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Münster, 24.4.2019
Lettische Tierschutzaktivisten von „Dzivnieku briviba“ filmten die Zustände beim Eierproduzenten „Balticovo“ PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 17. April 2019 um 00:00 Uhr

Das industrialisierte Ei für fröhliche Ostern – Hauptsache billig und bunt

Ostereier„Die Hühnerhaltung in Käfigen in den Geflügelfarmen ist eine der grausamsten Formen moderner industrialisierter Agrarwirtschaft. Die Eier, die von Hennen in Gefangenschaft gelegt werden, sind ein unethisches Produkt, das im Gegensatz zu den Werten unserer Gesellschaft steht. Den Hennen in den Käfigen werden ihre natürliche Umgebung und ein artgerechtes Verhalten verweigert. Die Tiere bringen den Tag stehend auf einem Metallrost zu, eingepfercht inmitten von Lärm und Schmutz. Die Hennen haben keine Möglichkeit, sich normal zu bewegen oder ihre Flügel auszustrecken. Sie sehen niemals das Tageslicht und haben nie auf einem soliden Grund gestanden,“ dieses Fazit zog Aivars Andersons, der Vorsitzende der lettischen Tierschutzorganisation „Dzivnieku briviba“ (Freiheit der Tiere) angesichts der beobachteten Missstände beim lettischen Eierproduzenten „Balticovo“ (dzivniekubriviba.lv). Im September 2016 hatten Andersons` Mitstreiter die Balticovo-Legebatterien in Iecava, Madona und Daugavpils heimgesucht und dort das qualvolle Leben und Sterben der Tiere heimlich gefilmt. Mehrere lettische Webportale publizierten das Filmmaterial (z.B. nra.lv oder lsm.lv). Inzwischen will Balticovo, der größte baltische Eierproduzent, mit Bodenhaltung neue Märkte erobern. Die Tierschützer vernetzen sich und fordern ein eu-weites Verbot der Käfighaltung.

Bunte Ostereier, Foto: Georgi Kirichkov - Imported from the Archive Team, CC BY-SA 3.0, Link

Balticovo-PR: Saubere Bilder aus der Verpackungshalle

Laut Selbstdarstellung ist Balticovo von einer hehren „Mission“ geleitet: Der lettische Eierproduzent fühlt sich dafür verantwortlich, Menschen mit gesunden Produkten zu versorgen. Die Manager haben die „Vision“, innerhalb der EU einen Anteil von fünf Prozent beim Verkauf von Eiern und Eiprodukten zu erzielen (balticovo.lv).

Balticovo wurde 1972 als sowjetischer Betrieb in Iecava gegründet. Die „industrialisierte“ Eierproduktion begann laut Firmengeschichte im Jahr 1975. Knapp zwei Jahrzehnte später wurde das Unternehmen privatisiert. Es expandierte, neue Legebatterien kamen hinzu. 2009 hatte Balticovo bereits neun Werkshallen, in denen 1.450.000 Legehennen ihr Dasein fristeten. In ihnen wurden vor zehn Jahren 180.000 Eier stündlich sortiert (balticovo.lv).

Balticovo preist seine modernste Kontroll- und Verpackungstechnik, die mit hohen Hygienestandards einhergingen. Auf der Webseite der lettischen Eierbarone findet man saubere Bilder, die aus dem Labor- und Verpackungsbereich stammen, dazu lächelnde Besucher. Bilder aus dem eigentlichen Produktionsbereich, also aus den Hallen der Legebatterien, bekommt der Kunde nicht zu Gesicht. Im Ehrenkodex, einer achtseitigen PDF-Datei, ist von Ehre, Ehrlichkeit, Professionalität und Kompetenz die Rede. Paragraphen zum Tierwohl sucht man vergeblich. Statt dessen findet man den Hinweis für die Angestellten, dass es nur im Einverständnis mit der Firmenleitung gestattet sei, die Medien über Betriebsinterna zu informieren. Balticovo beachtet nach eigener Darstellung die Menschenrechte, doch wie steht es um das Tierwohl?

