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Münster, 14.11.2018
Riga: Die Barock-Orgel der Petrikirche soll rekonstruiert werden PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 16. August 2018 um 00:00 Uhr

Eine deutsch-lettische Initiative organisiert Benefiz-Konzerte und bittet um Spenden

Entwurf zur Die Rigaer Petri-Kirche hat seit ihrer Entstehung im 13. Jahrhundert wechselhafte Zeiten durchgemacht. Sie diente der Bürgerschaft im Kampf gegen die Mönchsritter als Waffenlager, hier predigte erstmals ein Anhänger Luthers. Der einst hölzerne Turm musste mehrmals neu errichtet werden. Während des deutschen Angriffs auf Riga im Juni 1941 trafen Artilleriegeschosse Rigas Wahrzeichen, das im Stil der Barockgotik das städtische Panorama prägt. Die Basilika brannte damals aus und abermals stürzte ihr markanter Turm ein. 1973 begann der Wiederaufbau. Der Turm erhielt einen Aufzug und ist seitdem eine Touristenattraktion. In der Sowjetzeit wurde die Kirche für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Jetzt finden dort wieder Gottesdienste statt. Für die Gottesdienste fehlt allerdings ein wichtiger Gegenstand: Auf der Orgel-Empore herrscht gähnende Leere. Seit 2011 engagiert sich die lettisch-deutsche „Orgel-Stiftung Petri-Kirche Riga“, neuerdings unterstützt vom gemeinnützigen deutschen „Förderverein Orgel Petri-Kirche Riga e.V.“ für die Rekonstruktion der einstigen Barock-Orgel, die Gottfried Kloosen 1734 fertigstellte.

Kristian Wegschneiders Entwurf zur Rekonstruktion der Barock-Orgel in der Petri-Kirche, Foto: Klaus Wittmann

 

Kristian Wegscheider, ein Dresdener Orgelbaumeister, legte vor sieben Jahren einen ersten Entwurf von der vermutlich ehemaligen und zukünftigen Gestalt der Kloosen-Orgel vor. Er orientierte sich an einem erhaltenen Foto und an einem Dokument des Rigaer Stadtarchivs, das den Bauvertrag enthält und die damaligen Kosten auflistet. Es enthält detaillierte Angaben über die Anzahl der Orgelpfeifen, Blasebälge usw. Um die einstige Gestalt genau zu erfassen, verglich man das Werk Kloosens mit barocken Orgelbauten in Danzig und in Mitteldeutschland, zudem wurden im Marburger Herder-Archiv weitere Fotos zu Einzelheiten der Kloosen-Orgel entdeckt.

Gottfried Kloosen stammte aus dem schlesischen Meffersdorf in der Nähe von Görlitz. Er erlernte den Orgelbau vermutlich bei Andreas Hildebrandt in Danzig und arbeitete seit den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts in der baltischen Region. Er konnte Kirchenorgeln nicht nur bauen, sondern auch spielen. Zwölf Jahre lang war er Organist der Rigaer Johanniskirche. Zugleich baute er die üppig verzierte Orgel für die benachbarte Petrikirche, dafür benötigte er vier Jahre. Sein Instrument fand einen prominenten Spieler: Johann Gottfried Müthel, der letzte Schüler Johann Sebastian Bachs. Nachdem Kloosen noch die Domorgel repariert hatte, zog er 1740 zurück in seine Heimat Schlesien, wurde dort ein Görlitzer Bürger. 1886 wurde sein betagtes Instrument durch eine Orgel im romantischen Stil ersetzt.

Innenraum der Petrikirche

Der Innenraum der Rigaer Petrikirche, Foto: Diliff - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

In Fachkreisen hat sich seit der „Orgelbewegung“ der 20er Jahre eine gewisse Skepsis gegenüber romantischen Orgeln entwickelt, weil sie als „Fabrikware“ in Verruf gerieten. Zudem verfügt der Rigaer Dom bereits über eine solche, während Instrumente aus der Bach-Zeit eine Rarität mit besonderem Klang darstellen.

Der bedeutende Berliner und Bremer Organist Professor Klaus Eichhorn setzt sich für das Rigaer Projekt ein. „So wie heutzutage ein Barockorchester auf originalen und nachgebauten Instrumenten die Musik jener Epoche aufführt, ist der Reichtum der Ursprünglichkeit barocker Orgelmusik nur auf originalen oder rekonstruierten Instrumenten authentisch erlebbar.“ sagte er der Lettischen Presseschau.

Die UNESCO, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, hat die deutsche Orgelbaukunst und –musik zum „Immateriellen Weltkulturerbe“ erklärt, zum Weltkulturerbe gehört auch schon Rigas Altstadt, also gleich zwei Gründe für eine Rekonstruktion, für die sich Stiftung und Förderverein engagieren. Mit dem Geiger Gidon Kremer wurde ein bekannter Schirmherr gefunden, und auch der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck unterstützt das Projekt. Der Verein hat inzwischen einen kompetenten Fachlichen Beirat, zu dem neben dem Architekten Peteris Blums (Riga) die Orgelsachverständigen Mikus Dzenitis (Riga), Klaus Eichhorn (Berlin), Martin Rost (Stralsund) und Krzysztof Urbaniak (Krakau) gehören. Diese Experten beraten beim baulichen Gutachten und bei fachlichen Fragen.

http://lettische-presseschau.de/images/LP/18lp08august/wc.kloosen.orgel.petrikirche.jpg

Ein Foto der Kloosen-Orgel, das vor 1887 entstanden sein muss


Für den Vereinsvorsitzenden Klaus Wittmann, Bundeswehrgeneral a. D. und Historiker, „ist die Rekonstruktion der Barockorgel ein geradezu idealtypisches Projekt überstaatlicher europäischer Kulturpolitik“. Der ehemalige NATO-Berater hat gute Kontakte zu Ministerien und deutschbaltischen Verbänden und nutzt diese nun für das Vorhaben. Inzwischen ist er auch Mitglied des deutsch-lettischen Kulturvereins Domus Rigensis. Sein ehrenamtliches Engagement hat auch einen persönliches Grund, denn in Riga wirkte einst sein Urahn: „Dieser, Adam Hinrich Schwartz, Bürgermeister Rigas von 1740-62, hat zuvor als Ratsherr gewiss der Einweihung der Kloosen-Orgel 1734 beigewohnt,“ sagte er der Lettischen Presseschau. Und der renommierte Architekt Peteris Blums begründete sein Engagement so: „Wenn die Petri--Kirche ihre Stimme wiederhat, dann ist für die Rigaer Altstadt der Zweite Weltkrieg endgültig zuende.“

Für das Projekt werden etwa 1,5 Millionen Euro benötigt. Der Verein organisiert dafür Benefizkonzerte, das nächste findet am 28. Oktober in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche um 20 Uhr statt. Außerdem können ab 50 Euro Orgelpfeifen-Patenschaften erworben werden, auf den Pfeifen wird ab 500 Euro der Name des Spenders eingraviert. Weitere Informationen zur Kloosen-Orgel, zu Benefiz-Konzerten und der Möglichkeit, die Patenschaft für eine Orgelpfeife zu übernehmen, sind der vereinseigenen Webseite www.orgel-petrikirche-riga.de zu entnehmen.

 

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