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Münster, 17.8.2018
Lettland: Auftragsmord am Brüderfriedhof PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 07. Juni 2018 um 18:26 Uhr

Insolvenzverwalter Martins Bunkus in Riga erschossen

BrüderfriedhofDie Blumenhändler am Ehrenfriedhof im Rigaer Norden wurden am 30. Mai 2018 kurz vor neun Uhr morgens durch Schüsse aufgeschreckt. Am Ort des Geschehens sahen sie einen Range Rover, der sich in den Friedhofszaun gebohrt hatte, die Tür stand offen. Davor lag ein toter Mann, dessen weißes Hemd völlig mit Blut durchtränkt war. Polizisten sperrten den Tatort an der Aizsaules iela 1 ab. In der Nähe fanden sie einen ausgebrannten VW-Kastenwagen mit gefälschtem Nummernschild, der wahrscheinlich für die Mordtat benutzt worden war. Es stellte sich heraus, dass der Tote Martins Bunkus ist. Die Fahnder sind davon überzeugt, dass es sich um einen Auftragsmord handelte, der mit der beruflichen Tätigkeit des Opfers in Zusammenhang steht (lsm.lv). Als Insolvenzverwalter musste Bunkus viel Geld eintreiben und war gewiss der Schrecken mancher Schuldner. Doch in den Medien wird auch spekuliert, ob Bunkus selbst nicht immer gesetzestreu gehandelt hat.

Brüderfriedhof in Riga, Foto: Zhagatasligzda - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

 

Bunkus wurde 1980 geboren, zu seinem Lebenslauf gehört das Berliner Alexander-von-Humboldt-Gymnasium, das er Mitte der 90er Jahre besucht hat. Später studierte er an der Lettischen Universität, wurde Jurist und gründete 2004 sein eigenes Rechtsanwaltsbüro (lsm.lv). Guna Kaminska, stellvertretende Vorsitzende des Rats vereidigter Anwälte, zeigte sich über seinen Tod erschüttert. Auch sie glaubt, dass das Tatmotiv im Zusammenhang mit Bunkus` Tätigkeit steht, hält ihn aber für einen aufrichtigen Menschen, über den in ihrem Rat nichts Negatives bekannt gewesen sei (lsm.lv). Ihre Vereinigung bestimmte in diesem Jahr Bunkus als einer von zehn Verwaltern für die lettische Bankenaufsicht FKTK, denen die Abwicklung von Geldinstituten anvertraut ist. Als Insolvenzverwalter hatte der Jurist viel zu tun, auch viel mit Geld zu tun.

Privat war er Gläubiger seiner Angehörigen, denen er Geld in Millionenhöhe geliehen hatte. Er besaß Immobilien in der Hauptstadt, Marupe und Saldus und verdiente mit Insolvenzverwaltung 2017 anderthalb Millionen Euro. Er spendete für die Partei Vienotiba.

Derzeit blühen Spekulationen, welche seiner Tätigkeiten ihm zum Verhängnis wurde (lsm.lv). Er war mit der Abwicklung der Trasta komercbanka verbunden, die in Geldwäscheaktivitäten verstrickt war und 2016 bankrott ging.

Bunkus wird auch mit der jüngst pleite gegangenen ABLV-Bank (LP: hier) in Zusammenhang gebracht. Die ABLV-Aktionäre hatten beschlossen, ihre Bank selbst zu liquidieren, damit auch das Recht, den Insolvenzverwalter selbst zu bestimmen. Laut Medienberichten wählten sie dafür ein Parteimitglied der Nationalen Allianz aus. Die lettische Bankenaufsicht zögert aber bis heute, die ABLV zu liquidieren. Angeblich hatte auch Bunkus, der der Vienotiba nahesteht, Interesse daran, diese Aufgabe zu übernehmen.

In der Presse wird ein parteipolitisches Konkurrenzverhältnis zwischen Insolvenzverwaltern angedeutet, zwischen jenen, die zum Umfeld der Nationalen Allianz gezählt werden und Bunkus, der der Vienotiba nahestand.

Außerdem berichten die Medien über Bunkus` Ungereimtheiten bei der bereits zehn Jahre dauernden Insolvenzverwaltung des Süßwarengroßhandels Rega Trade (diena.lv). Er hatte von den Vorstandsmitgliedern mehr als 700.000 Euro eingetrieben, doch über den Verbleib sie entlastender Dokumente geschwiegen. Einem beteiligten Unternehmer gelang es, den Prozess wieder aufzurollen. Die Richter hielten Bunkus` Verhalten für nicht akzeptabel. Ein Tag vor seinem Tod hatte Bunkus Auktionen abgesagt, auf der er Forderungen gegen zwei Rega-Trade-Unternehmer in Höhe von 400.000 Euro versteigern wollte.

Die journalistischen Spekulationen ergeben bislang kein stichhaltiges Tatmotiv, doch sie deuten darauf hin, dass der Ermordete in einem Milieu aus Konkurrenten und Widersachern agierte, bei dem viel Geld im Spiel war.

Dieses Verbrechen erregte Aufsehen und beschäftigt die Öffentlichkeit. Auftragsmorde gehören in Lettland nicht zum alltäglichen Geschehen. "Das ist etwas Außergewöhnliches, wenn zu heller Tageszeit ein Angriff mit Schusswaffen erfolgt und dabei auch die Menschen in der Umgebung gefährdet werden," meinte am Tag der Tat Innenminister Rihards Kozlovskis und fügte eine Woche später hinzu, dass das organisierte Verbrechen in Lettland nicht die Spielregeln bestimmen dürfe (diena.lv). Der Minister schließt nicht aus, dass die Mörder aus dem Ausland angeheuert wurden, deshalb arbeite die Polizei mit dem Grenzschutz zusammen. Zudem hofft die Regierung auf die Hilfe von US-Behörden, welche in der Aufklärung solcher Fälle große Erfahrung hätten.

 

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