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Münster, 15.11.2019
Attentäter von Halle nutzte die Internetseite eines Letten: meguca.org PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 09. November 2019 um 12:59 Uhr

Rechtsextremisten haben in unbeaufsichtigten Webforen leichtes Spiel

Synagoge von HalleViele haben die Bilder der Massenmedien vom 9. Oktober 2019 noch vor Augen: Am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versuchte ein Rechtsextremist in der Stadt Halle an der Saale die Zufahrtstür einer Synagoge aufzusprengen, um mit vier selbst gebauten Schusswaffen bewaffnet in das Gotteshaus einzudringen, „um möglichst viele Personen jüdischen Glaubens [zu] töten.“ (generalbundesanwalt.de) Doch das verriegelte Tor hielt dem selbst gebastelten Sprengstoff stand und wurde so zur Rettung der 51 Versammelten.

Links im Hintergrund die Synagoge von Halle; im Vordergrund der Eingang zum Jüdischen Friedhof, Foto: Allexkoch - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Zurück auf der Straße sprach ihn die 40jährige Jana L. ohne zu provozieren auf sein Verhalten an. Er schoss solange auf sie ein, bis sie leblos am Boden zurückblieb. Er ging zur Synagoge zurück, aber auch der Zutritt über einen Hinterhof misslang. Wieder auf der Straße angelangt sprach ihn der Fahrer eines Kleintransporters an. Dieser hatte riesiges Glück, weil diesmal die vollautomatische Waffe blockierte. Dann versuchte der Täter einen weiteren Angriff auf die Synagoge, der erneut scheiterte.

„Frustriert über diesen weiteren Misserfolg fasste der Beschuldigte den Entschluss, den Ort des Geschehens zu verlassen und Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund zu töten.“ Er fuhr im seinem Leihwagen durch die Stadt und hielt an einem Döner-Laden. Dort schoss er auf einen in der Tür stehenden Kunden, den 20jährigen Kevin Sch., einem Bauarbeiter, der sich in der Pause einen Imbiss genehmigen wollte. Kevin Sch. floh ins Geschäft, doch der Attentäter verfolgte ihn, um ihn regelrecht hinzurichten. Schließlich endete die Blutspur in Landsberg, wo er noch ein Ehepaar schwer verletzte, das sich geweigert hatte, ihm sein Auto zur Verfügung zu stellen. Bei einem Schusswechsel konnten ihn endlich Polizisten stellen. (zeit.de)

Dieses Mehrfachverbrechen, das offensichtlich seine einschlägigen narzisstischen Vorbilder hatte, wäre vielleicht nie ausgeführt worden, wenn der Täter nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen hätte, sich auf diese Weise als „Held“ im rechtsextremistischen Milieu inszenieren zu können und einen Namen zu machen. Mit Videokamera behelmt standen ihm zur Verbreitung seiner Taten nicht nur die Massenmedien beiseite. Auch die Möglichkeiten des Internets werden von derartig Gesinnten für ihre Vorhaben missbraucht. Es lässt sich bezweifeln, ob ohne Mitwirkung der Massenmedien und des Internets ein Anreiz bestünde, Untaten solcher Art zu planen und auszuüben. (Es sind die vielzitierten "einsamen Wölfe", also Einzelgänger, die in einem spektakulären Gewaltakt die Chance wittern, sich gleichsam zum beliebten, respektierten, gefürchteten und vor allem beachteten Anführer eines Rudels zu erheben. Für sie haben Internet und Massenmedien die Funktion von Anbahnungsinstituten).

Der Attentäter von Halle benutzte nicht nur die Streaming- und Gamerplattform Twitch, um sein makabres 35minütiges Video live zu senden, er hatte bereits eine Woche zuvor sein „Manifest“ auf der Webseite Meguca gepostet und auf dieser Seite kurz vor der Tat einen Linkhinweis zum Twitch-Video eingefügt. Meguca ist inzwischen geschlossen. Diese Webseite gehörte zu den sogenannten „Imageboards“, auf dem Nutzer Bilder hochladen, eigene Chatforen einrichten und moderieren dürfen. Sie werden zum Teil von extrem rechts Gesinnten instrumentalisiert.

