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Münster, 01.4.2020
Lettland: Ombudsmann Juris Jansons kritisiert Behandlung mit Psychopharmaka in den Betreuungszentren PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 09. März 2013 um 00:00 Uhr

BetreuungszentrumJansons leitet ein staatliches Büro, das überprüft, ob Regierung, Ministerien, Behörden und Institutionen die Menschenrechte beachten. Der Jurist wendet sich an die Öffentlichkeit, wenn er Verstöße und Diskriminierungen feststellt. Im Februar schrieb er der lettischen Regierung einen offenen Brief, in dem er die Zustände in den Staatlichen Sozialen Betreuungszentren (Valsts sociālās aprūpes centri, VSAC) beklagt, darüber informierte er auch die Parlamentarier. Sein Team aus Juristen und Psychiatriekennern hatte diese Heime im letzten Jahr zum wiederholten Mal überprüft. Solche sind in größeren Gemeinden zu finden. Ihre Aufgabe ist es u.a., Waise, Invalide, aber auch geistig Behinderte und psychisch Kranke aufzunehmen und zu versorgen. Insgesamt werden in solchen Einrichtungen 13.035 Bewohner betreut (Stand: 31.12.2011), davon sind 6.994 Personen psychisch krank oder geistig behindert. Die Rechtshüter stellten fest, dass in diesen Häusern die Menschenrechte nicht immer beachtet werden. Jansons kritisierte, dass Heimbewohner Psychopharmaka in zu hoher Dosierung nehmen müssten. Ziel sei offenbar die Beruhigung mit chemischen Mitteln, um verhaltensauffällige Patienten leichter beaufsichtigen zu können. Die Betreuer verabreichten die Medizin, ohne über ihre Wirkung zu informieren. Eine solche Praxis verstößt gegen die Grundrechte.

Ein Betreuungszentrum in Riga, Foto: LP

 

Widerrechtliche Zustände in den Betreuungszentren

Konventionen der UNO oder des Europarats, die die Menschenrechte beinhalten, haben Konsequenzen für die nationale Gesetzgebung, auch in sozialen und psychiatrischen Institutionen. Anete Erdmane schrieb im Dezember für den Ombudsmann ein Gutachten über die Situation lettischer Psychiatriepatienten. Sie legte dar, dass die internationalen Erklärungen zu den Menschenrechten in der hiesigen Psychiatrie nur unzureichend befolgt werden. Zum Teil entspricht die lettische Gesetzgebung nicht den internationalen Vereinbarungen, zum Teil handeln Ärzte und Pfleger ohne gesetzliche Grundlage. Ein Menschenrecht ist es beispielsweise, dass Patienten über Medikamente umfassend informiert werden. Sie müssen mit der Behandlung einverstanden sein. Nur in begründeten Ausnahmefällen dürfen die Ärzte und Pfleger Zwang anwenden, dann, wenn ein psychisch Kranker sich oder andere gefährdet. Doch in den Betreuungszentren herrschen offenbar widerrechtliche Zustände. In seinem Brief an das Ministerkabinett beschreibt Jansons zahlreiche Verstöße, die, obwohl sie seit Jahren bekannt seien, weiterhin vorkommen: „Als wir die VSAC-Kontrollen fortsetzten, stellte ich fest, dass sich die Situation innerhalb von drei Jahren faktisch nicht verändert hat, denn die Heimbewohner sind weiterhin schweren Verstößen gegen die Menschenrechte ausgesetzt: Unzureichende soziale Rehabilitation, die Beschränkung des Persönlichkeitsrechts am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, unzureichende Kontrolle der Verwendung stark wirkender Medikamente, Überbelegung, Mangel an sinnvollen Aktivitäten, medizinische Behandlung ohne Information und Zustimmung der Betroffenen. Im Bericht zeige ich unter anderem auf, dass auf Basis dieser Ergebnisse keine Bewertung der Arbeitsqualität oder Effektivität der VSAC-Mitarbeiter erfolgt. Es lässt sich dagegen folgern, dass das System sozialer Pflege und Rehabilitation fortwährend unzureichend ist. Beim Besuch der VSAC-Zentren bemerkte man, dass die Mehrheit der Mitarbeiter ungeachtet ihrer niedrigen Entlohnung und geringen sozialen Absicherung gewissenhaft und mit ganzem Herzen ihre Arbeitspflichten erfüllen und versuchen, den Bewohnern nach Möglichkeit ein besseres und erfüllteres Leben in der Institution sicherzustellen.“ Doch das Bemühen des Personals reicht offensichtlich nicht. Jansons Kritik deutet darauf hin, dass auch in diesem staatlichen Bereich das Geld fehlt. Offenbar ist das Personal mit der Aufsicht überfordert. Unruhige und aggressive Heimbewohner werden nach Beobachtungen des Visitationsteams sediert, also mit Psychopharmaka schläfrig gehalten.