Käfighaltung von Legehennen

Diese Art der Käfighaltung ist seit 2012 verboten, doch laut Informationen der Tierschützer haben sich die Zustände in den Ställen von Balticovo kaum geändert, Foto aus einem anderen Betrieb vor 2012: איתמר ק., ITamar K. - Eigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Entsetzliche Bilder aus den Balticovo-Legehallen

Im September 2016 beschlossen Dzivnieku-Briviba-Aktivisten, diese Informationslücke zu schließen. Sie drangen in die dunklen Hallen der Balticovo-Legebatterien ein und filmten entsetzliches Tierleid. Zwischen den zerzausten Hühnern, die stellenweise kahl und teilweise von Insekten und Maden übersät waren, lagen verendete Tiere, teilweise schon in Einzelteile aufgelöst. In mehreren Stockwerken waren die Drahtkäfige übereinander montiert. Sie waren derart mit Legehennen überfüllt, dass sogar gegen die laschen EU-Vorschriften verstoßen wurde. Nach Ansicht der Tierschützer seien nicht einmal die minimalen gesetzlichen Anforderungen beachtet worden (was Balticovo bestreitet).

Seit 2012 ist vorgeschrieben, dass eine Henne auf einer leicht erweiterten Käfigfläche gehalten werden muss, die mindestens 0,075 m² groß ist, Hühnerstangen sollen mindestens 15 cm und Futternäpfe mindestens 12 cm lang sein, das Huhn soll aus Stroh ein Nest bauen können. Die Einrichtungen in den gefilmten Hallen unterschritten sogar diese Mindeststandards.

Und wie reagierte die lettische Veterinärbehörde PVD? Sie warnte nach der Ausstrahlung des Videos vor dem unbefugten Eindringen in Legebatterien. Dies könne bei Hennen Krankheiten verursachen und die Biosicherheit gefährden. Die Firma Balticovo, die zwei Monate zuvor den European Business Award „für hochwertige und umweltgerecht hergestellte Produkte“ erhalten hatte (lettinvest.de), reagierte auf die Dzivnieku-Briviba-Aktion mit einer Presseerklärung, die den Tierschützern unterstellt, selbst das beobachtete Leid verursacht zu haben: „Wenn man in den Stall eindringt, muss das Filmen sehr, sehr still erfolgen und man muss sich langsam bewegen, ohne Kameralicht, das die Vögel erschreckt und ihnen einen sehr großen Stress bereitet, als Folge erdrücken sich die Hühner wechselseitig, erleiden physische Traumata, zudem vergrößert sich wegen des erlittenen Stresses auch die Vogelsterblichkeit.“ (delfi.lv).

PVD bestrafte Balticovo 2016 wegen Tierschutzvergehen mit 1.800 Euro. Zum Vergleich: 2011 verhängte die lettische Wettbewerbskommission wegen illegaler Absprachen mit Konkurrenten über Balticovo eine Geldbuße von 91.659 Lats (130.419 Euro) (db.lv). Aivars Andersons bezweifelt die Wirksamkeit der PVD-Kontrollen: „Offensichtlich ist PVD jahrelang nicht imstande gewesen, die fortwährenden Gesetzesverstöße in den Ställen von `Balticovo` zu verhindern. Die Kontrollen erfolgen sehr selten, sie sind nicht transparent, die Strafen sind meistens unangemessen, selbst für absichtliche Verstöße - und ihre geringe Höhe entspricht nicht dem Umsatz eines Unternehmens industrialisierter Viehzucht.“ (tvnet.lv)

Die unartige Tierhaltung lohnt sich. Lettlands größter Eierproduzent machte 2015 einen Umsatz von 45,9 Millionen Euro; 5,6 Millionen Euro blieben als Gewinn. Balticovo „produzierte“ damals 620 Millionen Eier (delfi.lv). Das meiste von dem, was die Firma an Schalen- und Flüssigeiern oder Eier-Erzeugnissen herstellt, wird über die Landesgrenze verfrachtet, etwa 70 Prozent - nicht nur nach Österreich, Deutschland und in andere EU-Länder, sondern auch in die USA, Japan, neuerdings nach Südostasien, nach Afghanistan oder Angola, wo die Kleinbauern mit der europäischen Billigware kaum konkurrieren können (horeca.lv).

