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Münster, 24.8.2019
Letten uneins über eine Beteiligung an einem neuen Atomkraftwerk im litauischen Visagina PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Sonntag, den 17. Juli 2011 um 11:31 Uhr

AKW-Ruine in PolenNach dem Fukushima-Unglück will sich die lettische Regierung weiter an den litauischen AKW-Plänen beteiligen. Die Litauer halten daran fest, in Visagina zwei neue Blöcke zu errichten. Diese sollen ab 2020 Strom liefern, nur wenige Dutzend Kilometer von Daugavpils, der zweitgrößten lettischen Stadt, entfernt. Der frisch gekürte lettische Staatspräsident Andris Bērziņš zeigt nun aber Skepsis, ob sein Land dieses Vorhaben überhaupt finanzieren kann. Ihn plagen ökonomische Zweifel. Sicherheitsbedenken und ökologische Risiken erwähnte er nicht im Interview, das er der Tageszeitung NRA am 15.7. gab. Derweil unterstützen us-amerikanische Politiker die nuklearen Visionen der Balten und Polen. Neue Investoren scheinen auch in Sicht.

AKW-Ruine in Zarnowiec: Nach der Tschernobyl-Katastrophe wuchs der Widerstand, in Polen einen Atommeiler zu errichten. In den 90er Jahren lehnten die Polen in einem Referendum den Weiterbau des AKW ab. Doch heutzutage hegt die polnische Regierung neue Pläne, Strom mit Kernenergie zu erzeugen. Foto: Michal Kotas auf Wikimedia Commons.

 

Kein Geld für AKW-Pläne

Die Saeima-Abgeordneten wählten den ehemaligen Bankchef Anfang Juni überraschend zum Staatsoberhaupt. Bislang hat er nicht das Vertrauen der Bürger erworben, denn der vermögende Politiker ist ein Parteifreund des Oligarchen Aivars Lembergs. Nun positioniert er sich in der Frage, ob die Letten die Atompläne ihrer Nachbarn mitfinanzieren sollen. Eigentlich begrüßt er, dass die Litauer einen neuen Meiler bauen, dieser sei für die Nachbarn unbedingt notwendig. Aber eine Beteiligung seines Landes lehnt er ab. Als Grund nannte er die lettische Staatsverschuldung, Estland hingegen, das er zuvor bereist hatte, könne sich das leisten: “Ich bin der Ansicht, dass wir die Staatsschulden nicht vergrößern dürfen. Die letzten Daten, die ich von der Lettischen Zentralbank erhalten habe, bekunden, dass unsere Auslandschulden 47 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt betragen, in Estland sind es dagegen nur sechs Prozent.” Lettland bringe im Jahr ungefähr 300 Millionen Lats (=420 Millionen Euro) für Kreditzinsen auf, da wolle er die Schulden nicht um einige Milliarden vergrößert wissen, “die wir doch alle zahlen müssen”. Als Präsident habe er geschworen, das Wohl des Landes und seiner Bürger zu mehren: “Die AKW-Frage ist eine Frage des Allgemeinwohls. Noch größere Staatsschulden verringern es: Dann kann man mir eine ganz konkrete Sache vorwerfen: Du versprichst, dass du alles tun wirst, damit die Landsleute in die Heimat zurückkehren, doch in Wahrheit machst du alles, dass Strom teurer wird und somit das Wohlstandsniveau sinkt. Wir können die Gebühren nicht erhöhen, ohne sie den Einwohnern oder der Wirtschaft aufzubürden, aber andere Einnahmequellen haben wir nicht. Falls sich Investitionen realisieren ließen, welche im Finanzsektor festliegen, dann, natürlich, wird sich eine Möglichkeit eröffnen, das AKW mit anderen Augen zu betrachten, aber derzeit... Derzeit ringen wir, verglichen mit Estland, mit der Vergangenheit und ihren Nachwirkungen. Ich bemühe mich, nicht nur positiv, sondern objektiv sämtliche Dinge zu betrachten. [...] Litauens Beschluss ist begründet und zu begrüßen, aber Lettland ist derzeit nicht fähig, sich an diesem Projekt zu beteiligen.”

Andris Berzins

Der lettische Staatspräsident Andris Bērziņš bezweifelt, ob sein Land die Kernenergie finanzieren kann, Foto: Saeima auf Wikimedia Commons

 

Latvenergo-Chef will größere Beteiligung

Kārlis Miķelsons, ehemaliger Chef des lettischen Energieversorgers Latvenergo, der im letzten Jahr wegen Korruptionsvorwürfen seinen Posten einbüßte und vorübergehend inhaftiert wurde, sekundiert dem Staatspräsidenten und äußerte am 5.7. in der Zeitschrift Teļegraf ähnliche Zweifel. Der Plan, das litauische AKW bis 2018 fertig zu bauen, sei unrealistisch. Über die Finanzierung gebe es unter den baltischen Staaten keine Einigung. Außerdem müsse man interessierten Investoren jahrelang Stromabsatz zu einem festen Preis gewährleisten. Das sei aber unter den Umständen eines freien Energiemarktes nicht möglich. Sein Nachfolger Āris Žigurs befürwortet dagegen Lettlands Atompläne. Dem jetzigen Latvenergo-Boss reicht der vorgesehene Anteil von 10 bis 12 Prozent am AKW Visagina nicht. Sein Land könne bestenfalls nur 80 Prozent der Elektrizität produzieren, die es selbst benötigt. Deshalb plane sein staatliches Unternehmen weiterhin die Beteiligung. Žigurs hofft auf ausländische Investoren, die günstigeren Zugang zum Kapitalmarkt haben: Lettland hat aufgrund der Finanzkrise ein niedriges Kreditrating und muss deshalb höhere Zinsen zahlen.

