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Münster, 26.9.2017
Wehrsportgruppe „Tēvijas sargi“ unternimmt abendliche Patrouillen in lettischen Städten PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 27. April 2016 um 00:00 Uhr

„Hier wird nicht Köln sein, sondern Sparta“ ...

Krieger aus Sparta...mit diesem und ähnlichen Sprüchen wirbt die lettische Wehrsportgruppe „Tēvijas sargi“ (Hüter des Vaterlandes) in digitalen Netzwerken wie Facebook oder Twitter für die eigenen nationalistischen Ziele. Die Anschläge in Paris und Brüssel, aber auch die Kölner Silvesternacht geben rechtsradikalen Gruppen Auftrieb. Ein Beitrag im LTV1-Politmagazin De Facto vom 24.4.2016 zeigte, wie ein solches Männerbündnis fremdenfeindliche Stimmung erzeugt.

Ein spartanischer Krieger, Foto: de:Benutzer:Ticinese - First uploaded on Wikipedia de: (14. Jun 2004 19:06), own picture, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=251186

 

Kooperation mit Soldaten und Schulen

„Wenn du nicht zu jenen gehörst, die zu Immigranten `Welcome!` sagen, wollen wir dich in unserem Training sehen, wir ziehen die Boxhandschuhe an,“ lautet ein weiterer Spruch von Tēvijas sargi. Die De-Facto-Journalisten beziffern die Größe der Gruppe auf 100 bis 200 Teilnehmer. Sie sollen über eine gehörige Zahl von Followern im Internet verfügen. Auf der Webseite nacionalisti.lv ist eine kurze Selbstdarstellung der militanten Vaterlandshüter zu lesen. Ziel des Vereins sei es, Letten im militärischen Nahkampf auszubilden und das Interesse am Militärischen und an der Militärgeschichte zu wecken. „Nach unserer Auffassung müssen lettische Männer imstande sein, sowohl sich und ihre Angehörigen zu verteidigen, als auch im Notfall ihr Land und ihr Volk. Das ist besonders in diesen instabilen Zeiten wichtig.“ Nach eigenen Angaben ist diese private Wehrsportgruppe in sieben lettischen Städten aktiv, sie verkündet Wachstum und Zulauf. Regelmäßig werde trainiert, marschiert, Vorträge abgehalten oder Müll an historisch bedeutenden Orten beseitigt. „Wir beteiligen uns auch an der patriotischen Erziehung und an der Gestaltung und Ausführung des militärischen Nahkampfs in den Schulen.“ Es bestehe Kooperation mit dem lettischen Militär und der Nationalgarde.

Schwedische Rechtsradikale

Schwedische Rechtsradikale demonstrieren gegen Flüchtlinge. Die schwedische Organisation "Soldiers of Odin" hat Tēvijas sargi inspiriert, Foto: Researchgruppen - http://research.nu, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7922252

Furcht vor Verlust und Veränderung

Focus.lv meldete am 13.4.2016 eine neue Aufgabe, der sich Tēvijas sargi nun widmen: Die Kampfsportler hätten am Abend zuvor mit Patrouillen in lettischen Städten begonnen. Zweck der Rundgänge sei es, im Notfall die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Zwischenfälle wurden nicht bekannt. Die Maßnahme ist vorbeugender Art, denn Flüchtlinge und Asylbewerber sind bislang eine seltene Erscheinung in Lettland. Die selbst ernannten Ordnungshüter wollen die lettische Gesellschaft vor den Fremden bewahren, die sie als Gefahr wahrnehmen. Jānis Sils, der Anführer dieser Truppe, bekannte auf nacionalisti.lv am 14.11.2016, also kurz nach den Pariser Terrorattacken, sein Mitgefühl für das französische Volk und erinnerte sich an Erlebnissen mit Gleichgesinnten aus Frankreich. Der Vorgängerverein von Tēvijas sargi, der Klubs 415, habe 1999 Besuch von französischen Aktivisten bekommen. Einer von ihnen sei mehrmals nach Lettland zurückgekehrt. Er habe von seinem Heimatstädtchen im Elsass erzählt, wo 90 Prozent aller Einwohner ein arabisches oder afrikanisches Aussehen hätten. Damals sei dessen Begeisterung schwer nachvollziehbar gewesen, wenn er auf lettischen Straßen ausgerufen habe: „Ihr seid alle weiß hier!“ Später, 2005, habe er ihn das letzte Mal getroffen. Frankreich sei verloren, man müsse dringend Bürgerwehren bilden, er habe erwägt, nach Lettland zu emigrieren, weil es ihm die fortbestehende alte lettische Kultur angetan habe. „Was lehrt uns das heute?“ fragt Sils die Webleser. Das, was „wir“ verlieren können: Die eigene Kultur, das europäische Milieu, wenn man die Gefahr nicht begreife, die mit Immigration unaufhörlich verbunden sei. „Noch haben wir Zeit! Komme zu den Tēvijas sargi und wir werden zusammen für unsere Zukunft kämpfen!“.