Juris Jansons

Der streitbare Jurist Juris Jansons, Foto: tiesibsargs.lv

 

Riskante Medikamente im täglichen Einsatz

In einer Pressemitteilung vom 20.2.13 konzentriert sich der Ombudsmann auf die Medikamentenfrage. In 28 von 44 Zentren hatte seine Kommission Missbrauch beobachtet. Anstelle von Rehabilitation und sinnvoller Beschäftigung tritt die unsichtbare chemische Zwangsjacke: „Die VSAC-Kontrollen ergaben, dass ein großer Teil der Bewohner beträchtliche Arzneidosen einnahmen, oftmals eine Vielzahl von Medikamenten gleichzeitig, dabei wurden meistens alternative Behandlungsmethoden durch Tabletten ersetzt. Die Betroffenen nahmen mehrere Medikamente auf einmal und in hohen Dosen. Für viele Patienten, die solche Arzneikombinationen nahmen, entsprach dies nicht den therapeutischen Richtlinien ihrer Störung.“ Der Ombudsmann folgert daraus, dass die Produkte der Pharmaindustrie vor allem deshalb eingesetzt werden, um das Verhalten der Insassen zu steuern. Dies geschieht ohne ihr Einverständnis: „Der Bericht zeigt, dass mehrere Heimbewohner, welche die Tabletten nicht hinunterschluckten, diese in löslicher Form eingeführt wurden. Diese Praxis bezeugt, dass mehrere Patienten die Arznei gegen ihren Willen einnahmen, was wiederum illegal ist. Nur mit Gerichtsbeschluss darf eine ärztliche Behandlung ohne Zustimmung des Betroffenen erfolgen und dies nur in einer psychiatrischen Klinik.“ Welche Folgen der massive Einsatz von Pychopharmaka haben kann, schilderte Liene Jorena am 17.2.13 dem TV-Sender LNT. Die Psychiaterin nahm an der Visitation der VSAC-Zentren teil. Sie stellte fest, dass in den Heimen eigentlich gar keine medizinische Behandlung erlaubt sei, diese aber dennoch stattfinde. Sie könne nicht ausschließen, dass die unkontrollierte Medikamentenvergabe Todesfälle verursache. Sie habe beobachtet, dass beispielsweise Patienten, die zwar intellektuell zurückgeblieben, aber nicht psychisch krank seien, solche Arzneien erhalten hätten. Zudem sei unbegründet oft Clozapin verabreicht worden, ein antipsychotisch wirkendes Mittel, das streng reglementiert sei. Wegen seiner gefährlichen Nebenwirkungen müsse das Blutbild regelmäßig kontrolliert werden, doch das sei nicht geschehen. Die Zahl der weißen Blutkörperchen könne sich verringern, das Immunsystem werde geschwächt und Infektionen, die zum Tode führen, seien möglich. Vielleicht seien Insassen schon auf solche Weise gestorben, doch entsprechende Obduktionen habe es nicht gegeben. Jorena beschreibt die rechtlose Lage der Heimbewohner: „Ziemlich häufig ist Folgendes in den Patientenakten verzeichnet: friedlich, untätig, faulenzend, keine Beschwerden. Die Therapie ist jene - und das seit vielen Jahren - wie bei akuten Psychosen - große Dosierungen mit neuroleptischen Mitteln, mit zwei, drei, sogar vier neuroleptischen Mitteln und zur Nacht ein Schlafmittel, was nicht dem Eintrag entspricht.“ Psychopharmaka sind in den letzten Jahren international ins Gerede gekommen. Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, Friedrich Walburg, beispielsweise kritisierte 2009, dass Neuroleptika zu früh und zu häufig verschrieben werden. Er warnte, dass ständige Einnahme schwere Nebenwirkungen verursachen und eine geringere Lebenserwartung zur Folge haben können. Zudem erschienen ihm Therapien ohne die Erzeugnisse der Pharmaindustrie schonender und nachhaltiger. Jüngst zeigte eine ARD-Dokumentation, wie die Industrielobby gefährliche Antidepressiva vermarktet. Die Psychiatrie scheint von Pharmakonzernen beherrscht zu werden.

