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Münster, 01.4.2020
Folge der Zolitūde-Tragödie: Lettischer Maxima-Chef Gintars Jasinsks entlassen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 29. November 2013 um 00:00 Uhr

Eingang zu einer Maxima-FilialeDie Aktionäre der litauischen „Maxima Group“ haben am 28.11.2013 den Chef ihrer lettischen Tochter „Maxima Latvija“, Gintars Jasinsks, entlassen. Der Anlass ist sein Kommentar zum tragischen Einsturz der Zolitūde-Filiale, den die lettische Öffentlichkeit als Zynismus wertete. Der Konzern steht nun im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Filialaufsicht hatte trotz des Alarmsignals den Verkaufsraum nicht evakuieren lassen. Journalisten berichten, dass Maximas Sicherheitsbestimmungen gegen EU-Standards verstießen. Diese sehen eine sofortige Räumung im Alarmfall vor. Auch die prekären Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung der Kassiererinnen werden nun allgemeines Thema. Über Facebook wurde ein Maxima-Boykott-Aufruf verbreitet. Das Konzerngebaren beschäftigt nun sogar die lettisch-litauische Diplomatie.

Eingang zu einer minimalen Maxima-Filiale in Riga-Purvciems, Foto: LP

 

Jasinsks` Äußerungen für ein `normales` Unternehmen nicht akzeptabel

Jasinsks äußerte sich am 28.11.2013 auf einer Pressekonferenz seines Unternehmens. Auf die Frage eines Diena-Journalisten, ob nach dem Rücktritt des lettischen Regierungschefs nicht auch Verantwortliche bei Maxima ihre Posten räumen müssten, entgegnete er: „Jene treten zurück, die sich schuldig fühlen, wir fühlen uns weder politisch noch juristisch für das Geschehene verantwortlich.“ Atkāpjas tie, kas jūtas vainīgi/ Jene treten zurück, die sich schuldig fühlen“ wurde zur Überschrift mehrerer lettischer Web-Artikel. Noch am selben Abend verkündete der Leiter der litauischen Maxima Group, Mindaugas Bagdonavičius, dass Jasinsks nach Aktionärsbeschluss „vom Amt befreit“ sei. Seine Äußerungen seien in dieser für das lettische Volk schwierigen und schmerzlichen Zeit unannehmbar. „Wir sind ein normales Unternehmen, das sich in der Kommunikation vielleicht irrte“ hatte ein paar Tage zuvor Igns Staškevičus, Aktionär der Maxima-Holding „Vilniaus prekyba“, in der litauischen Presse verkündet. Staškevičus sprach den lettischen Opfern und Angehörigen sein Mitgefühl aus und versprach Besserung.

Maxima-Filiale mit Trauerbeflaggung

Maxima-X-Filiale mit Trauerbeflaggung in Riga-Ķengarags. Foto: LP

 

