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Münster, 24.11.2017
Lettland: Jahresrückblick 2012 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 29. Dezember 2012 um 00:00 Uhr

SchneespurenJanuar 2012

Spuren im lettischen Schnee, Foto: LP

2012 beginnt in Lettland recht stürmisch. Sturm „Ulli“, der zuvor schon über Westeuropa fegte, hat an der Bernsteinküste noch fast Orkanstärke. Die Hafenstadt Ventspils erreicht er noch mit 111,6 Stundenkilometern. In solchen Zeiten haben die Techniker des Energieversorgers Latvenergo viel Arbeit: Zahlreiche Überlandleitungen müssen repariert werden. Für Wirbel sorgen auch die Ergebnisse der vorjährigen Volkszählung: Lettland hat weitaus weniger Einwohner als die Statistiker vorher angaben. Die Zählung kommt nur noch auf 2.067.887 - 309.496 Menschen weniger als bei der Volkszählung im Jahr 2000. Am Monatsende ist es klirrend kalt. Gegen die ökonomische `Kälte` in Menschenrechtsfragen will der Politologe Nils Muižnieks angehen. Er wird zum neuen Kommissar des Europarats gewählt. Er will sich dafür einsetzen, dass das Engagement für die Menschenrechte nicht der Sparpolitik geopfert wird.

 

Verschneiter Kiosk in RigaFebruar 2012

Zeitungskiosk auf der Moskauer Straße in Riga, Foto: LP

Auch lettische Internet-Aktivisten kümmern sich um die Menschenrechte. Im Februar entdecken die Osteuropäer als erste, dass ACTA, das international vereinbarte Abkommen gegen Produktpiraterie, unangenehme Folgen für jeden PC-Nutzer haben könnte. Amnesty International befürchtet beispielsweise, dass dieses Vertragswerk Rechte wie Schutz der Privatsphäre und Meinungsfreiheit gefährdet. In Lettland protestieren die ACTA-Gegner mit Erfolg: Die Regierung vertagt die parlamentarische Umsetzung der internationalen Beschlüsse. Weniger erfolgreich engagiert sich eine Gruppe um den Nationalbolschewisten Vladimirs Lindermans, die per Verfassungsreferendum Russisch als zweite Staatssprache einführen will. Die Volksabstimmung ergibt, dass 75 Prozent aller Staatsbürger dagegen sind.

 

Preistafel an einer Rigaer TankstelleMärz 2012

Die Benzinpreise erreichen die Ein-Lats-Grenze, Foto: LP

Die Tage werden heller, doch in Lettland wird es noch Wochen dauern, bis sich das erste Grün regt. Zum internationalen Frauentag schenken Männer den Frauen Blumensträuße, ein erster Frühlingsgruß. Etwas politischer könnte der lettische Frauentag schon sein: Auch hierzulande werden Frauen schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Öl- und Benzinpreise bestimmen die Schlagzeilen: Erstmals überschreitet der Literpreis für das Benzin die Ein-Lats-Grenze. Der Unfrieden im Nahen Osten ist nicht der einzige Grund für die stetige Verteuerung des wichtigsten Rohstoffs der Weltwirtschaft. Wem das Autofahren zu teuer wird, kann sich aufs Schmökern verlegen: Im März erscheint „Landvermesserzeiten“ der Brüder Kaudzīte erstmals auf Deutsch. Der erste Roman der lettischen Literatur aus dem Jahr 1879 beschreibt die entfachte kapitalistische Besitzgier und den Unfrieden, den sie in die Dörfer bringt. Das Werk der Kaudzītes scheint immer noch aktuell.

 

Die Innenstadt von SaldusApril 2012

Frühlingsstimmung in der Kleinstadt Saldus, die die Wirtschaftskrise recht gut gemeistert hat, Foto: LP

Der Jurist und Ökonom Aigars Štokenbergs zieht sich aus der Politik zurück. Damit endet die Hoffnung jener, die sich für Lettland eine linksliberale Alternative wünschten. Seine Partei Sabiedrība citai politikai/ Gesellschaft für eine andere Politik (SCP) konnte keine Wahlerfolge erzielen. Štokenbergs, einer der reichsten und einflussreichsten Männer Lettlands, bemerkte selbstkritisch, dass die Pullover, die er trage, zu teuer seien, um soziale Politik glaubwürdig zu vertreten. Jede Krise hat ihr Gutes: Seit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch von 2009 entdecken die Letten mehr und mehr, dass sie mit dem Fahrrad günstiger und umweltfreundlicher unterwegs sind. Doch die Drahtesel locken auch die Diebe. Der lettische Pop-Musiker Renārs Kaupers ist siebenfaches Opfer des gängigen Fahrradklaus geworden. Er unterstützte im April eine Initiative der Ir-Redaktion: Diese präparierte fünf abgestellte Fahrräder mit GPS-Sender und wartete auf Diebe. Bislang ist aber nur ein Video mit überführtem Täter im Internet zu besichtigen. Offenbar sind auch Fahrraddiebe „online“.

