonstranten, unter ihnen die Politikerin Tatjana Zdanoka, protestierten (lsm.lv). Unter ihnen befand sich auch ein deutsch-russischer Antifaschist, der ein Foto von einer Massenerschießung hochhielt und dazu auf Handzetteln folgende Erklärung bot: „Those who stay here concerning the Legionärs Day, celebrating their temporary victory over a member of the Antihitlercoalition, they celebrate the fact that the liberation of Auschwitz has been delayed, if only for a moment. A country doing this has no understanding of European values and should no longer be a member of the EU.” Polizisten nahmen den Antifaschisten fest. In Deutschland riefen die Vereinigten Verfolgten des Naziregimes zu einer Mahnwache in Frankfurt auf und begründeten ihren Protest: “Der Rigaer `Ehrenmarsch` ist eine unerhörte Provokation für alle Hinterbliebenen und Angehörigen der Opfer des Terrors der lettischen Polizei- und SS-Verbände, wie auch für die jüdischen, die russischsprachigen und andere Minderheiten im Land. Er steht im Gegensatz zu den Grundwerten der Europäischen Union, deren sonstige Vorzüge der lettische Staat andererseits gerne entgegennimmt. Er ist wegen der damit verbundenen Provokation der Russischen Föderation auch eine Gefahr für den Frieden in Europa.“ (dfg-vk-hessen.de)  Kibilds empfiehlt ebenfalls, das Gedenken am 16. März zu beenden: „Logisch, dass das europäische Wertesystem niemals eine Feier akzeptieren wird, in der in irgendeiner Form einer Nazi-Armee ehrenvoll gedacht wird. Und das ist richtig. Wir haben in unserem Gedenktagskalender schon jetzt sechs Tage für die Opfer des Kommunismus` und drei für die Opfer des Nazismus`. Und dazu noch sechs Gedenktage diverser Kämpfer. Die größte Ehre für Legionäre wäre es, am Lacplesis-Tag [dem Soldatengedenktag] geehrt zu werden – und nicht als irgendwelche besonders heiklen Ausnahmeexemplare der Geschichte, sondern als echte lettische Soldaten.“


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