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Münster, 16.10.2018
Missbrauchsvorwürfe nun auch gegen einen lettischen katholischen Priester PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Dienstag, den 11. September 2018 um 00:00 Uhr

Bischof Janis Bulis hält Vorwürfe für eine Provokation, die ihn an Tscheka-Zeiten erinnern

Janis BulisDie Katholiken der lettgallischen Stadt Rezekne sind erschüttert. Ein bekannter und beliebter Geistlicher, der leitende Positionen in der Diözese Rezekne-Aglona einnimmt, wird bezichtigt, einen Mann mit geistiger Behinderung sexuell missbraucht zu haben. Laut Informationen der Polizei hatte eine Nicht-Regierungs-Organisation, deren Name der Öffentlichkeit bislang unbekannt ist, den Fall angezeigt. Fahnder der Abteilung zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens (ONAP) nahmen daraufhin am 29. August drei Männer fest, zwei werden des Menschenhandels beschuldigt, die dem Geistlichen als den dritten Festgenommenen das Opfer für sexuellen Missbrauch verkauft hätten (lsm.lv). Diese Schlagzeilen bringen die katholische Kirche Lettlands wenige Tage vor dem Papstbesuch in eine unangenehme Situation. Manche halten die Beschuldigungen gegen einen beliebten Geistlichen für eine Intrige gegen die Kirche, gegen die Region Lettgallen und gegen Lettland überhaupt und sie protestieren gegen die Festnahme.

Bischof Janis Bulis verteidigt den im Verdacht stehenden Geistlichen, Foto: Ernests Dinka, Saeimas Kanceleja, cropped by Maliepa - Ināra Mūrniece piedalās Vissvētākās Jaunavas Marijas debesīs uzņemšanas svētkos Aglonā, CC BY-SA 2.0, Link


Nach Angaben des ONAP-Vertreters Armands Lubarts hatten seine Kollegen auch zwei Hausdurchsuchungen in Riga und Rezekne durchgeführt, dabei digitales Film- und Videomaterial sichergestellt. Falls der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs gegen eine hilflose Person gerichtlich erwiesen wird, könnte dem Beschuldigten vielleicht sogar eine lebenslängliche Haftstrafe drohen (lsm.lv).

Zbignevs Stankevics, katholischer Erzbischof von Riga, erklärt, dass nichts unter den Teppich gekehrt werden dürfe, seine Kirche sei zur Zusammenarbeit mit den Behörden bereit (lsm.lv). Doch er schließt nicht aus, dass es sich um eine Provokation handeln könne und forderte vor dem Papstbesuch Ende September die Öffentlichkeit auf, den Fall nicht zu politisieren. "Ob sich ein Mensch tatsächlich derart gut maskieren konnte, innerlich völlig verdorben und äußerlich von tadelloser Reputation?" Falls sich hingegen "die Sache als zusammenfabriziert und als Provokation" erweisen sollte, fordert Stankevics die Bestrafung jener, die diese schweren Vorwürfe in die Welt setzten.

Stankevics` Kollege Janis Bulis, Bischof des betroffenen Bistums Rezekne-Aglona, das der Papst besuchen wird, kritisierte in einer Radioansprache die lettischen Medien, die den Namen des festgenommenen Pfarrers bekanntgaben (katedrale.lv). Damit hätten sie Grundrechte verletzt, die Bekanntgabe beachte nicht das Gesetz zum Schutz der Persönlichkeitsrechte und schließlich sei ein Verdächtiger erst dann schuldig, wenn ein Gericht dies festgestellt habe. Der Bischof ist weiterhin von der Unschuld des Geistlichen überzeugt: "Er war auch immer patriotisch gesinnt, auch am Ende der 80er Jahre, als Lettland zu erwachen begann. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass dieser Mensch solchen angezeigten Anschuldigungen schuldig sein könnte."

Bulis hält den Missbrauchsvorwurf für eine gezielte Provokation: "Ehrlich gesagt, schon eine ganze Zeit davor gab es die Ahnung, dass vor dem Papstbesuch in Lettland irgendwelche Provokationen stattfinden können, doch ich hatte nicht gedacht, dass solche derart unverschämt stattfinden, mit lügnerischen Bezeugungen, um die staatlichen Verfolgungsbehörden zu täuschen. Wir hoffen, dass die staatliche Polizei ehrenhaft ihren Verpflichtungen nachkommt, auch die innere Untersuchungsbehörde der Polizei die Überprüfung aller Materialien des Falles vornehmen und den Gang der Ermittlungen kontrollieren wird, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Denn diesmal erinnert die Situation an Tscheka-Zeiten, als man den Priestern antisowjetische Literatur `vorwarf`, sie der antisowjetischen Tätigkeit beschuldigte und danach verhaftete. Dieser Vorfall ist eine enorme Beleidigung sowohl für die eigenen Priester, als auch für die Kirche, Lettgallen und ganz Lettland, für alle Menschen mit gutem Willen."

Etwa 400 Einwohner Rezeknes schlossen sich Bulis` Sichtweise am 9. September an (lsm.lv). Sie demonstrierten in ihrer Stadt und forderten die Befreiung des beliebten Geistlichen aus dem Gefängnis. Den Reportern begründeten die Demonstranten ihren Protest mit den Argumenten, die Bulis zuvor in seiner Radioansprache erwähnt hatte.

 

 

 

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