Ärger mit der Alarmanlage

Dabei ist noch längst nicht geklärt, ob die Zustände im Konzern „normal“ sind und ob sich die Maxima-Leitung im juristischen Sinne unschuldig fühlen darf. Besonders strittig sind die Sicherheitsvorschriften der Handelsgruppe. Diese sehen nicht vor, bei einem Alarm die Geschäftsräume sofort zu evakuieren, sondern zunächst die Ursache zu ermitteln und in dieser Zeit weiter abkassieren zu lassen. In der Unglücksfiliale ertönte zwei Stunden vor dem Dacheinsturz die Alarmanlage, deren Sensoren vor Hitze, Rauch und Staub - aber nicht vor Erschütterungen - warnen. Bislang ist nicht geklärt, ob es sich um einen Fehlalarm handelte oder vielleicht erster Staub auf die kommende Katastrophe vorausdeutete. Das Wachpersonal überprüfte lediglich, ob irgendwo Feuer zu entdecken war. Die Geschäftsleitung entschied, das Warnsignal zu ignorieren und weiter arbeiten zu lassen. Der Fachmann, der den Grund für den Alarm herausfinden sollte, war mit seiner Arbeit noch nicht fertig, als das Dach einbrach. Nur durch Zufall überlebte er. Die „Krustpunktā“-Redaktion des Lettischen Radios fragte sich am 28.11.2013, warum EU-Bestimmungen, die im Alarmfall die sofortige Räumung vorsehen, in den Sicherheitsvorschriften lettischer Unternehmen nicht beachtet werden. Anscheinend lässt das lettische Recht Interpretationsspielräume offen. Die zuständige Ministerin Ilze Vinkele denkt nun über eine Präzisierung nach. Die Beachtung und genaue Umsetzung von EU-Normen hätte in diesem Fall, vielleicht nur zufällig, Leben gerettet. Außerdem sind Zuständigkeiten nicht eindeutig geregelt. Sowohl die staatliche Behörde für Arbeitssicherheit als auch die Feuerwehr- und Rettungsdienste sollen die Sicherheitsvorschriften privater Firmen kontrollieren. So werden Abstimmungsprobleme programmiert. Und die Radiojournalistin fügt hinzu, dass der lettische Gesetzgeber in den letzten Jahren eher das Gegenteil von Präzisierung und Verschärfung im Sinn hatte. Ihre Umfrage bei Sicherheitsexperten ergab, dass die gesetzlichen Anforderungen an den Brandschutz und an Alarmgeräte gelockert wurden. Die Radiosendung legt nahe, dass häufig billigere Warnsysteme installiert werden. Die ständigen Fehlalarme stumpfen das Aufsichtspersonal ab, das entscheiden muss, wie zu reagieren ist. Welche Art von Alarmanlage im Unglücksbau installiert worden war, blieb in der Sendung aber offen.

Eingang zur Maxima-Filiale mit Angabe der Arbeitszeiten

Die Maxima-X-Filiale in Ķengarags (X steht für eine kleine Filialeinheit) hat die hierzulande üblichen Öffnungszeiten, auch am Samstag und Sonntag bleiben die Läden der lettischen Handelsketten den ganzen Tag lang geöffnet. Im protestantisch geprägten Lettland hat das Geschäft Vorrang: Auch an Weihnachten, Karfreitag und Ostern müssen die Kassen besetzt bleiben, Foto: LP


Viel Stress für miesen Lohn

Ob die Zustände bei Maxima „normal“ sind, bezweifeln auch Gewerkschafter und investigative Journalisten. Ilze Vēbere, Mitarbeiterin der Webseite Re:Baltica, wunderte sich, warum die Handelskette Maxima trotz der vielen Erwerbslosen im Land ständig Kassiererinnen sucht. Sie fand heraus, dass lange Arbeitszeiten und schlechter Lohn längst nicht die einzigen Gründe sind, warum viele Angestellte diesen Job schnell wieder verlassen. Sie bewarb sich bei Maxima und erhielt nach wenigen Tagen eine Stelle in einer Filiale in Rigas Stadtviertel Sarkandaugava. Sie berichtet vom Druck, neben dem Kassieren sich auch noch um das Befüllen der Regale kümmern zu müssen. Dabei erfordert das Geldzählen höchste Konzentration, denn Defizite in ihrer Kasse musste sie aus privater Tasche begleichen. Andererseits wird den Kassiererinnen das Gehalt gekürzt, wenn sie nicht rechtzeitig die Regale nachfüllen. Der Ton der Vorgesetzten sei barsch gewesen. Der Vertrag sah flexible `Teilzeitarbeit` mit wechselnder Beschäftigungsdauer vor. Vēbere schreibt, dass sie im Februar für 160 geleistete Arbeitsstunden umgerechnet 428 Euro brutto erhalten habe, das entspricht einem Stunden-Brutto-Lohn von 2,68 Euro, nicht mal außergewöhnlich schlecht für die armseligen lettischen Verhältnisse. Dabei habe sie selbst für diesen Monat ihre Arbeitszeit nachgerechnet und sei auf 190 Stunden gekommen. Ungenauigkeiten bei der Lohnabrechnung scheinen bei Maxima keine Seltenheit zu sein. Die Journalistin beschreibt, wie sie ihren kurzen Feierabend verbrachte: „Am Ende eines Arbeitstages fühlst du dich richtig müde. Die verrichteten Bewegungen waren ziemlich gleichförmig und deshalb schmerzen Rücken und Arme. Nachdem ich einige Tage von zehn Uhr morgens bis zehn in der Nacht gearbeitet hatte, überkam mich ein Gefühl der Resignation. Manchmal dauert die Arbeit von sieben Uhr früh bis zehn Uhr abends und du kriegst den nächsten Tag nicht aus dem Kopf. Der Mangel an Informationen verursacht ebenfalls Stress. Die Warenpreise werden geändert, aber die Kassierer werden darüber nicht informiert. Wenn ich mich an die Arbeit mache, muss ich durch das Geschäft laufen und prüfen, ob sich die Preise geändert haben. Dafür ist nicht immer genügend Zeit, daher werde ich Fehler an der Kasse machen.“ Der Chef des Dachverbandes lettischer Gewerkschaften, Pēteris Krīgers, rief die Maxima-Beschäftigten dazu auf, ihren „sklavischen Gehorsam“ zu überwinden und sich an die Gewerkschaft zu wenden. Von den Maxima-Beschäftigten seien nur „60 mutige Menschen“ (von Tausenden) in der Gewerkschaft aktiv. Das „System Maxima“ sei so angelegt, dass die Beschäftigten nur sehr widerwillig über das Unternehmen redeten.

