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Münster, 05.6.2020
"Ghetto ohne Zaun": Schüler drehten Film über Exilletten in Münster PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 09. Oktober 2009 um 20:06 Uhr
DVD des Hittorf-GymnasiumsAm Ende des Zweiten Weltkriegs verloren viele Menschen ihre Heimat. Zu ihnen zählten zahlreiche Lettinnen und Letten, die vor der stalinistischen Diktatur in ihrem Land geflohen waren. Manche von ihnen fanden Zuflucht in Münster und Umgebung. Den Deutschen blieb das Schicksal der Exilletten weitgehend unbekannt. Doch nun haben Schüler des Münsteraner Wilhelm-Hittorf-Gymnasiums in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe ein Projekt des deutsch-lettischen Netzwerks draudzība verwirklicht: Sie erforschten die Geschichte dieser Displaced Persons. Sie interviewten Münsteraner Zeitzeugen, die das LCM vermittelt hatte, und produzierten daraus eine aufschlussreiche DVD, die zeigt, dass das Verhältnis zwischen Letten und Deutschen am Anfang nicht gerade von multikultureller Hochstimmung geprägt war. Der Film wurde am 30.9.09 in der Schule der jungen Filmemacher vorgestellt. (Eine Vorpremiere fand aber schon im November 2008 im Beisein der damaligen lettischen Generalkonsulin statt, anlässlich des 90. Geburtstages der lettischen Republik).
Copyright: Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
Die meisten Exilletten, die nach Münster gelangten, hatten bereits eine Odyssee durch verschiedene Flüchtlingslager hinter sich gebracht. Die Stadt der Wiedertäufer bot ihnen eine endgültige Bleibe. So entstand an der Grevener Straße ein lettisches Zentrum. Dort wurde 1951 das exillettische Gymnasium gegründet, es blieb bis zu seiner Schließung das einzige weltweit.
Kontakte zur deutschen Bevölkerung waren in den ersten Jahren selten. Vorurteile und Ängste bestimmten das Verhältnis zueinander. Zwei interviewte lettische Zeitzeugen beschreiben ihr damaliges Lagerleben als "Ghetto ohne Zaun", ein Leben hinter einer unsichtbaren Wand, getrennt von den Einheimischen. Erst der Entschluss, die Grenzen zu überschreiten, ließ Freundschaften und Beziehungen entstehen. Inzwischen sind die ehemals Fremden zu Münsteranern geworden. Mit Stolz und Freude blicken sie auf ihre gelungene Integration zurück, die sie selbst gewollt und aktiv betrieben haben.
Die Filmemacher konnten sich kaum auf das nur spärlich vorhandene Material in den Archiven stützen. Deshalb interviewten sie jene, die die Zeit, als die Letten noch als Flüchtlinge galten, erlebt hatten. Dafür ernteten sie das Lob ihres Geschichtslehrers Dr. Heinz-Jürgen Trütken-Kirsch: „Sie verstanden es durch ihre liebenswürdige wie offene Art den Film zu einem echten Zeitdokument zu machen.“ Auch Dr. Markus Köster, Historiker und Leiter des LWL Medienzentrums für Westfalen, ist vom Ergebnis überzeugt: „Die Zeitzeugenberichte bieten eine besondere Chance, sich ein Bild über das Alltagsleben sowie subjektive Erfahrungen und Erinnerungen der Displaced Persons aus Lettland zu machen. Gleichzeitig lernen wir ein Stück münstersche Geschichte aus der unverstellten Sicht von heutigen Jugendlichen kennen."

Die DVD entstand im Rahmen des vom LWL-Medienzentrum und dem Geschichtsort Villa ten Hompel initiierten medien- und geschichtspädagogischen Draudziba-Projekts „Geboren vor 1945 in...“ und ist jetzt als  Sonderpublikation der „Schriftproben“, einer Schriftenreihe des Wilhelm-Hittorf-Gymnasiums, veröffentlicht worden. Schulen und außerschulische Bildungseinrichtungen können ihn kostenlos im LWL-Medienzentrum (Fürstenbergstr. 14) ausleihen. Der 33-minütige Film enthält neben Gesprächen mit Zeitzeugen auch Interviews mit Wissenschaftlern und kurze historische Sequenzen.
Dieser Text basiert auf einer Pressemitteilung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe vom 1.10.09

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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 28. Januar 2011 um 11:05 Uhr
 

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