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Münster, 26.9.2017
Lettland: Torschluss für Notfallpatienten – Kuldīgas Einwohner protestieren gegen Budgetkürzungen in ihrer Klinik PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 19. August 2011 um 15:28 Uhr

Medizinerhand betreut einen SäuglingDas war kein guter Tag für Aija Barča. Die Parlamentsabgeordnete und Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit und Soziales war am 18.8.11 mit den Mitgliedern ihres Gremiums, Gesundheitsminister Juris Bārzdiņš und Mitarbeitern seiner Behörde unterwegs ins westlettische Kuldīga, der idyllischen 13.000-Einwohner-Stadt an der Venta. Deren berühmtester Stadtvater, Herzog Jakob Kettler, hatte hier bereits im 17. Jahrhundert das erste Hospital gegründet. Bevor die Politiker das Rathaus erreichten, streikte ihr Kleinbus. Städtische Polizisten mussten sie in die Innenstadt chauffieren. Im Rathaus war für 11 Uhr eine Sitzung anberaumt, um die Finanzprobleme der örtlichen Klinik zu besprechen. Auf dem Vorplatz wartete bereits eine bunte Protestmenge auf die Gäste aus der 160 Kilometer entfernten Hauptstadt. Die Webseite der Zeitschrift Kasjauns schildert lebhaft den friedlich geäußerten Unmut. Zirka 300 Demonstranten bekundeten ihr Unverständnis über die Sparpolitik, die ihr städtisches Krankenhaus im besonderen betreffe. Bürgermeisterin Inga Bērziņa konnte sich an eine solch große Demonstration in ihrer Stadt nicht erinnern. Ein betagter Pritschenwagen sorgte für Aufsehen. Auf seiner Ladefläche befand sich ein schwarzer Sarg mit weißen Punkten. “Die schnelle Hilfe `2 in 1`” lautete die Aufschrift auf den hölzernen Klappwänden des Oldtimers. Davor posierten zwei Kostümierte: Der eine hatte sich als Sanitäter verkleidet, der andere als Leichenbestatter. Mitarbeiter der örtlichen Sportschule erklärten den lettischen Journalisten ihre Idee: Diese Aktion symbolisiere, wie man unter Sparbedingungen haushalten könne: Man vereinige Krankenhäuser mit den Beerdigungsinstituten. Manche Transparente kündeten von der Befürchtung, dass in der Provinz schneller gestorben werde: “Ob von Kuldīga nur der Friedhof bleibt?” - “Wenn die Fahrt kurz ist, wirst du gerettet, wenn sie lang ist, wartet das Grab auf dich.” Einige Frauen trugen Lazarettuniformen und ein Plakat: “Müssen wir zur Medizin der Kriegszeit zurückkehren?” Ob folgender Slogan Aija Barča zu ihrer Freud`schen Fehlleistung verleitete: “In Liepāja wird der Wind geboren, in Kuldīga dagegen – Kinder.” Barča stellte sich der Menge, doch schon mit dem zweiten Wort erntete sie höhnisches Gelächter: "Labdien, Liepājā!” - “Guten Tag, in Liepāja!”

Die betreuende Hand des Mediziners wird nicht jedem Letten zuteil, Foto: Wikimedia Commons

 

Verteilungskämpfe um weniger Geld

Mit diesem Versprecher traf sie den Nerv der Versammelten. Diese argwöhnen, dass die lettische Regierung die Kliniken der größeren Städte wie Liepāja und Ventspils finanziell bevorzugt. Gesundheitsminister Juris Bārzdiņš ist nicht nur Mitglied der mitregierenden Bauernpartei, sondern auch der Lokalpartei von Liepāja. Er versuchte, die Demonstranten zu trösten: “Euer hübsches Krankenhaus muss bleiben und es wird bleiben. Das ist doch das wichtigste!” Dies ist keine Selbstverständlichkeit. Aufgrund der drastischen Sparpolitik der letzten Jahre mussten viele Kliniken schließen. Doch den Krankenhausangestellten und den Bürgern reicht diese Zusage nicht: “Geld! Geld!” fordern sie vom Minister. Tatsächlich müssen die Bewohner der Region fürchten, ab 1. September in akuten Notfällen nicht mehr behandelt zu werden. Die medizinische Versorgung zahlt der Staat, wenn ein Patient akut und lebensbedrohlich erkrankt oder verletzt ist. Doch er gewährt den städtischen Kliniken nur ein begrenztes Budget für diesen Zweck. Kuldīgas Klinikchef Ivars Eglītis hatte zuvor den Minister auf das Problem hingewiesen: Obwohl seine Ärzte im letzten Jahr 4.999 Notfälle versorgen mussten, plante das Ministerium für dieses Jahr nur 2208 Fälle ein. Es gebe keine Erklärung dafür, warum die Zahl halbiert worden sei. Bereits vor dem Herbstanfang sei das Geld des Notfallbudgets verbraucht. Bürgermeisterin Inga Bērziņa sekundierte ihrem Klinikchef und wies auf die ungerechte Mittelverteilung zwischen den lettischen Hospitälern hin: Kuldīgas Krankenhaus erhalte für jede Blinddarmoperation nur 171 Lats (241 Euro), das Kreiskrankenhaus von Liepāja und das Nordkurländische Regionalkrankenhaus in Ventspils dagegen 240 Lats. Was sei in Kuldīga schlechter als in Liepāja oder Ventspils? Am Abend äußerte sich Ivars Eglītis enttäuscht: Der Nachrichtenagentur BNS teilte er mit, dass die mehrstündigen Verhandlungen im Rathaus und die Proteste noch nichts erreicht hätten. Es gebe kein neues Dokument, das mehr Geld zusichere. Dabei hatte Regierungschef Valdis Dombrovskis zuvor einen zusätzlichen Betrag von 6,1 Millionen Lats (8,6 Millionen Euro) für das Gesundheitsressort angekündigt. Statt dessen drohen nun weitere Kürzungen. Eglītis weigert sich, einer Vertragsänderung zuzustimmen, die für die zweite Jahreshälfte 57.552 Lats (80.954 Euro) Einsparungen im stationären Bereich seiner Klinik vorsieht.

