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Münster, 05.6.2020
Lettland: Führungswechsel im Bildungsministerium - Vjačeslavs Dombrovskis löst Roberts Ķīļis ab PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 04. Mai 2013 um 00:00 Uhr

Der parteilose Bildungsminister Ķīļis befindet sich seit Wochen im Krankenhaus. Am Dienstag dieser Woche schrieb er Regierungschef Valdis Dombrovskis (Vienotība/ Einigkeit) sein Rücktrittsgesuch. Seit seinem Amtsantritt im Oktober 2011 habe er sich nun zum vierten Mal ins Hospital begeben müssen, zweimal sei er nur knapp dem Infarkt entkommen. Der studierte Sozialanthropologe, der in Cambridge seinen Doktortitel erwarb, wurde von der Reformu Partija (RP) nominiert. Den Entschluss zum Rücktritt habe er selbst gefasst, berichten die Medien. Ķīļis beabsichtigte, das lettische Bildungssystem umzugestalten. Allerdings stießen seine Vorschläge auf Unverständnis der betroffenen Lehrer und Dozenten. Sein Plan, alle lettischen Studiengänge neu zu akkreditieren, also neu zu überprüfen und zu genehmigen, verursachte Verwirrung. Nun soll Vjačeslavs Dombrovskis (RP) seine Arbeit fortsetzen. Der studierte Ökonom wurde am Donnerstag mit den Stimmen der Regierungsmehrheit zum neuen Bildungsminister gewählt.

Im letzten Jahr feierten Rigas Universitäten das 150jährige Bestehen der lettischen Hochschulbildung. Minister Ķīļis sorgte für viel Aufregung in den Akademikerkreisen, Foto: LP

 

Akkreditierungschaos an lettischen Hochschulen

Ķīļis vertraut darauf, dass der Nachfolger seine Reformen an den Schulen und Hochschulen fortsetzt. Dies werde ihm gelingen, denn 70 Prozent seien vorbereitet, der Rest hänge von den Koalitionspartnern ab. Dabei stellt der ehemalige Minister, der von Lehrern und Dozenten mehr gescholten als geschätzt wurde, durchaus Erfreuliches in Aussicht: Die chronisch unterbezahlten lettischen Lehrer sollen in absehbarer Zeit mit einem Bruttogehalt von 500 Lats (712 Euro) beginnen. Bei entsprechender Motivation könnten sie ihr Salär bis auf 1000 Lats monatlich steigern. Ķīļis plant, die Arbeit der Lehrer genau zu erfassen und danach die Gehälter zu bemessen. Eine weitere Baustelle sind die Hochschulen. Der Bologna-Prozess hat europaweit zu einem undurchschaubaren Dschungel von Bachelor- und Masterstudiengängen geführt. Ķīļis wollte die Qualität der Studiengänge überprüfen und beauftragte zunächst ein lettisches Akkreditierungsbüro. Dieses legte zu Beginn des Jahres Teilergebnisse vor. Die Bewertungskriterien blieben aber unbekannt. Schließlich drohte der Minister dem lettischen Büro mit Klage und kündigte an, die Düsseldorfer Agentur ASIIN zu beauftragen. Die Deutschen sind auf naturwissenschaftliche Fächer spezialisiert. Sie sollten bereits im Frühjahr mit der Überprüfung beginnen. Aber ein Vertragsschluss kam nicht zustande. Schließlich kündigte das Ministerium an, die Akkreditierung selbst vorzunehmen. Die Hochschulrektoren forderten aufgrund dieser Verwirrung Ķīļis` Rücktritt. Gegenüber den Finanzsorgen der Wissenschaft zeigte sich der Minister gleichgültig. Ojārs Spārītis, Chef der Wissenschaftlichen Akademie, kritisierte den Minister wegen seiner wirtschaftsliberal ausgerichteten Bildungspolitik scharf. Forschungspolitik sei kein anthropologisches Experiment, meinte Spārītis in Anspielung auf das Studienfach des vormaligen Hochschullehrers Ķīļis. Lettische Wissenschaftler klagen, dass das Geld für Forschungsprojekte und Ausstattung nicht reiche, ein Teil der Dozenten lebt mit Gehältern unterhalb des Mindesteinkommens. Im Dezember 2012 erhielt Ķīļis den Spīdola-Preis des regierungsnahen Wirtschaftsverbandes Ekonomistu apvienība 2010. In einem Werbevideo seines Ministeriums stellte er während der Preisverleihung seine Pläne vor. Demnach ist eine stärkere Kooperation mit Arbeitgebern geplant, privatwirtschaftliche Gelder sollen in die staatlichen Schulen und Hochschulen fließen. Das Wort „konkurētspējīgs“ - wettbewerbsfähig - gewinnt in dieser Bildungspolitik eine übergeordnete Bedeutung. Ķīļis versteht sich als Liberaler, der sich vorstellen kann, zukünftig in die lettische Politik zurückzukehren. Der Reformu Partija, die linke Kritiker für neoliberal halten, tritt er nicht bei, weil sie ihm nicht liberal genug ist.

Roberts Kilis

Roberts Ķīļis hofft darauf, dass der Nachfolger im Bildungsministerium seine Politik fortsetzt, Foto: Foto: Saeima (Ernests Dinka, Saeimas Kanceleja)

Reform nach deutschem Vorbild

Nachfolger Vjačeslavs Dombrovskis ist Ökonom, der an der Clark-Universität in den USA promovierte. Der RP-Politiker nannte gegenüber der Zeitschrift Ir die vorrangigen Ziele seiner Bildungspolitik. Sie entsprechen den Plänen seines Vorgängers. Er will das Motivationsprogramm für Lehrer einführen. Sie seien die Realisierer des Wandels, jedem von ihnen müsse ein achtbares Gehalt zuteil werden. Die berufliche Ausbildung solle nach deutschem Muster erfolgen, mit den Erfordernissen des Arbeitsmarkts abgestimmt. Außerdem will er die Qualität der Hochschulausbildung verbessern. Der ehemalige Minister Ķīļis zeigt sich derweil auch auf dem Krankenbett angriffslustig: Im privaten TV-Sender LNT warf er den Politikern am 2.5.13 vor, das Vertrauen der Bürger verloren zu haben. Das Volk könne sich auf ihre Worte nicht verlassen. Der Sozialanthropologe plant, über die lettische Politiker-Elite ein Buch zu schreiben, über ihre Tugenden und Untugenden, über ihre Tätigkeiten und Untätigkeiten.

 

Weiterer LP-Artikel zum Thema:

Lettland: Forscher beklagen die lettische Sparpolitik - Der Präsident der Wissenschaftlichen Akademie, Ojars Spārītis, kritisiert die Politik des Forschungsministers Roberts Ķīlis

 

Externe Linkhinweise:

ekonomisti.lv: R. Ķīļa uzruna Spīdolas balvas ekonomikā pasniegšanas ceremonijā (Video)

ir.lv: Ķīlis gatavs demisionēt

tvnet.lv: Saeima izglītības un zinātnes ministra amatā apstiprina Vjačeslavu Dombrovski

 

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