 

EishockeyfansMai 2012

Lettische Fans können über die Ergebnisse ihrer Eishockeymannschaft 2012 kaum jubeln, Foto: Dave O auf Wikimedia Commons

Im Wonnemonat Mai schauten die Letten nach Schweden und Finnland. Denn in diesen Ländern fand „die“ Weltmeisterschaft statt. Und „die“ bedeutet für Letten: die Eishockey-WM. Gegen die Deutschen kann die „Izlase“ noch ein mühsames 3:2 erringen. Doch die nächsten Spiele verlaufen für die Rot-Weiß-Roten enttäuschend: Nur der Abstieg aus der Riege der besten Eiskockey-Nationen kann verhindert werden. Nils Freivalds, Vorstandsvorsitzender der Pasažieru vilciens (PV), der staatlichen Eisenbahn-AG, die für den lettischen Personenverkehr zuständig ist, tritt zurück: Zu ungereimt sind die Geschäfte mit einem spanischen Hersteller, der neue Züge liefern soll. Die EU-Kommission hatte zuvor damit gedroht, vorgesehene Fördermittel aus dem Kohäsionsfonds zu streichen. Am Monatsende erweisen sich die lettischen Parlamentarier als folgsame Jünger der deutschen Bundesregierung: Sie fügen die international vereinbarte „Schuldenbremse“ in die lettische Verfassung ein. Dabei war Lettland als Noch-Nicht-Euro-Land dazu gar nicht verpflichtet.

 

Rigas SüdbrückeJuni 2012

Für den Bau dieser Brücke benötigte die Stadt Riga einen teuren Kredit der Deutschen Bank, Foto: LP

Die lettische Regierung lobpreist sich. Lettland, das 2009 die schärfste Rezession der ganzen EU registrierte, ist nun mit 6,9 Prozent Konjunktur-Spitzenreiter. Doch die Bevölkerung hat nach wie vor Schwierigkeiten, hinreichend bezahlte Jobs zu finden. Aufsehen erregt ein Gerichtsurteil gegen den Lebensmittelkonzern Palink: Da dieser in einem Rechtsstreit mit einem Bauunternehmen die Zahlung verweigerte, erklärte eine Richterin die Insolvenz der REWE-Tochter, zu der die Ketten iki und cento gehören. Die Deutsche Bank verantwortet auch an der Bernsteinküste unrühmliche Schlagzeilen: Mit Riga machten die Banker ein Kreditgeschäft, dass den städtischen Haushalt noch für viele Jahre belasten wird. Juristische Konsequenzen hat dabei niemand zu befürchten, Ende des Monats stellt die lettische Wirtschaftspolizei die Ermittlungen ein.

 

Mentzendorffhaus in Riga

Juli 2012

Im Rigaer Mentzendorffhaus feierte der deutsch-lettische Kulturverein Domus Rigensis sein 20jähriges Bestehen, Foto: LP

Die Stadtregierung des Bürgermeisters Nils Ušakovs gilt als sozialdemokratisch. Doch populistisch, auf Umfragen gestützt, beschließt die Ratsmehrheit, das Betteln in der Altstadt zu verbieten. So bereitet sich die Baltenmetropole auf 2014 vor, wenn sie EU-Kulturhauptstadt sein wird. Wird es ein Kulturjahr der Reichen und Schönen werden? Hunde und Arme werden offenbar draußen bleiben müssen. Der WWF sorgt sich um den Zustand der Ostsee, der übermäßige Zufluss von Nährstoffen führt zu Algenblüten und Sauerstoffmangel. Die „Todeszonen“ des Gewässers vergrößern sich. Dies ist eine Folge der industrialisierten Landwirtschaft. Dabei bergen die Gewässer der Ozeane begehrte Früchte. Litauische Kriminelle stehlen in Bremerhaven Garnelen, die schließlich in einer lettischen Kühlkammer entdeckt werden.

 

Rigaer BusbahnhofAugust 2012

Auf dem Rigaer Busbahnhof beginnen viele Reisen zu Jobaufenthalten im Ausland, Foto: LP

Trotz propagierter Konjunktur bevorzugen viele Letten weiter Jobs im Ausland: Dabei ist das Risiko groß, Opfer von betrügerischen Arbeitsvermittlern zu werden. Trotzdem locken schon 1000-Euro-Jobs, wenn eine Vollzeitarbeit an der Kasse eines lettischen Supermarkts gerade einmal ein Viertel davon einbringt. International sind die Wirtschaftspolitiker voll des Lobes für Lettlands monetaristischen Kurs. Sogar eine Mitgliedschaft im Club der reichen Nationen, der OECD, wird den Letten in Aussicht gestellt. Ob sich eine lettische Kassiererin davon etwas kaufen kann?

