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Münster, 01.10.2020
Riga: Keine “Covid-19-Radwege” in diesem Jahr PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 27. August 2020 um 00:00 Uhr

Planung provisorischer Radwege gescheitert

Schlechter Fahrradweg in Riga“Wenn ein derart entwickeltes Land wie Deutschland in der Lage ist, vom Autoverkehr abgetrennte Radwegenetze innerhalb von zehn Tagen nach dem Beschluss einzurichten, dann hat Lettland überhaupt keine Ausrede, das nicht noch schneller zu vollbringen,” meinte Rigas Bürgerinitiative “Eine Stadt für die Menschen” (pilsetacilvekiem.lv) Ende April und forderte die Verantwortlichen auf, wegen der Covid-19-Pandemie provisorische Radwege zwischen dem Zentrum der lettischen Hauptstadt und den dicht besiedelten Außenvierteln vom Autoverkehr abzugrenzen. Die Initiative hatte dazu bereits virtuelle Bilder auf ihrer Webseite veröffentlicht. Die Umweltschutzorganisation Zala Briviba verlangte in einem Brief an die lettische Regierung, es Neuseeland gleichzutun: “Viele Städte in der Welt, darunter Berlin, Budapest, Paris, Montpellier, Denver, Vancouver, Montreal, Winnipeg, Portland haben begonnen, provisorische Radwege einzurichten, Neuseeland ist das erste Land der Welt, dessen Regierung einen solchen Ausbau der Infrastruktur zu 90 Prozent mitfinanziert.” (zalabriviba.lv) Der Stadt Riga jedoch will es nicht gelingen, zu den Weltmetropolen aufzuschließen; in ihr müssen sich die Radlerinnen und Radler mit einem ohnehin nur 68 Kilometer langen Radwegenetz begnügen, also mit einem, das kaum größer ist als dasjenige von Kleinstädten wie Ventspils oder Jurmala (Zum Vergleich: Mönchengladbach hat 420 Kilometer und gilt in Deutschland als ziemlich unattraktive Stadt für Radfahrer). Wegen Termin- und Planungsstreitigkeiten kündigte das Verkehrsdezernat den Vertrag mit dem Ingenieurbüro, das die provisorischen Radwege planen sollte. Fahrradfahrer hatten in der Verkehrsplanung der Rigaer Behörden jahrzehntelang keine Bedeutung.

Lettlands Fahrradfahrer auf schlechten Wegen, Foto: LP

LSM-Journalistin Mara Rozenberga erkundigte sich, weshalb die Verantwortlichen in der Hauptstadt, wo man sich mit einer entwickelten Infrastruktur für Radfahrer “nicht rühmen” könne, in diesem Sommer die Chance verpassten, vom Zentrum aus zumindest provisorische Radwege Richtung Purvciems und Kengarags zu eröffnen (lsm.lv), eigentlich waren fünf vorgesehen. Ende Mai hatte die Stadt über die Vorbereitungen informiert (rdsd.lv). Nach einer öffentlichen Ausschreibung erhielt ein örtliches Ingenieurbüro den Auftrag, das provisorische Radwegenetz zu planen. Es sollte innerhalb von zehn Tagen ein Konzept ausarbeiten. Rozenberga schreibt, dass die Ingenieure mit solchen Aufträgen Erfahrung haben; doch Viesturs Laurs, ein Vertreter des beauftragten Büros, beklagt sich, dass das Verkehrsdezernat für diese kurze Zeit zu detaillierte Pläne erwartet habe. Außerdem kamen ihm die städtischen Vertreter zu unflexibel vor, um unkonventionelle Lösungen zu finden. Das Dezernat hatte verlangt, die Wege Richtung Kengarags und Purvciems detailliert auszuarbeiten. “Und klar, jetzt sind wir die Schuldigen, die in dieser Zeit die Skizzen nicht mit hohem Detaillierungsgrad abliefern konnten. In einer Ausnahmesituation müsste man Lösungen finden, wie solche Dinge in der Verkehrsorganisation viel schneller zu verwirklichen sind,” meint Laurs und schiebt damit die Verantwortung auf die zuständige Behörde.

Auffahrten Südbrücke

Auch in Riga hat das Auto seit Jahrzehnten die Vorfahrt; hier die Auf- und Abfahrten der Südbrücke, Foto: LP

Martins Slimbahs, Leiter der Planungsabteilung des Verkehrsdezernats, wies gegenüber Rozenberga die Vorwürfe zurück. Das Dezernat habe kein Interesse daran gehabt, den Vertrag zu kündigen. Es habe Treffen mit der staatlichen Straßenbaufirma und weiteren Institutionen organisiert, damit die Planung beschleunigt werden könne, leider seien die Gespräche ohne Ergebnis geblieben, aber Vertrag sei Vertrag: “Die Vertragsbedingungen sehen konkret vor, wie das Schema innerhalb von zehn Arbeitstagen auszuarbeiten ist. Nach zehn Arbeitstagen haben wir den Vertrag nicht gekündigt. Jetzt ist der 25. August. Den Projektentwicklern haben wir ergänzend fast drei Monate gelassen, um den Plan auszuarbeiten. Das als strengen Vertrag zu bezeichnen - das stimmt nun wirklich nicht.” Die Stadt habe später die provisorischen in beständige Radwege verwandeln wollen, um sich so doppelte Planungskosten zu sparen. Nun erwägt das Dezernat eine neue Ausschreibung.

Fahrrad im Fenster

Eine Art, in Lettland das Fahrrad unterzubringen, Foto: LP

Ob provisorisch oder beständig, ob mit oder ohne Corona: Riga hätte neue Radwege in jeglicher Form nötig, denn lettische Städte sind für Radfahrer ein gefährliches Pflaster. Während insgesamt die Zahl der Unfälle zurückging, stieg die Zahl jener, in die Radfahrer verwickelt sind, von 500 im Jahr 2014 auf 670 im Jahr 2018 (lvportals.lv). Im internationalen Vergleich sind Lettinnen und Letten Fahrradmuffel. Im letzten Jahr benutzten nur 35 Prozent ein Fahrrad, nur sechs Prozent täglich. Nur 4 Prozent benutzen es für den täglichen Weg zur Arbeit, in den Niederlanden sind es 26 Prozent, in Deutschland 9 Prozent. Das liegt nicht zuletzt an den vielen notwendigen Einrichtungen, die man in Lettland nicht vorfindet: Nicht selten fehlen vor öffentlichen Gebäuden sichere Stellplätze, der nächste Ort ist oftmals nur über stark befahrene Landstraßen zu erreichen, wer in den Plattenbauvierteln der Vorstädte wohnt, muss sich meistens damit abplagen, den Drahtesel in die eigene Wohnung hochzuschleppen. Die Zahl der registrierten Räder hat sich allerdings seit 2013 nahezu verfünffacht, auf inzwischen etwa 50.000. Fahrradinitiativen und Umweltverbände fordern Politiker auf, mehr zu tun. Am 23. August 2020 demonstrierten die Einwohner des Vororts Darzini, weil sie befürchten, dass ein Radweg nicht in ihre Richtung verlängert wird (veloriga.lv). Das deutet darauf hin, dass dieses Verkehrsmittel auch hierzulande beliebter wird und die Fetischisierung des Automobils auch in Lettland irgendwann ein Ende finden könnte.


Externer Linkhinweis:

youtube.com: Die unentbehrlichen Autos 1969 (TV-Dokumentation)

 

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