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Münster, 28.3.2017
Lettland: Der Rückblick auf das Sportjahr 2016 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Donnerstag, den 15. Dezember 2016 um 00:00 Uhr

Nur Oskars Melbardis erfüllt die Hoffnungen der lettischen Fans

Karikatur von Giovanni ChiesaWenn die Lettische Presseschau gegen Ende des Jahres eine sportliche Bilanz zieht, fällt diese in der Regel wenig positiv aus. So auch heuer. Schlimmer noch, um dem Sportjahr 2016 Positives abzugewinnen, muss weit zurückgegangen werden, bis tief in den letzten Winter hinein. Dieser Rückblick rollt das Sportfeld von hinten auf und beginnt mit den Ereignissen, die noch nicht so lange her sind.

Brot und Spiele für die Fabrikarbeiter, Foto: Giovanni chiesa - Eigenes Werk, Gemeinfrei, Link

 

Überaus bescheiden waren die jüngsten Leistungen auf dem grünen Rasen. In die WM-Qualifikation startete die von Marians Pahars trainierte izlase mit einem Sieg in Andorra. Das war standesgemäß. Andorra ist 203. der FIFA-Weltrangliste (es geht nur bis Platz 205 runter; dort steht, wer wirklich noch überhaupt nichts gewonnen hat). Andererseits sollte gegen einen solchen Gegner, selbst in einem Auswärtsspiel, mehr drin sein als ein Erfolg mit der Minimaldifferenz. Gleich am zweiten Spieltag setzte es in Riga die erste Pleite. Die Gäste von den Färöern - auf den paar Inseln im Nordatlantik leben weniger Menschen als in Jurmala - erzielten zwei Tore, den Gastgebern gelang gar keins. Gegen die favorisierten Ungarn unterlagen die Rotweißroten mit demselben Ergebnis. Immerhin schafften es die Letten beim Rencontre mit Europameister Portugal, einen Treffer zu erzielen. Allerdings kassierten sie auch vier. In der Qualifikationsgruppe B überwintert die izlase auf dem vorletzten Platz und hat bereits jetzt so gut wie keine Chance mehr, die WM-Fahrkarte nach Russland zu lösen. Alles andere wäre freilich eine Überraschung gewesen. Nachdenklich und traurig macht vor allem die Tatsache, dass Lettland in der Weltrangliste auf Position 112 abgerutscht ist, die schlechteste Platzierung seit Einführung dieser Wertung. Zum Vergleich: Die Färöer rangieren derzeit an 84. Stelle.

Fussballkater

Der lettische Fußballkater in der Tretmühle des Misserfolgs, Foto: Jacquelinekato - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Der Vereinsfußball bietet das gewohnt traurige Bild, mit zwei doch erwähnenswerten Ausnahmen. Immerhin verlief die nationale Meisterschaft dieses Jahr einigermaßen spannend. Der Champion war ein überraschender: Er kommt aus der lettischen Stadt, deren Einwohnerzahl derjenigen der Färöer am nächsten kommt. Richtig geraten beziehungsweise messerscharf geschlossen: Spartaks Jurmala! (Wenigstens in diesem Artikel lohnt es sich, am Ball zu bleiben). Der Erfolg der Badestädter ist auch ein wenig dem Umstand geschuldet, dass Titelverteidiger Liepaja mal wieder ein Finanzproblem hat, der FK Ventspils nicht zur Form der letzten Jahre fand und Skonto Riga erst gar keine Lizenz für die abgelaufene Saison erhielt. Ein Lichtblick war das Auftreten des FK Jelgava. Die Kurländer landeten punktgleich mit Ventspils auf Platz drei der Tabelle. Sie gewannen auch den lettischen Pokal, nach einem Einszunullsieg im Finale über Jurmala. Für noch mehr Furore sorgte Jelgava in der Qualifikation zur Europa League. Nach dem Erstrundentriumph über den isländischen Vertreter aus Breidablik hieß der Gegner Slovan Bratislava. Anno 1968 hatten die Slowaken, damals noch Teil der ČSSR, den Europapokal der Pokalsieger gewannen, gegen niemand geringeren als den FC Barcelona im Endspiel. Nachdem das Hinspiel an der Donau torlos endete, stellten Glebs Kluskins per Elfmeter und Boriss Bogdaskins einen nicht für möglich gehaltenen Erfolg sicher. Endstation in der nächsten Runde war Beitar Jerusalem. Das erste Aufeinandertreffen im Rigaer Skonto stadions endete Remis, nachdem Vitalijs Smirnovs den Führungstreffer der Gäste ausgeglichen hatte. Im Rückspiel in Jerusalem eine Woche später hatte der FK Jelgava keine Chance. 3:0 hieß es am Ende für die Israelis, das Ergebnis stand bereits nach 47 Minuten fest. Absolut nichts zu bestellen hatte der andere lettische Vertreter in der Europa League-Qualifikation. In zwei Spielen brachte der FK Ventspils gegen den FC Aberdeen, ebenfalls ein früherer Gewinner des Europapokals der Pokalsieger, kein Tor zustande. Auf der anderen Seite standen insgesamt vier Treffer zu Buche, und die lettischen waren gegen die schottischen Hafenstädter sang- und klanglos ausgeschieden. In den Ausscheidungsspielen zur Champions League scheiterte der FK Liepaja am österreichischen Meister. Auch in diesem Wettbewerb gelang den Letten kein Tor, die Kontrahenten aus Salzburg siegten daheim 1:0 und auswärts 2:0.