Visu Latvijai-Gedenkmarsch

Gedenkmarsch für Kārlis Ulmanis, den Staatsgründer und Diktator, der einst "Lettland den Letten" propagierte, eine Veranstaltung der Partei «Visu Latvijai!», des radikalen Flügels der Nationalen Allianz, am 18. November, dem Tag der Staatsgründung, Foto: Statistiķis - Paša darbs, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22999059

Der Flüchtling, ein politisch nützlicher Sündenbock

Solche Gruppen verstärken in Krisenzeiten ihren Einfluss auf Politik und Gesellschaft. Von Armut bedrohte Letten sehen keine Zukunft in ihrem Land, vertrauen den Parolen der Parteien nicht mehr. Sie identifizieren sich nicht mit der ökonomischen „Erfolgsgeschichte“, die die Regierung seit Jahren verkündet. Sie müssen von mies bezahlten Jobs leben und wissen kaum, wovon sie ihre Familien über die Runden bringen sollen - falls sie überhaupt über ein Einkommen verfügen, um eine eigene Familie zu gründen. Der Staat tut wenig, es reicht zum Überleben, nicht zum Leben. Dann sollen Flüchtlinge kommen, die die finanzielle Hilfe und Solidarität beanspruchen, Hilfe zur Integration benötigen, Hilfe, auf die so mancher Lette, der sich selbst vor sozialer Desintegration fürchtet, vergeblich hofft. Da bietet sich Gelegenheit, die Menschen in „Wir“ und „Sie“ zu spalten. Statt kritische Fragen an die eigenen Politiker zu stellen, weshalb Lettland nur ein schwacher Sozialstaat ist und weshalb die Gesellschaft in Arm und Reich zerfällt, machen rechte Parteien und Gruppen den Fremdling zum Sündenbock. Patriotische Patrouillengänger sind die Speerspitze des Trends, dem sich nahestehende Politiker anschließen. Die Jugendabteilung der mitregierenden Nationalen Allianz veröffentlichte einen Aufruf, sich an Tēvijas sargi zu beteiligen. Raivis Dzintars, Saeima-Fraktionsvorsitzender der Nationalkonservativen, bekundet gegenüber De Facto seine politische Nähe, will aber über die Methoden der Vaterlandschützer nicht Bescheid wissen: Soweit er es beurteilen könne, stimmten die öffentlich bekundeten Ziele von Tēvijas sargi und seiner Parteienallianz im großen Maß überein, nämlich den Immigrationsprozess zu begrenzen und ein lettisches Lettland zu gestalten. Über die Methoden dieser Organisation könne er nichts sagen, weil er sie nicht kenne. Dennoch nimmt er an, dass sie sich von jenen einer politischen Partei unterschieden.

Patriotismus und Rassismus in den USA

Patriotismus und Rassismus in den USA in den 40er Jahren, die lettische Wikipedia erklärt "Patriotismus" als ein Gefühl, dessen Basis Solidarität sei. Doch mit dieser Art Solidarität ist die Gefahr verbunden, Randgruppen auszuschließen, Foto: Marion Post Wolcott - via Library of Congress website [1] ;, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1437779

Einlass nur für Letten

De Facto berichtete in diesem Zusammenhang von einem Fall ungewohnter Fremdenfeindlichkeit. Trotz aller Probleme zwischen den Ethnien ist Lettland bislang - im Gegensatz zu mancher Region in Deutschland - nicht als Land bekannt, wo Ausländer zur falschen Zeit am falschen Ort körperliche Gewalt fürchten müssen. Doch die Stimmung kippt offenbar, der verkündete Nationalismus und Rassismus zeigt Wirkung. Ein ausländischer Student berichtet, dass er in einem Rigaer Vergnügungslokal keinen Einlass erhielt: Der Türsteher habe ihm gesagt, dass er nicht hineingehen dürfe. „Das ist nur für Letten.“ Der Student wollte ihm erklären, dass er zuvor schon Einlass erhalten habe, doch der Wächter habe wiederholt: „Nein, Einlass ist nur für Letten.“ Nach weiteren Überredungsversuchen habe ihn der Mann an die Hand gepackt und zu Boden gezerrt, beim zweiten Mal so heftig, dass er mit dem Kopf an die Treppe gestoßen sei. Die Verletzung sei im Krankenhaus behandelt worden. Juris Jansons, der Ombudsmann für Menschenrechte, begründet die Aggressivität, die sich gegen alles Fremde richtet: „Das ist mehr mit Vorurteilen verbunden und nicht so sehr damit, dass irgendwelche aggressiven Gewalttäter und Vergewaltiger ankämen, wie es weltweit in den Medien dargestellt wird. Das bedeutet notwendige Arbeit mit der Gesellschaft.“ Eine solche dürfte ein langwieriges Unterfangen werden, denn Vorurteile sind Teil der eigenen Identität und lassen sich durch Gegenargumente nicht so leicht entkräften.


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