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Münster, 16.10.2019
Missbrauchsvorwurf gegen katholischen Geistlichen erhärtet sich: Nun ermittelt der Staatsanwalt PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 23. Februar 2019 um 00:00 Uhr

„Dann ist eben alles, wie es ist“

Katholische Kirche in RezekneDie lettische Polizei hat den Fall eines lettischen Geistlichen, der des sexuellen Missbrauchs verdächtigt wird, am 22. Februar 2019 der Staatsanwaltschaft übergeben. Im August des vergangenen Jahres hatte eine Nichtregierungs-Organisation, dessen Name der Öffentlichkeit nicht bekannt ist, Anzeige erstattet. Die Polizei nahm drei Männer zwischen 60 und 73 Jahren fest, zwei von ihnen stehen im Verdacht, Menschenhandel betrieben und sexuelle Gewalt angewendet zu haben. Der dritte beschäftigt die Öffentlichkeit besonders: Er ist hochrangiger katholischer Geistlicher des Bistums Rezekne-Aglona, der Hochburg des katholischen Glaubens in Lettland. Er soll sich am sexuell motivierten Menschenhandel beteiligt haben. Inzwischen ermittelte die Polizei ein weiteres Opfer, einen Mann, der in der Zeit des Missbrauchs noch minderjährig gewesen sei. Wenn sich die Anschuldigungen vor Gericht beweisen lassen, drohen den Tätern lange Haftstrafen.

Eine der katholischen Kirchen in Rezekne, in denen der Angeschuldigte predigte, Foto: Jānis Sedols, CC BY 3.0, Saite

Derzeit sind die öffentlich bekannten Vorwürfe noch unklar: Lediglich die beiden mutmaßlichen Mittäter werden beschuldigt, sexuelle Gewalt angewendet zu haben. Der Geistliche steht im Verdacht, in zwei Fällen am Menschenhandel beteiligt gewesen zu sein. Das schließt theoretisch nicht aus, dass er sich nicht als Kunde, sondern als Verkäufer betätigte, was allerdings unwahrscheinlich sein dürfte.

Das lettische Strafrecht sieht für Menschenhandel mit Minderjährigen Freiheitsstrafen von 3 bis 12 Jahren, eventuell mit Einzug des Vermögens und zusätzlicher Bewährungszeit vor. „Die Befriedigung des Geschlechtstriebs in widernatürlicher Weise“ mit Minderjährigen, die mit Penetration einhergeht, kann mit lebenslänglicher Haft bestraft werden, wobei in Lettland „lebenslänglich“ tatsächlich Gefängnis bis zum Tod bedeutet. Im Unterschied zu den mutmaßlichen Mittätern kam der Geistliche gegen 5000 Euro Kaution frei, steht aber unter polizeilicher Aufsicht.

Dies hindert ihn nicht daran, den Priesterberuf weiter auszuüben. Augenzeugen aus Rezekne berichteten den LTV-Journalisten Ende Januar, dass der Beschuldigte zwar sonntags nicht die Hauptmesse, aber den Vespergottesdienst geleitet und die Beichte abgenommen habe (lsm.lv). Der 73jährige plant, demnächst seinen Ruhestand im Kloster von Vilani zu verbringen, ein Ort, der für die Öffentlichkeit unzugänglich ist.

Seine Festnahme hatte unter den Gläubigen im letzten Herbst Empörung ausgelöst. Mehrere hundert Demonstranten forderten in Rezekne und vor der Saeima seine Freilassung. Janis Bulis, Bischof des Bistums Rezekne-Aglona, hielt damals den Missbrauchsvorwurf für eine gezielte Provokation und Beleidigung Lettlands, die ihn an Tscheka-Zeiten erinnerte.

Inzwischen zeigt Bulis mehr Distanz: Der Beschuldigte sei als Priester gar nicht seinem Bistum unterstellt, sondern gehöre der eigenständigen Marianischen Kongregation an, die er bis zur Festnahme als Vikar selbst geleitet hatte. Auf Vorwürfe gegen Ermittler und Medien angesprochen, meint Bulis nun: „Es ist gewiss nicht verboten zu ermitteln. Falls die Untersuchung tatsächlich etwas ergibt, dann muss man das als Tatsache anerkennen. Selbstverständlich. Dann ist eben alles, wie es ist. Es geschah das, von dem der Mensch dachte, dass es nicht geschehen könnte, doch es offenbarte sich etwas völlig anderes.“

 

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