Beerstraaten
Gemälde von Anthonie Beerstraaten, Eisvergnügen an der Stadtmauer, Foto: http://www.dorotheum.com, Public Domain, Link

Bislang hielt der Kufensport immer einen Trost für die lettische Sportgemeinde bereit. Auch dieses Jahr war es so, wenn auch ganz anders als erwartet. Die erfolgsgewohnten Eishockeyspieler lieferten eine der größten Enttäuschungen in ihrer doch recht ruhmreichen Geschichte ab. Nach der Weltmeisterschaft in Russland titelte die Presseschau noch: „Die izlase schafft den Klassenerhalt“, in der Unterzeile hieß es hoffnungsfroh: „Olympiaqualifikation 2018 im Visier.“ Das Turnier begann verheißungsvoll. Gegen die Schweden wurde erst in der Verlängerung und gegen die Tschechen gar nach Penaltyschießen verloren. Richtig baden ging man nur gegen Russland, nullzuvier. Dann gab es ein umkämpftes 4:5 gegen die Schweiz. Bislang hatten die Rotweißroten meist gut gespielt, nun musste auch mal ein Sieg her. Gegen Dänemark schien ein solcher realistisch, doch setzten sich die Skandinavier im Penaltyschießen durch. Nach regulärer Spielzeit und fünfminütiger Verlängerung hatte es 1:1 gestanden. Das Viertelfinale war außer Reichweite, die Entscheidung um den Klassenerhalt musste im Duell mit Kasachstan fallen. Hier hatten die Letten das bessere Ende. Fünf Minuten vor der Schlusssirene gelang Maris Bicevskis der Siegtreffer.

Eishockey-Skulptur

Eishockey mal ganz aus Eis, Foto: Andrew Plumb from Ottawa, Ontario, Canada - Ice Hockey, CC BY-SA 2.0, Link

Die Entscheidung, welche Eishockeynationen am Olympischen Turnier 2018 im südkoreanischen Pyeongchang teilnehmen durften, fiel im September. Ein Startplatz wurde in Riga vergeben, die Mitbewerber waren Österreich, Japan und Deutschland. Gegen die ersten beiden Konkurrenten landete die izlase leichte Siege. Da auch die Deutschen verlustpunktfrei durch die Begegnungen mit diesen beiden Mannschaften gekommen waren, musste die Entscheidung über die Ticketvergabe im abschließenden Duell mit den Gastgebern fallen. Die bessere Platzierung in der Weltrangliste und der daraus resultierende Heimvorteil sprachen für die Rotweißroten, die andere Seite verzeichnete nicht weniger als fünf Stars aus der nordamerikanischen Profiliga in ihren Reihen. Eine Zweitoreführung der Gäste vermochten Miks Indrasis und Martins Karsums noch auszugleichen. In der 55. Minute gingen die Deutschen erneut in Führung, als sie eine Strafzeit für Kaspars Daugavins wegen Beinstellens zu nutzen wussten. Darauf hatten die Letten keine Antwort parat, obwohl sie die letzten drei Minuten einen Spieler mehr auf dem Eis hatten. Die Deutschen dürfen nach Südkorea fahren, erstmals seit den Spielen von 1998 in Nagano findet eine Winterolympiade ohne lettische Eishockeybeteiligung statt.

Bobbahn Sigulda

Lettische Kufenfahrer üben auf der Bobbahn in Sigulda, Foto:  Latvijas Pasts (Latvian Post) - Gemeinfrei, Link

Die Erfolgsgeschichte haben wir uns für den Schluss aufbewahrt. Auch sie trug sich auf Kufen zu, wenn auch nicht in einem Eisstadion, sondern in einem Eiskanal. Der befindet sich in Tirols Hauptstadt, genauer gesagt im Innsbrucker Ortsteil Igls. Dort fand im Februar die Viererbobweltmeisterschaft statt. Hauptkonkurrent waren wieder einmal die Deutschen, die auch gleich drei von vier Goldmedaillen abräumten. Nur in der Königsdisziplin boten ihnen die Letten Paroli. Vier Läufe in zwei Tagen waren im Viererbobweltmeisterschaftswettbewerb zu absolvieren. Zur Halbzeit rangierte Oskars Melbardis mit seinem Team scheinbar aussichtslos auf Platz sieben. Deutlich in Führung lag der deutsche Fahrer Francesco Friedrich. Eine Woche zuvor an gleicher Stelle war der Sachse bereits Zweierbobweltmeister geworden. In einem furiosen dritten Durchgang reduzierte Melbardis den Rückstand auf zwar immer noch deutliche, aber nicht uneinholbare 17 Hundertstelsekunden. Im letzten Lauf leistete sich der Favorit und immer noch Führende zwei Patzer. Sie reichten Melbardis, um mit vier Hundertstelsekunden Vorsprung an Friedrich vorbeizuziehen. Es war das erste Weltmeisterschaftsgold für Lettland in einem Bobwettbewerb überhaupt. Neben Melbardis durften sich auch seine Kopiloten Daumants Dreiskens, Arvis Vilkaste und Janis Strenga die begehrte Medaille umhängen.

Ach ja, Olympische Sommerspiele gab es 2016 auch noch. Die Medaillenbilanz der lettischen Teilnehmer: null.

 

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