Goya - Irrenhaus

"Irrenhaus" von Francisco di Goya, gemalt zur Zeit des Wiener Kongresses, Bild: Wikimedia Commons

 

Endstation Betreuungszentrum

Annija Mazapša und Ieva Leimane-Veldmeijere arbeiten für ZELDA, einer Nichtregierungsorganisation, die Menschen mit geistigen und psychischen Störungen vertritt. Im Wesentlichen teilen sie die Kritik von Juris Jansons, bemängeln aber, dass sein Bericht konkrete Namen und Orte verschweigt. Auch ihnen sind die Zustände in den Heimen seit vielen Jahren bekannt. Wie es dort zugeht, beschreiben sie auf politika.lv am Beispiel von Jānis. Er ist 35 Jahre. Die Ärzte diagnostizierten bei ihm Schizophrenie. Er gehe regelmäßig zum Psychiater, der Besuch dauere nur fünf Minuten, die reichen, um ihm starke Neuroleptika zu verschreiben. Jānis misstraue seinem Arzt und nehme die Medikamente nur unregelmäßig. Ihm sei nicht klar, warum er sie nehmen müsse und der Psychiater höre ihm niemals zu. Als Jānis zum wiederholten Mal in einer psychiatrischen Klinik gekommen sei, habe die Mutter beschlossen, dass dem Sohn die Mündigkeit abgesprochen werden müsse und er dauerhaft in ein Betreuungszentrum eingewiesen gehöre. Das habe die Mutter dem Psychiater gesagt. Jānis habe davon nichts gewusst. Erst als man ihn ins Zentrum brachte, wurde ihm bewusst, dass er seine Freiheit verloren habe. Nun lebe er bereits zehn Jahre dort. Er hause in einem kleinen Zimmer, das er mit zwei weiteren Heimbewohnern teilt. Beide seien geistig schwer behindert. Jānis könne sich mit ihnen nicht unterhalten. Er habe kein Privatleben, außer Lesen keine Möglichkeit zu geistigen Aktivitäten. Er wisse nicht, was er machen soll. Er fühle sich so wie ein Reisender, dem man eine einfache Fahrt an einen Ort spendiert habe, von dem es keine Rückkehr gibt. Er wisse nicht, wie er aus diesem Heim jemals wieder herauskomme und denke, dass sein ganzes Leben auf diese Art vorübergehe, in einem Zimmerchen mit zwei Mitbewohnern, welche mit ihm nichts gemeinsam haben. Dies ist nur ein Beispiel für jene Fälle, um die sich die ZELDA-Mitarbeiter kümmern.

