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Münster, 20.11.2017
Riga: Monumentalflagge an der Daugava errichtet PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 20. Oktober 2017 um 11:25 Uhr

FahnenmastRot für Mut, Kampf und Heldentum, Weiß für Erhabenheit und Aufrichtigkeit

Eine monumentale rotweißrote Flagge überragt seit einiger Zeit das Daugava-Ufer in Riga. Sie ist zehn mal zwanzig Meter groß und hängt an einem 60 Meter hohen Mast. Lettlands Nationalsymbol in Monumentalausführung ist ein Projekt des Vereins „Lettlands Fahne“, der private Spenden einsammelt und solche Fahnen auch in Provinzstädten finanziert. Am 18. Oktober 2017 wurde Rigas unübersehbare Flagge auf dem AB-Damm offiziell – wie soll man schreiben – in Betrieb genommen?

Der Mast der Monumentalflagge, Foto: Ernests Dinka, Saeimas Administrācija

 

Bauunternehmer öffneten ihre Schatulle

Zur Feierlichkeit versammelten sich bekannte lettische Politiker am riesigen Fahnenmast. Anwesend waren unter anderem zwei ehemalige Staatspräsidenten, die Parlamentspräsidentin Inara Murniece und der Rigaer Bürgermeister Nils Usakovs. Man könne das Projekt unterstützen, so hatte tvnet.lv vor zwei Jahren das Stadtoberhaupt zitiert. Nun müsse die Kommune überlegen, was man mit der Fahne anfange, beispielsweise am 18. November, dem Tag der Staatsgründung. Zudem bedankte sich Usakovs damals bei den Projektmäzenen, den Bauunternehmern und Millionären Armands Garkans, Juris Kravalis und Maris Martinsons – letzterer ist ein politisch einflussreicher Geschäftsmann, gegen den inzwischen die Antikorruptionsbehörde und Steuerfahnder ermitteln (skaties.lv und lsm.lv). Als vierten im Bunde bedankte sich Usakovs bei einem weiteren Unternehmer und Bobsportfunktionär, Janis Kols. Dessen Sohn Rihards ist Vorsitzender von „Lettlands Fahne“ und Parlamentarier der Nationalen Allianz. Der Nationalkonservative sorgte im Juli 2015 für Schlagzeilen, weil ihn die damalige Ministerpräsidentin Laimdota Straujuma wegen Differenzen in der Flüchtlingspolitik als parlamentarischen Staatssekretär entließ. Im Parlament hatte er einige Monate zuvor gefordert, dass die EU Lettlands „Nichtbürger“, also jene beinahe 250.000 Einwohner ohne lettischen Pass, bei einer eventuellen Flüchtlingsquote als aufgenommene Flüchtlinge werten müsse (LP: hier).

Usakovs und Kols

Nils Usakovs und Rihards Kols bei der Fahnenübergabe an die Stadt Riga, Foto: Ernests Dinka, Saeimas Administrācija

Angeblich eine der ältesten Fahnen der Welt

Rihards Kols` Parteifreundin Inara Murniece appellierte in ihrer Grußrede an die Gefühle ihrer Landsleute. Sie könnten stolz darauf sein, dass Lettlands Fahne als eine der ältesten in der Welt angesehen werde. Das Rot stehe heraldisch für Mut, Kampf und Heldentum, das Weiß für Erhabenheit und Aufrichtigkeit. Zudem erinnerte sie an den 14. Juni 1988, als Konstantins Pupurs erstmals in sowjetischer Zeit mit der lettischen Flagge vom Freiheitsdenkmal bis zum Brüderfriedhof gezogen ist, damals riskierte er noch eine Strafe, weil das Symbol der lettischen Unabhängigkeit verboten war (saeima.lv). Murnieces Auffassung über das Alter des lettischen Nationalsymbols stützt sich auf ein Zitat der in Mittelhochdeutsch geschriebenen Livländischen Reimchronik aus dem 13. Jahrhundert. Im Jahr 1280 hatten sich demnach die Verteidiger der Komtur Cesis unter einer rot-weiß-roten Fahne gegen die Angreifer des Stammeshäuptlings Nameisis versammelt. Daran erinnerten sich die Jungletten Ende des 19. Jahrhunderts und gestalteten nach diesem Vorbild das neue Nationalsymbol.

Krukas Fahnenbild

Nationalromantisch verklärt stellte Maler A. Krukas im Jahr 1936 auf dem Bild "Cesis - die Wiege der lettischen Fahne 1279" die historische Szene dar. Foto: Fair use, Saite

Nicht genügend stolz

Der Verein „Lettlands Fahne“ hat solche Monumentalflaggen bereits in Ogre, Smiltene, Valka und Limbazi finanziert, weitere sind in Sigulda, Aluksne, Liepaja und Valmiera geplant. Einige Kommunen unterstützen die neue Flaggenzierde mit Geld aus der Stadtkasse. Internetnutzer konnten auf der Vereinswebseite (latvijas-karogs.lv) über die Standorte abstimmen. Nach Vereinsangaben mangelt es den Landsleuten an etwas, das kaum einem Deutschen an ihnen als fehlend auffallen würde: „Die Urheber der Projektidee Lettlands Fahne ist eine Gruppe von Gesinnungsgefährten, die folgernd, dass Lettlands Einwohner auf die eigenen nationalen Symbole nicht genügend stolz sind, beschlossen hat, vielen anderen Ländern der Welt als positive Beispiele für die Aufstellung großflächiger Fahnen an gut sichtbaren Orten zu folgen (Argentinien, USA, Brasilien, Bulgarien, Tschechien, Südafrika, Kanada, Großbritannien, Luxemburg, Polen, Schottland, Ungarn u.a.). Die Vereinsvertreter sind überzeugt, dass es für die lettischen Einwohner gerade heutzutage sehr wichtig ist, das staatliche Selbstbewusstsein und das Zugehörigkeitsgefühl zu Lettland zu mehren, und dieses Projekt ist eines der Arten, dies zu verwirklichen.“

Flagge über Riga

Die Flagge am Pardaugava-Ufer steht auf dem AB-Damm, Foto: Ernests Dinka, Saeimas Administrācija

AB-, CDE- und FG-Damm

Bleibt noch die Frage, weshalb Rigas Mammutflagge auf einem Ort errichtet wurde, der AB-Damm heißt. Spoki.tvnet.lv gibt Auskunft. Das Dammsystem an den Daugava-Ufern der Hauptstadt wurde nach 1860 errichtet. Das Rigaer Börsenkomitee wollte den Fluss zur Wasserstraße ausbauen. Die Dämme benannte man etwas technokratisch in der Reihenfolge ihrer Entstehung nach dem Alphabet. Nach dem AB-Damm im Jahr 1886 entstand ein Jahr später noch ein CDE-Damm und 1891 schließlich ein FG-Damm. Bis 1944 konnte der AB-Damm als Hafen genutzt werden, dann sprengten deutsche Soldaten das Gelände, das mit Holzpfosten umsäumt war. In sowjetischer Zeit wurde der Damm als Betonkonstruktion in der neuen Gestalt errichtet und nach dem Jungletten Krisjanis Valdemars benannt. Doch nach der lettischen Unabhängigkeit erhielt er wieder die originale Bezeichnung – AB-Damm.

 

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