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Münster, 26.4.2017
Lettland: Gemeinde Amata will ihr Kulturdenkmal Āraišu ezerpils (Arrasch-Seeburg) attraktiver gestalten PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 25. April 2015 um 00:00 Uhr

Airasi-RekonstruktionAn heiteren Tagen lohnt die Ausfahrt in die Hügellandschaft um das historische Cēsis. Dort, wo die Störche grüßen, lässt sich manches Idyll entdecken. Viele Reisende, die die livländische Ordensburg in dieser Stadt besichtigen wollen, machen zuvor Rast am kleinen Āraiši-See, der zur Gemeinde Amata gehört. Am Schilfufer führt ein langer Steg zu eigenartigen Bauten. Auf einem Inselchen geht man auf Bohlen durch ein kleines Gassengewirr zwischen etwa zwei Dutzend Holzhäuschen, die aus dem gleichen Material wie die Wege gefertigt wurden. Statt Fenster und Türen sieht man nur kleine Rechtecke in den Holzwänden. Wer hineinkriecht, wird in der dunklen Kammer kaum Behagliches entdecken. Auf diese Art wohnte der hiesige Stamm der Lettgaller vor über 1000 Jahren. Ein Schild weist auf die Besonderheit der Anlage hin. Die Insel Āraiši sei "das erste so weitgehend erforschte und rekonstruierte archäologische Denkmal solchen Typs für Nordosteuropa". Allerdings bereitet es der Gemeinde Amata derzeit Schwierigkeiten, das Gelände zu sichern und zu entwickeln. Das Āraiši-Forum tagte am 17. und 18.4.15, um über die Zukunft dieses Ortes zu diskutieren.

Rekonstruierte Āraiši-Siedlung, Foto: LP

 

Als von Sievers im Schlamm grub

Erstmals begab sich Jakob Carl Georg Graf von Sievers 1876 zu Forschungszwecken zum Āraiši-See. Er war ein deutschbaltischer Archäologe und interessierte sich für das Leben der baltischen Stämme in der Zeit, als die Norddeutschen das Land noch nicht erobert hatten. Er fand auf der Insel fünf oder sechs Grundrisse, die offenbar aus sehr alter Zeit stammten. Doch er musste die Grabungen abbrechen, denn immer wieder störte Wassereinbruch seine Arbeit. Er lud ein Jahr später Rudolf Virchow aus Berlin zur Hilfe. Der renommierte Wissenschaftler, Arzt, Politiker usw. war u.a. auch auf dem Gebiet der Archäologie tätig. Er grub einige Holzreste aus und folgerte, dass sich auf der Insel eine Pfahlbautensiedlung aus der Eisenzeit befunden habe. Es dauerte noch ein Jahrhundert, bis das Gelände gründlicher untersucht werden konnte. In den 60er und 70er Jahren ließ der Archäologe Jānis Apals erst einmal Wasser ablassen, um ungestört graben zu können. Nach seinen Kenntnissen wurde die heutige Inselsiedlung rekonstruiert. Laut einer Beschreibung der Universität Leipzig fanden die Archäologen Überreste von 130 Wohn-, Wirtschafts- und Verteidigungsbauten, die in fünf verschiedenen Bauphasen des 9. Jahrhunderts entstanden sind. Schon damals strebte der Mensch nach mehr Wohnfläche. Die einräumigen Blockhäuser wurden durch mehrräumige Gebäude ersetzt. Die Leipziger betonen, dass Āraiši für die Erforschung der baltischen Hausentwicklung große Bedeutung habe. Sie nennen auch einige Fundstücke, die etwas über den Alltag der damaligen Inselbewohner verraten: Die 3000 Funde sind überwiegend Keramikreste. Auch Teile eines Pferdegeschirrs, eines Schlittens, Imkereigeräte und Bastsandalen gehörten zu den Produkten, die die Insulaner bereits benutzten. Die Innenausstattung der Häuser ermöglichte immerhin das trockene Schlafen und Sitzen an einer Wärmequelle, einem Lehmofen. Ihre Bewohner betrieben Ackerbau und Viehzucht. Körnerreste von Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Erbsen, Flachs und Rübsamen sowie Knochenreste von Pferd, Rind und Schwein lassen Rückschlüsse auf die Speisekarte zu. Für die Archäologen deuten diese Hinterlassenschaften auf eine "sozial differenzierte Gemeinschaft" von Kleinfamilien. Am Seeufer sind auch Fundamente aus späterer Zeit zu entdecken: Die Mönchsritter des livländischen Ordens errichteten hier eine Steinburg, die zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert bewohnt wurde. Sie diente als wirtschaftliches Nebengebäude der Burg Wenden (Cēsis).

Airasu ezerpils

Foto: "Araisi" by Semigall - Paša darbs. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Viele Ideen und kein Geld

Nach der erfolgten Besichtigung steigen die Reisenden wieder ins Auto. Den Wunsch, das Gesehene bei Kaffee und Kuchen zu besprechen oder den Kindern ein Eis zu spendieren, kann man sich hier nicht erfüllen. Die kleine Ortschaft aus der Vorzeit wirkt gespenstisch leblos. Manche hatten hier sogar Gesichte und behaupteten, auf dem Grund des Āraiši-Sees ein Schloss zu sehen. Die Gemeinde Amata möchte ihre Inselsiedlung aufwerten, damit sie nicht nur bei der Durchreise nach Cēsis aufgesucht wird. Die Leiterin des archäologischen Parks von Āraiši, Agnese Ramata, wird auf lsm.lv zitiert. Der Staat investiere zuwenig. Pläne könnten nicht verwirklicht werden, weil kein Geld zur Mitfinanzierung für EU-Projekte vorhanden sei. Die Rekonstruktion der Inselsiedlung stammt aus den 90er Jahren. Sie müsste dringend erneuert werden. Die Gemeinde Amata wäre bereit, die Pflege des Geländes zu übernehmen. Doch Bürgermeisterin Elita Eglīte warnt im selben Artikel, dass auch Amata nicht genug Geld habe, um Erhalt und zukünftige Erweiterungen zu bezahlen. Dieses bedeutende historische Objekt habe eine bessere Finanzierung durch den Staat verdient, ihre Kommune könne einbezogen werden, aber sich nur mit einem geringen Teil an den Kosten beteiligen. Ideen sind vorhanden. Amata plant beispielsweise, am See ein Touristeninformations-Zentrum zu errichten. Dies könnte mit Toiletten, einem Souvenirladen und einer Ausstellungshalle ausgestattet sein. Am 17. und 18.4.2015 traf sich in Amata das Āraiši-Forum. Eglīte und Ramata diskutierten mit Experten über die historische Bedeutung der Stätte und entwickelten Vorschläge, den Ort für Touristen attraktiver zu machen. Das Problem mangelnder staatlicher Investitionen konnten die Versammelten nicht lösen.

 

Externe Linkhinweise:

lsm.lv: Trūkst līdzekļu Āraišu ezerpils attīstībai

cesis.pilseta24.lv: Notiks publiskā diskusija "Āraišu forums"

 

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