Alexander I

Zar Alexander I. sah bei einem Aufenthalt in Riga, dass psychisch auffällige Personen gemeinsam mit Strafgefangenen in der Zitadelle angekettet waren. Er befahl den Bau einer psychiatrischen Anstalt, die 1824 eröffnet wurde, Bild: Wikimedia Commons

 

Alternativen sind zu kostspielig

Jansons hält die Zentren für ungeeignet, um psychisch Kranke oder geistig Behinderte zu therapieren. Er schlägt Alternativen vor: Pflege und Betreuung in Familien, in Wohnungen für Kleingruppen oder in Tageskliniken, dann erhielten die Betroffenen eine Chance, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Dieser stellt er im Umgang mit solchen Erkrankungen kein gutes Zeugnis aus. Seine allgemeine Kritik trifft wohl nicht nur auf lettische Verhältnisse zu. Die Neigung, das Thema aus der Öffentlichkeit zu verbannen, ist auch in anderen Ländern zu beobachten: „Derzeit ist der gesellschaftliche Umgang mit den Fragen, welche sich auf die geistige Gesundheit beziehen, allgemein reserviert, ja sogar unangenehm. Es ist kein Geheimnis, dass ein Großteil der Gesellschaft sich Personen mit Entwicklungsstörungen und seelischen Erkrankungen meistens derart isoliert wünscht, dass von ihnen niemals etwas zu sehen oder zu hören ist. Und dennoch sind diese Menschen ein Teil unserer Gesellschaft.“ Es sei ein Irrtum, wenn manche heutzutage glaubten, dass sie von solchen Fragen nicht betroffen seien. Die Statistik sei unerbittlich, die Zahl der Personen, die seelisch erkranken, werde größer. Ebenso die Zahl der Kinder, welche mit geistigen Entwicklungsstörungen geboren werden. Ieva Jaunzeme, Staatssekretärin des Sozialministeriums, reagierte am 19.2.13 auf die Kritik des Ombudsmanns. Sie wies Anschuldigungen zurück und äußerte ihrerseits persönliche Vorwürfe. Jansons unterstellte sie, sich zulasten des Sozialministeriums in der Öffentlichkeit beliebt zu machen. Den Beamten ihres Ministeriums sei es von seinem Büro verwehrt worden, sich an der Diskussion zu beteiligen. Bei den Mitarbeitern der Betreungszentren müsse er sich entschuldigen. Das Visitationsteam habe die Kritik verallgemeinert, dabei besuchten täglich mehr als 5000 Bedürftige die VSAC-Häuser. Die Heimbewohner würden nicht eingewiesen, sondern wohnten freiwillig in den Zentren, 357 Personen warteten derzeit auf einen Platz. Die Medikamente würden von Ärzten verschrieben, 21,4 Prozent der Bewohner erhielten momentan Psychopharmaka. Jaunzeme zeigte sich allerdings für die Vorschläge alternativer Behandlungen dankbar. Doch die Kommunen, die die psychosoziale Betreuung bezahlen, hätten Schwierigkeiten solche anzubieten. Dafür müssten sie EU-Fördermittel beantragen. Solche Projekte seien aber zeitlich befristet, danach sei die Finanzierung fraglich.

 

 

Externe Linkhinweise:

welt.de: Zu viele Psychopillen senken die Lebenserwartung

ardmediathek.de: Gefährliche Glückspillen - Milliardenprofite mit Antidepressiva

wdr5.de: Arme Irre - Zurück zur Nachkriegspsychiatrie

rbb-online.de: Schicksal Psychiatrie: Wie Psychiater das Leben der Vera Stein zerstörten

tiesibsargs.lv: Valsts sociālās aprūpes centros iemītnieku ķīmiskā ierobežošana tiek lietota kā sociālās rehabilitācijas aktivitāšu alternatīva

tiesibsargs.lv: Par Labklājības ministrijas amatpersonu izteikumiem

tiesibsargs.lv: „Pacientu cilvēktiesības atrodoties psihoneiroloģiskajā slimnīcā”

delfi.lv: Psihiatre neizslēdz: neuzraudzīta zāļu lietošana sociālajos centros varēja izraisīt nāves gadījumus

politika.lv: REPLIKA: Sociālās aprūpes centru realitāte

nra.lv: Ieva Jaunzeme: Tiesībsargs ir parādā atvainošanos

delfi.lv: LM: Tiesībsargu neinteresē paveiktais sociālās aprūpes uzlabošanā

 

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