Für die Eigentümer ist diese Massenproduktion lukrativ. Etwa 95 Prozent der Balticovo-Aktien gehören der Holding BCO, die sich wiederum zu 66 Prozent im Besitz von Tatjana Poplavska befindet. Sie galt 2016, im Jahr des betriebseigenen Legehennenskandals, mit 30 Millionen Euro Privatvermögen als reichste Frau Lettlands – oder - wie es die Nachrichtenagentur BNN formulierte, führte sie die „TOP 10 of Latvia`s most successful businesswoman“ an (bnn-news.com).

BCO-Miteigentümer Valdis Grimze macht sich öffentlich Gedanken über die zukünftige Unternehmensstrategie (sos113.eu). Er wittert im Bereich artgerechterer Eierproduktion neue Marktchancen. In Westeuropa und Skandinavien steige die Nachfrage nach Eiern aus käfigloser Haltung.

Bodenhaltung

Auch Bodenhaltung wie hier in den USA ist von einem artgerechten Tierleben noch weit entfernt, Foto: USDA, Public Domain

Bodenhaltung eröffnet neue Marktchancen

Bei der schlechtesten Haltungsform der Käfig-Kategorie 3 (ndr.de) kommt es inzwischen zur Überproduktion. Deshalb möchte Balticovo acht Millionen Euro in die Bodenhaltung investieren, der zweitschlechtesten Haltungsform der Kategorie 2, die es erlaubt, in einer käfiglosen Halle neun Hühner pro Quadratmeter zu halten. Toms Auskaps, Balticovo-Manager, kündigte im März 2019 den Bau von drei käfiglosen Ställen in Iecava an (lsm.lv). In ihnen werden zukünftig 260.000 Legehennen gehalten. Übrigens scheint für Balticovo die Kükenaufzucht nicht profitabel. Den Legehennennachwuchs bezieht die Firma lieber aus Deutschland, die ausgedienten Legehennen enden zur "Weiterverarbeitung" in Polen.

Trotz der Propagierung etwas besserer Haltungsformen lässt Balticovo noch etwa 95 Prozent der Eier in Käfigen legen. Allerdings soll die Bodenhaltung ausgeweitet werden, denn wichtige Abnehmer wie einige in Lettland tätige Discounter haben angekündigt, ab 2025 keine Eier mehr aus Käfighaltung zu beziehen. Laut Aussage Grimzes bevorzugen mehr als 90 Prozent der Kunden in den baltischen Ländern, die über eine vergleichsweise geringe Kaufkraft verfügen, die billigen Eier der Haltungsform 3.

Solch zähe Entwicklungen reichen den Tierschützern nicht. Die lettischen Dzivnieku-Briviba-Aktivisten haben sich mit Mitstreitern in ganz Europa vernetzt, um das endgültige Aus für die Käfighaltung einzufordern. Gemeinsam starteten sie im Internet die Kampagne „End the Cage Age“, an der auch deutsche Tierschutzorganisationen beteiligt sind. In ihrem Aufruf appellieren sie: „Hunderte Millionen Tiere in der gesamten EU durchleiden diesen Albtraum. Muttersauen werden gezwungen, ihre Ferkel in Gitterkäfigen zu stillen, Kaninchen und Wachteln erdulden ihr gesamtes Leben in trostlosen Käfigen. Sehr junge Kälber werden in Einzelbuchten gepfercht, viele Hühner werden noch immer in Käfigen gehalten. Enten und Gänse werden eingesperrt und zwangsgemästet, um Stopfleber zu produzieren. Gemeinsam können wir Europa von diesen Käfigen befreien. Mach mit und unterzeichne unsere Europäische Bürgerinitiative (Petition) zum Verbot von Käfigen in der Nutztierhaltung in Europa. Wenn sich über eine Million Menschen zusammentun, können wir eine Zukunft ohne Käfige erreichen.“ (dzievnieku-briviba.endthecageage.eu)

 

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