Baumarkt Depo

Depo-Filiale an der Krasta iela in Riga. Für eine Baumarktkette müsste es eigentlich besonders peinlich sein, wenn die Dächer ihrer Gebäude einstürzen. Dem Unternehmen `Depo`, das tagtäglich im Radio seine Werbung verbreitet, ist dies schon mehrmals passiert, zum Glück bislang ohne Opfer. Auf die Anfrage der Krustpunktā-Redaktion, wie es denn um die Sicherheitsvorschriften und Warnanlagen in Depo-Geschäften bestellt ist, wollte das Unternehmen keine Angaben machen. Foto: LP

 

Die Maxima-Verlautbarungen beschäftigen auch litauische Politiker

Das Thema Maxima beschäftigt inzwischen auch die lettisch-litauische Diplomatie. Der lettische Außenminister Edgars Rinkēvičs habe sich über die Äußerungen des lettischen Maxima-Chefs schockiert gezeigt, berichte ir.lv am 28.11.2013. Er sprach darüber mit seiner litauischen Amtskollegin. Die Äußerung sei nach seiner Ansicht inakzeptabel. Die Herren hätten wahrscheinlich vergessen, dass man so dem eigenen Unternehmen schade. Wie ir.lv weiter berichtet, hatten Journalisten und engagierte Bürger die litauische Staatspräsidentin über Twitter aufgefordert, auf die Maxima-Besitzer einzuwirken. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass wegen des Handelns einiger verantwortungsloser litauischer Bürger die Beziehung zwischen unseren Ländern Schaden nimmt,“ so lautet ein Satz aus dem Aufruf. Außerdem erschien auf Facebook ein Boykottaufruf gegen Maxima. Litauische Politiker haben sich inzwischen von den Verlautbarungen des Maxima-Konzerns distanziert und ihr Bedauern ausgedrückt.

 

Externe Linkhinweise:

rebaltica.lv: At Maxima, an uncomplaining employee is a good employee

rebaltica.lv: Wages Of Desperation

lsm.lv: «Krustpunktā»: Trauksmes signalizācija – reālas briesmas vai formalitāte?

lsm.lv: Krīgers: Darbinieku verdziskā pakļautība «Maxima» ir jāizbeidz

ir.lv: "Maxima Latvija" vadītājs Jasinsks atlaists no amata (papild.)

diena.lv: Maxima Latvija vadītājs Jasinsks atlaists

 

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