Visagina

Etwa 40 Kilometer von der litauischen Kleinstadt Visagina entfernt wurde bis 2009 das AKW Ignalina betrieben, es entsprach der Bauart des Unglückreaktors in Tschernobyl und musste auf Betreiben der EU geschlossen werden. Nun soll ein moderneres AKW neue Arbeitsplätze schaffen. Visagina liegt im Drei-Ländereck von Litauen-Lettland-Weißrussland. Foto: Hugo.arg auf Wikimedia Commons

 

Noch keine Finanzierung in Sicht

Die baltischen AKW-Freunde hoffen auf das Interesse der japanischen Konzerne Hitachi und General Electric sowie der us-amerikanischen Westinghouse Electric Company, die mehrheitlich wiederum der Tokioer Firma Toshiba gehört. Die japanischen Kraftwerksbauer haben auch die Unglücksreaktoren von Fukushima konstruiert. Konzernvertreter von Hitachi und Westinghouse präsentierten im Juni der litauischen Regierung in Vilnius ihre Pläne. Die Meiler von Visagina sollen nun offenbar mit japanischer Technik bestückt werden. Zudem hoffen die Osteuropäer, dass die Gäste aus Fernost günstigere Kredite beschaffen können. Wenig später dämpfte Hitachi-Chef Hiroaki Nakanisi die Erwartungen. In einem Interview, das er dem litauischen Wirtschaftsblatt Verslo žinios gab, bekannte er, dass die Finanzierungsfrage noch längst nicht gelöst sei. Im Gespräch seien tatsächlich beträchtliche Summen, die mehrere Milliarden Euro betrügen. Das sei eine sehr empfindliche Frage in den Verhandlungen. Seine Firma biete schlicht die Technik und das Betreiber Know-How. Doch heute könne er noch keinen konkreten Preis dafür nennen.

Überlandleitung

Lettische Überlandleitung in der Nähe von Roja. Lettland kann seinen Strombedarf nicht vollständig aus eigenen Kraftwerken decken und sucht deshalb nach einer Beteiligung im Ausland, Foto: LP

 

US-Kongressabgeordnete unterstützen litauische AKW-Pläne

Die osteuropäischen Atompläne beschäftigen auch Politiker in Washington. Die Nachrichtenagentur BNS berichtete von einem Brief, den sieben Kongressabgeordnete am 9. Mai der US-Außenministerin Hillary Clinton geschrieben hatten. Diese hatte zuvor ein umstrittenes AKW-Projekt des weißrussischen Nachbarn befürwortet. Alexander Lukaschenkos Regime möchte mit der Technik und Krediten des russischen Nachbarn das erste AKW an der Grenze zu Litauen errichten. Die Balten befürchten, dass die Weißrussen, die keine Erfahrungen mit Kernernergie haben, ihnen einen riskanten Meiler mit unerprobter Technik vor die Tür setzen. Ähnlich umstritten ist das AKW, das die Russen im Kaliningrader Gebiet bauen möchten. Die US-Abgeordneten fordern von ihrer Regierung, Lukaschenko die Unterstützung für ein eigenes AKW zu versagen und statt dessen das litauische Projekt zu fördern. Ahnlich skeptisch beurteilen sie den geplanten Meiler Baltiskaja im Kaliningrader Gebiet. Dieser könnte die Osteuropäer noch abhängiger von russischen Energielieferungen machen. Jetzt, wo die Katastrophe von Fukushima kaum noch präsent ist, scheinen grundsätzliche Bedenken gegen die Kernenergie wieder verflogen. Dennoch könnten die baltisch-polnischen Atompläne an der Finanzierung scheitern. Doch bislang zeigen sich die Litauer zuversichtlich, 2014 mit dem AKW-Bau zu beginnen.

 

Weitere LP-Artikel zum Thema:

Kernenergie in Visagina, Baltijskaja und Astravjeca: Auch Letten werden skeptischer

Hier kein Musikantenstadl, dort kein Tschernobyl: Zur unterschiedlichen Berichterstattung über die japanische Katastrophe in den lettischen und deutschen Medien

 

Externe Linkhinweise:


delfi.lv: 'Hitachi' prezidents apliecina vēlmi piedalīties Baltijas valstu centienos uzbūvēt Lietuvā jaunu AES

delfi.lv: ‘Hitachi’, ‘General Electric’ un ‘Westinghouse’ vēlas kļūt par Lietuvas jaunās AES stratēģiskajiem investoriem

zinas.nra.lv: Pirmā intervija ar jauno Latvijas prezidentu Andri Bērziņu

delfi.lv: Žīgurs - Latvijas daļa Visaginas AES būs lielāka par 10-12%; naudu, visticamāk, gādās 'Latvenergo'

delfi.lv: Miķelsons netic atomstacijai Lietuvā

delfi.lv: ASV valsts sekretāres īpašais sūtnis pauž Vašingtonas atbalstu Lietuvas jaunajai AES

delfi.lv: 'Hitachi' prezidents - pāragri runāt par Lietuvas jaunās AES projekta izmaksām


 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 20. Juli 2011 um 17:03 Uhr
 

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