 

Fassade des SchwarzhäupterhausesSeptember 2012

Das Schwarzhäupterhaus bleibt bis auf Weiteres für Touristen geschlossen, Foto: LP

Rigas gute Stube, das wieder errichtete Schwarzhäupterhaus, das einst Versammlungsstätte lediger Kaufleute war, wird für die Öffentlichkeit geschlossen. Der Staatspräsident richtet hier seine Arbeitsräume ein, denn sein eigentlicher Sitz, die Rigaer Burg, wird in den nächsten Jahren renoviert. Die lettische Regierung schließt einen Vertrag mit der Kanalinsel Guernsey. Zukünftig sollen lettische Steuereintreiber das Recht haben, sich über Konten zu informieren, die Letten auf der Insel angelegt haben. Ein erster kleiner Schritt, um die global organisierte Steuerflucht einzudämmen. Lettische Richter prüfen das Finanzgebaren der Partei Zaļo un Zemnieku savienība (Bündnis der Grünen und Bauern), die dem Oligarchen aus Ventspils, Aivars Lembergs, nahesteht. Wegen illegaler Finanzierung von Werbespots muss das Bauernbündnis eine Geldstrafe zahlen. Am Monatsende sorgt ein neues Referendum für Aufsehen: Die Initiative Par vienlīdzīgām tiesībām/ Für gleiche Rechte will, dass Staatenlose, die in Lettland leben, bedingungslos die Staatsbürgerschaft erhalten können. Bislang ist der Lettisch-Sprachtest eine wichtige Voraussetzung, um alle Bürgerrechte zu bekommen.

Kuhskulptur im Hafen von VentspilsOktober 2012

Die politischen Verhältnisse in der Hafenstadt Ventspils sorgen immer wieder für Schlagzeilen, Foto: Stgubr92 auf Wikimedia Commons

Eigentlich wollte die lettische Eisenbahn für mehr als 200 Millionen Euro neue Züge beim spanischen Hersteller Construcciones y Auxiliares de Ferrocariles bestellen. Ein Großteil davon sollte mit EU-Mitteln finanziert werden. Die EU-Kommission bemängelte den Vertragsabschluss und forderte einen neuen. Doch darauf können sich die lettischen und spanischen Verhandlungspartner bis zum Fristende im Oktober nicht einigen. Ob die lettische Eisenbahn in Zukunft mit zeitgemäßen Zügen unterwegs ist, bleibt ungeklärt. Der Minister für regionale Entwicklung, Edmunds Sprūdžs, will den Oligarchen von Ventspils, Aivars Lembergs, aus seinem langjährigen Bürgermeisteramt vertreiben. Doch den Rat der Ölhafenstadt beeindruckt Sprūdžs` Aktionismus nicht – Lembergs bleibt Bürgermeister. Staatspräsident Andris Bērziņš reist ins befreundete Ausland: In Berlin trifft er Angela Merkel. Die Deutschen wünschen sich, dass die Letten sich für den Fortbestand der Euro-Zone einsetzen. Schließlich beabsichtigt die lettische Regierung 2014 selbst, die EU-Währung in ihrem Land einzuführen.

 

Ojars SparitisNovember 2012

Der Kunsthistoriker und Domus-Rigensis-Mitglied Ojars Spārītis wird zum Chef der Wissenschaftlichen Akademie gewählt, Foto: LP

Die Centrālā vēlēšanu komisija/ Zentrale Wahlkommission untersagt der Initiative Par vienlīdzīgām tiesībām/ Für gleiche Rechte, das eingeleitete Referendum zur bedingungslosen Erteilung der lettischen Staatsbürgerschaft weiter durchzuführen. Die Kommissionsmehrheit begründet ihre Entscheidung mit Verfassungsgrundsätzen, doch ihr Beschluss bleibt juristisch fragwürdig. Staatspräsident Andris Bērziņš erregt die öffentliche Aufmerksamkeit, weil er Statistiken bezweifelt, die beziffern, wie sehr das Land in Arm und Reich gespalten ist. Regierungschef Valdis Dombrovskis sorgt für internationale Aufregung: Auch er droht auf dem EU-Gipfel mit einem Veto, falls die lettischen Bauern bei der Agrarsubventionierung weiterhin benachteiligt werden.

 

Weihnachtsmarkt auf dem DomplatzDezember 2012

Weihnachtsmarkt auf dem Domplatz, Foto: LP

Ethnologe Guntis Pakalns berichtet von seiner spannenden Entdeckung, die er in einem Göttinger Institut machte: Dort lagern über 10.000 Schreibmaschinenseiten. Es sind die deutschsprachigen Übersetzungen der größten lettischen Märchensammlung, die Pēteris Šmits ywischen 1925 und 1937 herausgab. Demnächst können Märchenforscher und interessierte Laien drei der fünfzehn Bände im Internet in deutscher Sprache lesen. Die lettische Konjunktur hält an – „Brummende Wirtschaft mit niedrigen Löhnen“ war die Schlagzeile des letzten Artikels. Mit dem Wunsch, demnächst über eine florierende Wirtschaft mit fairen Löhnen berichten zu dürfen, verabschiedet sich die Lettische Presseschau vom Jahr 2012 und wünscht den Lesern ein lebenswertes und angenehmes Jahr 2013.

 

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