Der lettische Geheimdienst (Valsts drosibas dienests) bestätigte in dieser Woche Journalisten des TV-Magazins „Neka Personiga“ die Information, dass die inzwischen gesperrte Webadresse Meguca.org einem Letten gehörte (tvplay.skaties.lv). Die deutschen Fahnder baten ihre lettischen Kollegen um Amtshilfe, weil die Spur des Betreibers von Meguca nach Lettland führe (nra.lv). Der lettische Geheimdienst vernahm ihn inzwischen. Meguca wurde von einem Programmierer im Twenalter entwickelt, der in einem düsteren Plattenbau im Zentrum Rigas lebt. Die Journalisten fragten den stellvertretenden Geheimdienstchef Eriks Cinkus, weshalb der Attentäter ausgerechnet Meguca auswählte. Die Webseite des lettischen Staatsangehörigen könne man als verhältnismäßig unbekannt einstufen, erläuterte Cinkus. Nur einige Dutzend Nutzer, höchstens hundert seien darauf gleichzeitig online gewesen.

Für den Täter habe es zwei Gründe gegeben, Meguca zu nutzen: Auf einer solch kleinen Plattform könne man Informationen hochladen und an Diskussionen teilnehmen, ohne sich registrieren zu lassen, man müsse weder persönliche Daten noch eine E-Mail-Adresse angeben oder sich mittels sozialer Netzwerke einloggen. Zudem erfolge auf kleinen Webseiten, insbesondere den wenig bekannten, keine Zensur durch einen Administrator. Damit habe die recht große Wahrscheinlichkeit bestanden, dass auch hasserfüllte und gesetzeswidrige Inhalte und Aufforderungen gepostet wurden, die im Netz verbleiben, solange sie nicht gelöscht werden.

Nur die Nationalität des Webseitenbetreibers stelle den Zusammenhang mit Lettland her, denn der Server, der Meguca-Daten speicherte, steht in Frankreich. Deshalb waren die Daten des Attentäters nicht durch das lettische IT-System erfasst. Der lettische Programmierer sei verhört worden. Er habe kooperiert und alle geforderten Informationen über sein Portal zur Verfügung gestellt, über seine Beschaffenheit und über die Nutzer. Seine Aussage habe man an die deutschen Kollegen weitergeleitet. Vor dem lettischen Strafgesetz habe er sich keines Vergehens schuldig gemacht.

Die TV-Journalisten recherchierten zudem, dass Brenton Tarrant, der – wie soll man es ohne Zynismus formulieren – im März des Jahres „erfolgreicher“ bei seinem doppelten Moscheenanschlag im neuseeländischen Christchurch zum Massenmörder avancierte und der sehr wahrscheinlich dem Attentäter aus Halle als wichtigstes öffentlichkeitswirksames Vorbild diente (und inzwischen weltweit derart "prominent", dass es nicht mehr lohnt, den Namen zu verschweigen).

Der lettische Geheimdienst bestätigt, dass Tarrant vor seinem Anschlag mehrere Länder bereist hatte, darunter auch Lettland. Er habe sich in einer Herberge in Saldus und in einer Stadt in Vidzeme aufgehalten. Doch die Ermittlungen hätten ergeben, dass es sich um eine Erholungsreise gehandelt habe; der Terrorist habe offenbar nicht versucht, in Lettland Kontakte zu potenziellen Gesinnungsgefährten herzustellen oder zu jemandem, der seine Terroraktion unterstützt hätte. Allerdings fällt Beobachtern Tarrants auf, dass die Ideologie des Australiers erstaunlich europäisch fixiert sei.

 

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