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Münster, 12.7.2020
Babyboom in Lettland - doch Bevölkerung schrumpft weiter PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 01. August 2015 um 00:00 Uhr

Gemälde mit Mutter und Kind in der WiegeIn den letzten Wochen verbreiteten die lettischen Medien die Jubelmeldung der staatlichen Statistiker: Sie verzeichnen steigende Geburtenraten. Für 2014 registrierten sie im Vergleich zum Vorjahr 1150 Geburten mehr. Das war ein Anstieg um 5,6 Prozent, der größte innerhalb der drei baltischen Länder. (Litauen verzeichnete in dieser Periode einen Zuwachs von 484 Geburten, Estland lediglich um 20). Zudem trauen sich wieder mehr Paare zum Standesamt. Ob sie alle ihre Kinder in Lettland zur Welt bringen, bleibt abzuwarten. Der Bevölkerungsrückgang verlangsamt sich, ist aber noch nicht gestoppt. Um es technokratisch zu formulieren: Lettinnen müssten im statistischen Schnitt 2,1 Kinder gebären, um die Sterbefälle auszugleichen, doch selbst im Babyboomjahr 2014 brachte die lettische Durchschnittsfrau nur 1,64 Kinder zur Welt. Eine Graphik illustriert die Parallelen zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und den Bevölkerungszahlen.

Foto: „Berthe Morisot, Le berceau (The Cradle), 1872“ von Berthe Morisot - Unbekannt. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

 

Lettische Bevölkerungs- und Konjunkturentwicklung in den Boom- und Krisenjahren

Graphik über Bevölkerungs- und Konjunkturentwicklung in Lettland

Quelle: CSP und Eurostat. Blau: Saldo zwischen Geburt und Tod, Orange: Saldo von Zu- und Abwanderung, jeweils in Tausend Einwohnern, gelbe Linie: BIP-Entwicklung in Prozent

Diese Graphik zeigt die parallele Entwicklung von Wirtschaftskrise und Emigration. In den Krisenjahren von 2008 bis 2011 erhöhte sich die Zahl jener, die Lettland verließen, beträchtlich. Die Daten verdeutlichen allerdings auch: Selbst in den überhitzten Boomjahren vor dem Crash, als die Wachstumsraten über 10 Prozent lagen, verlor Lettland Einwohner. Damals warf man den Letten vor, "über ihre Verhältnisse" gelebt zu haben. Dies ist aus ökonomischer Sicht richtig, die hohen Inflationsraten kündeten damals vom Fieber, das die Volkswirtschaft befallen hatte. Skandinavische Euro-Kredite lösten einen fragwürdigen Immobilienboom aus. Löhne legten kurzfristig kräftig zu. Doch das Gerede vom "Über-den-Verhältnissen-leben" führt zu falschen Vorstellungen: Lettland war nie ein Schlaraffenland. Auch in den sogenannten "fetten Jahren" blieb der lettische Durchschnittslohn weit unter dem, was in westlichen EU-Ländern verdient wird. Für einen lettischen Lehrer ist es bis heute lukrativer, sich auf den Britischen Inseln als Hilfsarbeiter zu verdingen als in der Heimat seinen Beruf auszuüben. Die Graphik zeigt zudem: Selbst mit Babyboom ist der Saldo von Geburt und Tod immer noch negativ. Noch eine Anmerkung zur Eurostat-Statistik: Nach älteren Daten verzeichneten die EU-Statistiker im Jahr 2009 für Lettland die heftigste Rezession im gesamten EU-Raum, mehr als minus 17 Prozent. Ohne eine eingehende Erklärung zu liefern, registriert die aktuelle Eurostat-Statistik, die "das Reale BIP pro Kopf, Wachstumsrate und insgesamt - Prozentuale Veränderung relativ zum Vorjahr, EUR pro Einwohner" beziffert, nun `nur` noch minus 12,8 Prozent für das Krisenjahr. Nach den neuen Daten war der wirtschaftliche Einbruch in Litauen und Estland stärker.

 

Lettische Bevölkerungsentwicklung seit der Unabhängigkeit

in Tausend

Graphik über lettische Bevölkerungsentwicklung

Quelle: CSP

Diese Graphik zeigt, dass die lettische Bevölkerung kontinuierlich schrumpft. Im Jahr 1990 erreichte sie mit 2.668.140 Einwohner ihren Höchststand. Den niedrigsten Wert erreichte sie bislang am 1.1.2015. Erstmals fiel die Einwohnerschaft unter die Zwei-Millionen-Grenze: Nur noch 1.986.096 Einwohner, fast 700.000 weniger als zu Beginn der Unabhängigkeit. Man kann davon ausgehen, dass von lettischer Seite aus betrachtet der Schwund in den 90er Jahren erwünscht war. Damals verließen vor allem Russischstämmige das Land. Soldaten der Sowjetarmee zogen ab. Die Fabriken, in denen Russen arbeiteten, wurden geschlossen. Für viele Berufe verlangte der Gesetzgeber nun lettische Sprachkenntnisse, die Russen bis dahin ignoriert hatten. Die KP-Funktionäre hatten gezielt Bürger aus anderen Sowjetrepubliken an der Daugava angesiedelt. Die Volkszählung von 1989 ergab einen Anteil von 34 Prozent Russen auf lettischem Territorium, die Volkszählung von 2011 nur noch 26,9 Prozent. Das Viertel Russen, das heute noch in Lettland lebt, besteht bereits zu einem großen Teil aus Russischstämmigen der zweiten Generation, also Russischstämmigen, die in Lettland geboren wurden. Sie gelten in Lettland als "Russen" und in Russland als "Balten". Im selben Zeitraum erhöhte sich der Anteil der Letten an der Gesamtbevölkerung von 52 auf 62,1 Prozent. In den letzten Jahrzehnten wurde Emigration auch für erwerbsfähige Letten eine attraktive Alternative zu niedrigen Löhnen und dürftigen Sozialleistungen im eigenen Land.

 

Weiterer LP-Artikel zum Thema:

Lettland: Amtliche Bevölkerungszahl noch knapp über 2 Millionen

 

Externe Linkhinweise:

csb.gov.lv: 2015. gada pirmajā pusgadā par 544 laulībām vairāk

csb.gov.lv: Starp Baltijas valstīm 2014. gadā lielākais dzimušo skaita pieaugums bija Latvijā

 

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