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Münster, 20.11.2017
Misshandlungen in lettischen Kinderheimen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 14. Oktober 2017 um 14:58 Uhr

Mitten in der Nacht abgeholt

Janis reirsDie Situation in den lettischen Kinderheimen habe sich entscheidend verbessert, verlautbarte Sozialminister Janis Reirs am 11. Oktober 2017 im Lettischen Radio (lsm.lv). Das hätten verschiedene Experten der Vereinten Nationen, der staatlichen Aufsicht für Kinderschutzrechte und des Sozialministeriums bestätigt. Die Verhältnisse in den Heimen für Waise und schwer Erziehbare werden nach Aussage des Politikers seit dem Jahr 2000 ständig überprüft. Am Anfang habe es physische Gewalt gegeben, diese sei später durch emotionale ersetzt worden. Reirs will nicht ausschließen, dass immer noch Gewalt in solchen Einrichtungen vorkommt, doch das System sei darauf ausgerichtet, solche Fälle aufzuspüren. Die öffentlichen Stellungnahmen des Ministers in dieser Sache haben einen bestimmten Grund. Im April 2017 hatten die öffentlich-rechtlichen Medien über die skandalösen Zustände in einem Kinderheim in Jelgava berichtet und der Minister bestritt damals, dass dieser Fall repräsentativ sei.

Minister Janis Reirs, Foto: Saeima - Flickr: 10.Saeimas deputāts Jānis Reirs, CC BY-SA 2.0

Eine Psychologin, die in einem Kontrollteam des Sozialministeriums arbeitet, bekannte am 18. April 2017 im Lettischen Radio, dass das, was sie im Kinderheim von Jelgava beobachtet habe (lsm.lv), die „Hölle“ gewesen sei: Das Aufsichtspersonal habe sich nicht im Griff gehabt und sogar im Beisein von Fremden die Kinder an den Haaren gezogen, ihnen den Mund mit Essen gestopft, sie ständig zurechtgewiesen. Die Kinderschutzbehörden hatten zuvor mehrere Anzeigen aus Jelgava erhalten. Demnach wurde den Heimkindern gedroht, sie in die Psychiatrie oder in ein Internat abzuschieben. Blaue Flecken auf ihrer Haut wurden angeblich übersehen. Weil das Vertrauen fehlte, scheuten sich die Zöglinge, beim Personal um Hilfe zu bitten. Die städtische Polizei holte die Kinder unangekündigt mitten in der Nacht ab, um sie ins Heim zu bringen.

Die öffentlich-rechtlichen Medien berichten seitdem unter dem Titel „Die Kinder des Systems“ (lsm.lv) in zahlreichen Beiträgen über dieses Thema. Demnach scheint Jelgava kein Einzelfall zu sein, wie es der Minister suggeriert. Er hält die Verhältnisse in den Heimen nicht für ein systembedingtes Problem. Arija Martukāne, Vorsitzende eines Vereins, der die Interessen professioneller Pflegefamilien vertritt, widerspricht ihm. Die Kinderhäuser deformierten das Verständnis der Kinder von Familie. Es sei eine üble Tat, Kleinkinder bis zu drei Jahren in solchen Anstalten aufzubewahren. Wenn es Probleme mit einem solchen Kind gebe, würde es einfach in ein anderes Heim abgeschoben. Sie habe einen Fall erlebt, wo ein Kind sieben mal das Heim gewechselt habe. Menschen, die von Anfang an in solchen Heimen untergebracht waren, entwickelten Denk- und Kommunikationsstörungen und hätten auch emotionale Probleme.

Liga Abolina, stellvertretende Staatsministerin des Sozialministeriums stimmt der geäußerten Kritik zu. Ein Kinderheim sei kein angemessener Ort für Kinder. Imants Paradnieks, Saeima-Abgeordneter der Nationalen Allianz und Vorsitzender des Ausschusses für demographische Angelegenheiten, hält die Probleme in den Kinderheimen für systembedingt und sieht die Leiter solcher Anstalten in der Verantwortung. Die vom Dienst suspendierte ehemalige Leiterin des Kinderheims von Jelgava muss wahrscheinlich wegen des Missbrauchs von Vormundschaftsrechten vor Gericht erscheinen. (lsm.lv)

Laut offiziellen Angaben existieren in Lettland drei staatliche soziale Pflegeeinrichtungen mit sieben Filialen sowie 46 Heime, die zum größten Teil in kommunalem Besitz sind. In diesen Einrichtungen wurden am Anfang des Jahres 2015 insgesamt 1551 Kinder gezählt, 244 von ihnen in einem Lebensalter von höchstens drei Jahren. Kommunale Vertreter und natürlich die Heimbeschäftigten haben ein Interesse am Erhalt der Häuser, weil sie der Stadtkasse Steuergeld einbringen und Arbeitsplätze sichern. (lsm.lv)

Die Zeitschrift Ir nennt in ihrer jüngsten Ausgabe ein Kinderheim in Daugavpils als Beispiel, für das die Stadt 700.000 Euro aus Steuermitteln erhält. 66 Prozent davon werden für Gehälter ausgegeben. Mit der Betreuung von 53 Heimkindern sind 59 Angestellte beschäftigt, darunter 28 Erzieher, sechs Tagesmütter und Spezialisten wie Psychologen, Sozialpädagogen oder Physiotherapeuten (irlv.lv). Helena Soldatjonoka, die den Stadtrat von Daugavpils in sozialen Fragen vertritt, verhehlt nicht, weshalb die Kommunalpolitiker weiterhin Kinderheime wünschen. Man habe gerade eine beträchtliche Summe zur Renovierung des Heims ausgegeben. „Und nun soll das Gebäude leerstehen?“ fragt sie. Man habe in der Stadt schon so viele leerstehende Gebäude und wer helfe den Menschen, die eine Hochschulausbildung haben, eine neue Arbeit zu finden? (irlv.lv)

Trotz solcher Einwände scheinen die Tage der meisten Kinderheime offenbar gezählt. Die Unterbringung in Pflegefamilien ist nicht nur weitaus billiger, wichtiger ist, dass für die Betroffenen eine Kindheit in Ersatzfamilien auch besser ist. Die lettische Regierung will bis 2023 ein von der EU finanziertes Deinstitutionalisierungsprogramm umsetzen. Das Geld will Reirs nicht für Verbesserungen in den Heimen, sondern für eine bessere Betreuung ausgeben. Das bedeutet wohl, dass viele Heime geschlossen und mehr Kinder in Pflegefamilien aufwachsen werden.

 

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