Aija Barca

Parlamentsabgeordnete Aija Barča hatte einen schweren Stand in Kuldīga, Foto: Wikimedia Commons


Letten sind medizinisch unterversorgt

Auch die Bürger von Cēsis und Ogre hatten in den Tagen zuvor gegen die unzureichende und ungerechte Finanzierung ihrer Krankenhäuser protestiert. Die Bewilligungsbehörde des Gesundheitsministeriums wehrt sich aber gegen den Vorwurf, dass sie das Geld zwischen den Hospitälern ungerecht verteile. Offenbar fehlt allenthalben das Geld, das eine hinreichende Versorgung gewährleisten könnte. Gewerkschafter Valdis Keris kritisierte auf der Kundgebung in Kuldīga, dass die lettische Regierung weniger als zehn Prozent ihres Haushalts für die Gesundheit ihrer Bürger aufwende. Die Nachbarländer Litauen und Estland benötigten dafür 12,7 bzw. 13,4 Prozent. Viele Kosten und Gebühren müssen lettische Patienten selbst tragen. Deshalb scheuen sie den Gang zum Arzt. Im Februar 2011 berichtete die Tageszeitung Diena von einer Erhebung, die Modris Taujinskis durchgeführt hatte. Er leitet das medizinische Zentrum Eimore. Leider erfuhr der Leser im Artikel nicht die Gesamtzahl der Befragten. Daher bleibt unklar, wie repräsentativ die Resultate sind, doch der erfasste Trend dürfte der lettischen  Wirklichkeit annähernd entsprechen. Demnach suchen 65 Prozent der Befragten Arztpraxen oder Hospitäler nur im Notfall auf. Selbst Pflichtuntersuchungen werden nur von 18 Prozent wahrgenommen, lediglich 24 Prozent sind krankenversichert. 60 Prozent gaben an, für einen Arztbesuch nicht mehr als 10 Lats (14 Euro) aufwenden zu können. Doch das reiche oftmals nicht aus. Taujinskis äußerte sich besorgt über die Ergebnisse seiner Studie. Angesichts der Tatsache, dass nur eine Minderheit Mitglied einer Krankenversicherung ist, vertrauten in der Zeit der Wirtschaftskrise immer mehr Einwohner auf ihr subjektives Empfinden und fügten damit nicht selten ihrer Gesundheit unumkehrbaren Schaden zu. "Am Ende leidet die gesamte Gesellschaft, denn öfters als in anderen Ländern verlieren wir erwerbsfähige Individuen und handeln uns Einwohner ein, die aus dem Sozialbudget versorgt werden müssen," resümierte Taujinskis.

 

 

Externe Linkhinweise:

diena.lv: Pētījums: 65% iedzīvotāju ārstu apmeklē tikai traumu vai smagu saslimšanu gadījumos

diena.lv: Eglītis: Protesta akcija Kuldīgas slimnīcas atbalstam pagaidām nav devusi rezultātus

diena.lv: VNC: Kuldīgas slimnīcai piešķirtais finanšu apjoms ir pamatots

nra.lv: Dumpīgajai Kuldīgas slimnīcai neapsola vairāk

nra.lv: Kuldīgas slimnīcas atbalstam piketē mediķi un pacienti

delfi.lv: Saeimas deputātus līdz Kuldīgas domes ēkai nogādā policija

delfi.lv: Ogres mediķi piketēs pret finansējuma samazinājumu

delfi.lv: Mediķu protests Ogrē pulcē vairāk nekā 200 dalībniekus; VM pārstāvji neierodas

kasjauns.lv: Saeimas deputati pasi nezina uz kurieni atbraukusi

kurzemnieks.lv: Piketā pulcējās Kuldīgas un citu novadu iedzīvotāji

 

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 20. August 2011 um 07:41 Uhr
 

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